Das aktuelle Wetter NRW 13°C
Interview mit Utz...

"Ich habe keinen Grund, mich zu rechtfertigen"

01.02.2008 | 07:33 Uhr
"Ich habe keinen Grund, mich zu rechtfertigen"

Essen. Während in der Politik heiß über zu hohe Managergehälter diskutiert wird, sieht Ex-EnBW-Chef Utz Claassen dafür keinen Grund. Vielmehr sei in puncto Sozialverantwortung wichtig, ob jemand "mit seiner Verantwortung und Macht vernünftig umgeht".

Herr Claassen, Sie sind seit Oktober bei EnBW nicht mehr im Amt, waren aber gleichwohl auf Grund ihrer verrenteten Vertragsauszahlung von 400 000 Euro im Jahr Gegenstand der Debatte um Managergehälter. Wie sehen Sie das im Rückblick?

Claassen: Ich habe immer auf dem Standpunkt gestanden, dass man eine solche Debatte führen sollte und sich ihr stellen muss. Ich war als EnBW-Chef wohl der erste Manager in der deutschen Wirtschaft, der schon 2004 Transparenz gefordert und die auch im Unternehmen durchgesetzt hat. Ich bin allerdings auch der Auffassung, dass über diese Transparenz hinaus das Gebot der Vertragstreue und der vertraglichen Vertraulichkeit Bestand haben muss.

400 000 Euro Rente im Jahr, das stößt bei vielen auf Unverständnis.

Claassen: Eine solche Debatte muss sachlich und Fakten basiert geführt werden. Der Eindruck, der zum Teil gezielt erweckt wurde, bei meiner Regelung handele es sich um eine ganz besondere nahezu singuläre Regelung, ist objektiv falsch. Wahr ist, dass mein Ruhegehalt im Prozentsatz deutlich unter dem liegt, was sonst im Markt üblich ist. Fakt ist auch, dass mir verschiedene Manager bekannt sind, die weit mehr als das Doppelte an Versorgungsansprüchen haben.

Eine Rechtfertigung?

Claassen: Ich habe keinen Grund, mich zu rechtfertigen. Sozialverantwortung zeigt sich im Übrigen nicht in der Frage eines möglichst niedrigen Gehaltes, sondern in der Frage, ob jemand mit seiner Verantwortung und Macht vernünftig umgeht. Es gibt wohl kein Unternehmen, dass durch einen teuren Manager Pleite gegangen ist, aber viele, die durch schlechte Manager Pleite gegangen sind.

Die SPD diskutiert eine Begrenzung bei Gehältern und Abfindungen.

Claassen: Gibt es einen Einzigen in Deutschland, der ernsthaft glaubt, es ginge den Menschen besser, wenn man einzelnen Managern das Gehalt halbiert? Was würde wohl geschehen, wenn wir Bundesligaspielern die Gehälter begrenzen und Ribery oder van der Vaart morgen nicht mehr in Deutschland spielen? Es gäbe einen gesellschaftlichen Aufschrei. Wir müssen in jeder internationalen Branche attraktiv sein, nicht nur, um Deutsche hier zu behalten, sondern auch um Spitzen-Koreaner oder -Engländer ins Top-Management zu bekommen.

Was die Leute bewegt, ist die Einkommens-Schere, die immer weiter auseinandergeht.

Claassen: Ich glaube, das rührt an unserem Grundproblem: Die ökonomischen und politischen Notwendigkeiten ergeben sich aus globalen Prozessen. Die subjektiv wahrgenommene Lebensrealität ist aber lokal, regional oder national. Da kommt diese Schere her, die durchaus ein Problem ist.

Inwiefern?

Claassen: Es existiert ein Systembruch zwischen der nationalen Werteordnung der sozialen Marktwirtschaft, die ich ohne Wenn und Aber teile, und den ganz anders ablaufenden Regeln der globalen Wettbewerbswirtschaft.

Die Wirtschaft wächst, aber der Aufschwung kommt nicht bei den Menschen an.

