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GM-Chefin Mary Barra: „Wir sind bescheiden, aber hungrig“

12.02.2016 | 06:48 Uhr
GM-Chefin Mary Barra: „Wir sind bescheiden, aber hungrig“
Mary Barra will mit Opel in eine rosige Zukunft starten. Foto: REUTERS

Berlin.  GM-Chefin Mary Barra sieht die Opel-Mutter auf dem Weg zu dem innovativsten Autokonzern der Welt. Im Interview erzählt sie, warum.

„Nie mehr besch… Autos bauen.“ Mit diesem An- und Ausspruch trat Mary Barra im Januar 2014 ihren Job als Vorstandsvorsitzende der Opel-Mutter General Motors (GM) an. Zwei Jahre – und einen Zündschlossskandal – später blickt die 54-jährige Konzernchefin auf alte Wunden und neue Ziele. Mit unserer Redaktion sprach sie über Diesel-Abgaswerte, elektrische und selbstfahrende Autos – und die Opel-Zukunft.

Vor etwas mehr als einem Jahr hat die GM-Tochter Opel die Autoproduktion in Bochum eingestellt. War die Schließung des Werks wirklich unvermeidlich?

Mary Barra: Es war eine sehr schwierige Entscheidung. Aber wir mussten unsere Überkapazitäten in Europa und Deutschland abbauen. Daher war der Schritt notwendig.

Stehen weitere Werksschließungen in Europa an?

Barra: Nein. Wir wollen in diesem Jahr mit Opel die Gewinnschwelle durchbrechen. Das steht im Mittelpunkt. Und wir wollen mit den Werken, die wir haben, kontinuierlich wachsen.

General Motors hat im vergangenen Jahr einen Rekordgewinn eingefahren, aber Opel blieb in der Verlustzone. Können Sie damit zufrieden sein?

Barra: Opel ist auf dem richtigen Weg. 2016 wird ein entscheidendes Jahr. Opel hat viel dafür getan, sich kontinuierlich zu verbessern. Wir arbeiten jetzt deutlich effizienter und haben die Marke gestärkt. Mit unseren Modellen Karl, dem neuen Corsa, dem Mokka und dem neuen Astra sind wir erheblich schlagkräftiger geworden.

Wie wichtig ist Opel für General Motors insgesamt?

Barra: Opel spielt eine immens wichtige Rolle für GM. In Rüsselsheim befindet sich unsere Europa-Zentrale. Der europäische Markt ist unglaublich wichtig. Und auch von der Kompetenz der mehr als 7000 Opel-Ingenieure profitiert GM weltweit.

Was können die Ingenieure in Rüsselsheim, was die GM-Kollegen in Detroit oder im Silicon Valley nicht können?

Barra: Wir haben ein sehr begabtes Team in Deutschland. Wir profitieren von der Vielfalt an unseren Standorten und setzen auf Zusammenarbeit. Unsere Ingenieure an unterschiedlichen Stellen auf der Welt helfen uns auch, die Kunden auf verschiedenen Märkten besser zu verstehen. Und schauen Sie sich nur den GT Concept an, der auf dem Genfer Automobilsalon seine Weltpremiere feiern wird: Dieser Sportwagen der Zukunft zeigt das neue Opel-Selbstbewusstsein.

Bekommen die Ingenieure aus Deutschland ein Imageproblem angesichts des Diesel-Skandals von Volkswagen?

Barra: Zur Situation von VW möchte ich mich nicht äußern. Das Opel-Team genießt jedenfalls ein hohes Ansehen – überall auf der Welt.

Hat der Diesel jetzt noch eine Chance auf dem US-Markt?

Barra: Auf jeden Fall. Die Diesel-Technologie spielt auch für uns eine wichtige Rolle und wir haben inzwischen auch einige Chevrolet-Modelle mit Dieselmotor auf den Markt gebracht.

Können Sie den Kunden in Deutschland versprechen, dass bei den Diesel-Fahrzeugen von Opel alles korrekt und sauber ist?

Barra: Unsere Fahrzeuge erfüllen die erforderlichen Abgasgrenzwerte. Sie haben alle erforderlichen abgasbezogenen Typzulassungstests erfolgreich durchlaufen. Es gibt keine GM-Software, die erkennt, ob ein Auto auf einem Prüfstand betrieben wird. Doch die Diskussion geht mittlerweile weiter. Die Frage lautet: Wie können wir bei den Tests für die Zulassung der Fahrzeuge die realen Begebenheiten möglichst gut darstellen? Wir arbeiten daran, uns hier weiter zu verbessern.