Claassen: Genau das ist es. Aber warum ist das so? Weil wir einen 20 bis 30 Jahre währenden Anpassungsprozess vor uns haben, um uns gegen ganz neue Wettbewerber behaupten zu können.

China und Indien?

Claassen: Und zwar in mehrfacher Hinsicht. In den letzten zehn Jahren hat sich Fundamentales verändert: Unsere traditionellen Treiber der Wohlstandszuwächse haben ihre Kraft verloren. Deutschland war ein halbes Jahrhundert erfolgreich, weil es bessere Produkte, besser Produktionstechnologien und bessere Qualitätssicherungssysteme hatte – das war Made in Germany.

Und heute?

Claassen: Jetzt leben wir in einer Welt der Bits und Bytes, der unbegrenzten Mobilität. Alle haben gleich schnell Zugang zu allen Informationen und Materialien. Ein Spitzenautomobil in Deutschland war vor 50 Jahren erst nach 15 bis 20 Jahren in China verfügbar. Das war das Zeitdelta, das unseren Wohlfahrtsstaat ermöglichte und ausmachte. Das aber ist heute weg.

China und Indien sind so gut wie wir?

Claassen: China und Indien sind völlig neue Wettbewerber. In 30 Jahren wird das chinesische Wohlstandsniveau auf dem unsrigen sein. Wir werden nicht auf das chinesische Niveau absinken, die Chinesen werden enorm zulegen. Aber in den nächsten 20 bis 30 Jahren werden wir den Druck haben, dass unsere Produktivitätszuwächse so nicht mehr im Lohn weitergegeben werden können. Der Aufschwung kommt nicht an – das wird uns über Jahrzehnte begleiten.

Das hört sich bei Frau Merkel und Herrn Beck anders an.

Claassen: Die Politik hat generell nicht den Mut oder die Fähigkeit, den Widerspruch zwischen globalen Zwängen und lokalem Empfinden zu erklären. Im Gegenteil sagt die Politik, ihr habt das Schlimmste hinter euch.

Ein Prinzip unsere Gesellschaft lautet: Wenn du dich anstrengst, geht es dir besser. Das fällt damit auch weg?

Claassen: Die Regeln, wenn du dich anstrengst, geht es dir ordentlich, wenn du hart arbeitest, kannst du davon leben, müssen erhalten bleiben, sonst bricht die Gesellschaft auseinander. Aber der Grundsatz, wenn du drei Prozent besser arbeitest, geht es dir drei Prozent besser, der gilt nicht mehr. Jedenfalls nicht, wenn die Chinesen in der selben Zeit zehn Prozent besser werden.

Auch Kapital ist flüchtig, siehe die geplante Verlagerung von Nokia aus Bochum nach Rumänien.

Claassen: Ich habe zwei generelle Anmerkungen. Wenn Management vorrangig darin besteht, alle zehn Jahre den Standort zu wechseln, ist das unternehmerisch nicht sehr überzeugend. Wenn Politik aber heißt, ich schließe bis 2006 einen Vertrag ab und beschwere mich 2008 darüber, dass der Vertrag ausgelaufen ist, dann hätte ich besser Verträge bis 2020 machen müssen.

Eine heuchlerische Politik?

Claassen: Dieselbe Politik, die letzte Woche Nokia im Kontext mit rumänischen Löhnen kritisiert hat, bejubelt jetzt den Vorschlag der EU zum Klimaschutz, der dazu führt, dass 75 Prozent der CO2-Einsparungslast allein von Deutschland zu tragen sind. Rumänien, Spanien und andere werden dabei deutlich bevorzugt. Und dann wundert sich die Politik, dass Wettbewerbsfähigkeit verlorengeht. – Und der Aufschwung nicht bei allen ankommt.

Sie sind seit Oktober nicht mehr bei EnBW, was machen Sie jetzt den ganzen Tag?

Claassen: Ich leite die BDI-Initiative zn Innovationsstrategien und Wissensmanagement, eine faszinierende und spannende Aufgabe. Ich arbeite an einem neuen Buchprojekt und nutze den Wegfall von Gremiensitzungen, um mich mit ökonomischen und gesellschaftlichen Fragen in einer Tiefe zu befassen, wie es sonst nicht möglich ist.

Dann haben Sie auch mehr Zeit für die Familie.

Claassen: Ich habe immer noch einen 16 Stunden Tag, kann ihn aber freier einteilen, ja. Sie können aber sicher sein: Mein Ziel ist es nicht, ein Dasein als Frührentner zu führen. Sie werden von mir hören.

Das Gespräch fassten Lothar Petzold und Thomas Wels zusammen.

Lothar Petzold und Thomas Wels

Facebook
 
Videos die Sie interessieren könnten
Kommentare
23.08.2009
22:51
Ich habe keinen Grund, mich zu rechtfertigen
von Nico | #16

# 15 Buerger1953

schließe mich ohne weiteren Kommentar Ihrer Meinung an.

Das schlimme ist, dass die vertretene Auffassung von Herrn Classen noch durch unsere Bänker und Politiker getoppt wird.

Die Bänker, in dem sie mit dem Geld der Steuerzahler, denn nur dadurch wurden die von ihnen an den Abgrund gezockten Institute halbwegs gerettet, genauso weiter machen wie zuvor.

Die Politiker, die.... nee, habe keinen Bock mehr dazu noch weiteres zu äüßern.

Grüße
Nico

10.07.2009
16:04
Ich habe keinen Grund, mich zu rechtfertigen
von Buerger1953 | #15

Nachdem ich das Interview mit Herrn Classen gelesen habe und meine Übelkeit nachgelassen hat bin ich wieder in der Lage zu schreiben. Ich empfinde die Stellungnahme als Schlag ins Gesicht eines jeden Menschen der ehrlich arbeitet .
Ein Mensch, der diese finanzielle Abzocke auch noch verteidigt ekelt mich an.
Ich muß mir jetzt was gegen mein Herpes kaufen.

10.07.2009
10:59
Ich habe keinen Grund, mich zu rechtfertigen
von klartexter | #14

Claassen will etwas von sich hören lassen. Vielleicht hört man demnächt etwas von ihm wie seiner Zeit von Alfred von Herrhausen.

10.01.2009
16:04
Ich habe keinen Grund, mich zu rechtfertigen
von Buerger1953 | #13

Nachdem ich das Interview mit Herrn Classen gelesen habe und meine Übelkeit nachgelassen hat bin ich wieder in der Lage zu schreiben. Ich empfinde die Stellungnahme als Schlag ins Gesicht eines jeden Menschen der ehrlich arbeitet .
Ein Mensch, der diese finanzielle Abzocke auch noch verteidigt ekelt mich an.
Ich muß mir jetzt was gegen mein Herpes kaufen.

02.02.2008
14:10
Ich habe keinen Grund, mich zu rechtfertigen
von dickschaedel | #12

Ein Interview mit genau dem Richtigen...
Von der Altersversorgung die Herr Claassen ausgehandelt hat, könnten auch Arbeitsplätze erhalten bleiben. Leider wird der Abbau von Arbeitsplätzen gern (vorrangig) zur Kostenminimierung herangezogen. Schön wären doch Abstriche bei den Managergehältern und deren Altersversorgungen zur Kostenreduzierung. Die Manager bekommen aber noch einen Bonus. Ob da unterm Strich noch von Einsparung gesprochen werden kann?
Zur Altersversorgung noch eine Anmerkung: die kriegt Herr Claasen nicht einfach so. Irgend eine tolle Mannschaft von Rechenkünstlern muss die ja genehmigt haben.

01.02.2008
15:58
Ich habe keinen Grund, mich zu rechtfertigen
von fireb | #11

Es ist doch wie immer. Was kümmern mich all diese Vermutungen wer un wirklich Schuld hat. Am ende wird der Schwarze Peter doch nur hin und her geschoben.

31.01.2008
20:52
Ich habe keinen Grund, mich zu rechtfertigen
von urli | #10

Aufgeplasener Fatzke!