Der Skandal um defekte Zündschlösser, die vor einigen Monaten in den USA zu zahlreichen Todesfällen geführt haben, hat GM in eine Krise gestürzt. Können Sie sicherstellen, dass sich so etwas nicht wiederholt?

Barra: Wir tun dafür alles, was in unserer Macht steht. Wir haben unsere Produktentwicklung grundlegend verändert und stellen die Sicherheit immer an die erste Stelle.

Wünschen Sie sich staatliche Kaufanreize für Elektroautos in Deutschland?

Barra: Es gibt viele Wege, wie Regierungen dazu beitragen können, Elektromobilität attraktiver zu machen. Eine Infrastruktur mit einer ausreichenden Zahl von Ladesäulen ist wichtig. Ich freue mich, dass Kanzlerin Merkel erklärt hat, die Bundesregierung wolle an dieser Stelle intensiv mit der Industrie zusammenarbeiten. Auch Kaufanreize können helfen. Generell gilt in unserer Branche: Wenn die Stückzahlen steigen, verringern sich die Kosten. Wenn für eine bestimmte Zeit Vergünstigungen dazu beitragen, Elektroautos erschwinglicher zu machen, profitieren alle davon.

Man kann den Eindruck bekommen, sie möchten GM neu erfinden.

Barra: Mir geht es um stetige Verbesserungen, die wir möglichst schnell erreichen wollen. Wir wollen der werthaltigste Autokonzern der Welt sein. Daran arbeiten wir jeden Tag und wir wissen, dass noch einiges zu tun ist. Wir sind bescheiden, aber hungrig.

Wann wird das selbstfahrende Auto alltäglich sein?

Barra: Wann genau das sein wird, kann ich nicht sagen. Aber ich bin überzeugt davon, dass sich die Autoindustrie in den kommenden fünf oder zehn Jahren stärker verändern wird als in den vergangenen 50 Jahren. Schon jetzt sind so viele Systeme im Auto elektronisch gesteuert. Die Digitalisierung wird die Autobranche revolutionieren.

Sind Apple und Google die neuen Konkurrenten von GM?

Barra: Dass es nicht nur die klassischen Autokonzerne sind, die neue Mobilitätslösungen ausloten, zeigt, wie groß die Möglichkeiten sind. Für GM ist klar: Wir wollen führend sein.

Wollen die Menschen überhaupt selbstfahrende Autos? Möchten sie nicht selbst die Kontrolle über ihr Fahrzeug haben?

Barra: Den Kunden werden zusätzliche Möglichkeiten eröffnet. Ich liebe das Autofahren, aber wenn ich im Stau stecke, ist es kein Spaß. Selbstfahrende Autos können dazu beitragen, dass es weniger Staus gibt. Ältere Menschen, die nicht mehr fahrtauglich sind, können ebenfalls von der neuen Technologie profitieren. Auch die Sicherheit im Straßenverkehr ließe sich verbessern.

Welche Botschaft haben Sie für die Opel-Beschäftigten in Rüsselsheim, Eisenach, Kaiserslautern und Bochum?

Barra: Ich bin sehr stolz auf die Fortschritte, die wir erreicht haben. Ohne Ehrgeiz gibt es keine Verbesserungen. Wir sind gut positioniert, um in diesem Jahr die Gewinnschwelle zu erreichen. Opel ist ein starkes Mitglied der GM-Familie. Wir werden Opel unterstützen, wo wir es können.

Sie sind die erste Frau an der Spitze eines großen Autokonzerns. Wer hat sich seit 2014 mehr verändert – das Unternehmen oder Sie?

Barra: (lacht) Gute Frage. Ich glaube, wir haben uns beide verändert. Im Unternehmen ist ein grundlegender Kulturwandel zu spüren. Und ich persönlich habe sehr viel gelernt.

Was denn?

Barra: Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, dass alle Stimmen in einem Konzern gehört werden, um die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Kennen Sie eigentlich Jürgen Klopp?

Jürgen Klopp? Ja, ja, den kenne ich. Ich habe ihn doch vorhin in einem neuen Werbespot von uns gesehen. Ich mag Fußball. Ich bin ein großer Soccer-Fan.

Ulf Meinke

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2016-02-12 06:48
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