31.01.2008
18:40
Ich habe keinen Grund, mich zu rechtfertigen
von hayek | #9

@p_s_a

Der Maschinenbau hat natürlich Absatz in China, allerdings gibt es nicht wenige, die eine Kopie ihrer Maschinen zu Bruchteilen des eigenen Preises dann auf asiatischen Messen wiedersehen.

Die gleiche Diskussion gab es vor einigen Jahrzehnten schon einmal in Deutschland. Damals schickte Japan sich an, zu einer wirtschaftlichen Weltmacht aufzusteigen. Die haben am Anfang auch Produkte kopiert auf Teufel komm raus (gerade auch deutsche Produkte, weil die ihn Japan einen sehr hohen Prestigewert haben). Hat es uns geschadet? Nein. Nach rasantem Wachstum mit Plagiaten hat Japan seinen eigenen Weg gefunden und ist heute eine führende Hightech-Nation mit genug eigenen Ideen. Heute ist Japan ein wichtiger und guter Handelspartner für uns. Anders wird das mit China auch nicht laufen.

31.01.2008
18:34
Ich habe keinen Grund, mich zu rechtfertigen
von p_s_a | #8

Es ist doch ein wenig naiv anzunehmen, die Lohndrückerei würde Breitenwohlstand befördern. Da wäre doch eine Rechnung interessant, wie lange muß ein Rumäne arbeiten um seine selbst produzierten Produkte zu kaufen und wie lange ein deutscher.

Der Maschinenbau hat natürlich Absatz in China, allerdings gibt es nicht wenige, die eine Kopie ihrer Maschinen zu Bruchteilen des eigenen Preises dann auf asiatischen Messen wiedersehen. Es ist ein recht kurzlebiges Plus das dort entsteht. Ähnliches wissen Ingenieure zu berichten, die dort Berateraufträge ergattert haben. Nach der Schulung werden die Schüler zu Lehrern ihre Landsleute. China setzt ganz klar auf inländische Produktion - eine Entscheidung, die Brasilien ein langen Aufstieg beschert hatte, der beendet wurde als die Präferenzen auf Druck von außen wieder anders gesetzt wurden.

31.01.2008
17:07
Ich habe keinen Grund, mich zu rechtfertigen
von dergeileessener | #7

auch wenn man mit Claassen nicht einer meinung sein muss, er ist ein beispiel das sich gute schulische leistungen lohnen können und eigeninitiative doch etwas bewirken kann.
allerdings kann nun nicht wirklich jeder ein abi von 0,7 machen.
irgendeiner muss ja noch den dreck wegmachen überspitzt gesagt.

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/472221/create

Umfrage
Das Aus für die Drogeriekette Schlecker ist besiegelt. Werden Sie Schlecker vermissen?

Das Aus für die Drogeriekette Schlecker ist besiegelt. Werden Sie Schlecker vermissen?

 
Aktuelle Fotos und Videos
Das Samsung Galaxy S III
Bildgalerie
Smartphones
Die wertvollsten Marken der Welt
Bildgalerie
Markenvergleich
"Lasst Opel nicht sterben"
Bildgalerie
Opel Bochum
Aus dem Ressort
Wochenendarbeit wird immer mehr zum Normalfall
Berufsleben
Immer mehr Menschen in Deutschland müssen am Wochenende arbeiten. Ihr Anteil ist in den vergangenen 20 Jahren rasant gewachsen. Wie der DGB herausfand, hat das gravierende Auswirkungen auf die Arbeitnehmer.
Bei Schlecker-Frauen herrscht Hoffnungslosigkeit
Schlecker-Aus
Bis zuletzt hatten viele Schlecker-Frauen auf die Rettung ihres Arbeitgebers gehofft. Vergeblich. Im Raum Dortmund sowie in Südwestfalen verlieren hunderte ihre Arbeit. „Jetzt bin ich zum ersten Mal in meinem Leben arbeitslos“, sagt eine Betriebsrätin aus Dortmund.