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Interview

Gießkannen-Prinzip bei der Förderung von Öko-Energie

23.09.2009 | 09:11 Uhr
Gießkannen-Prinzip bei der Förderung von Öko-Energie

Essen. Deutschland sollte "Öko"-Strom wirksamer fördern - fordert Manuel Frondel. Er leitet beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen den Bereich "Umwelt und Ressourcen".

Ist die staatliche Förderung von Erneuerbaren Energien wie Solar- oder Windkraft sinnvoll?

Manuel Frondel: Ja – im Prinzip. Die Förderung in Deutschland ist aber nicht wirksam genug.

Warum?

Frondel: In Deutschland werden Erneuerbare Energien nach dem Gießkannen-Prinzip gefördert, nicht gezielt. Das liegt an den im Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) festgelegten Einspeisevergütungen. Diese Vergütungen erhält jeder Investor, der „sauberen Strom“ ins öffentliche Stromnetz einspeist. So werden zum Beispiel Solarzellenhersteller nur indirekt gefördert – indem Investoren ihre Produkte dank der lukrativen Einspeisevergütung für Solarstrom vermehrt nachfragen. Das führt dann dazu, dass in Deutschland ausländische Solarfirmen die gleichen Chancen wie ihre deutschen Wettbewerber haben. Das wird gerade auf gravierende Weise deutlich: In Asien gefertigte Solarmodule sind etwa ein Drittel günstiger als in Deutschland gefertigte und überschwemmen gerade den weltweiten Markt.

Haben Sie noch weitere Kritikpunkte an der derzeitigen Förderpraxis?

Frondel: Diese Art von Förderung hemmt zudem das Entstehen neuer Stellen. Wenn ein mittelständisches Unternehmen, das für seine Produktion viel Strom verbraucht, infolge der Einspeisevergütung mehr für Strom zahlen muss, kann dieses Unternehmen nicht mehr so viel Geld in neue Arbeitsplätze investieren.

Wie viel kostet die Förderung Erneuerbarer Energien?

Frondel: Für alle zwischen 2000 und 2008 auf deutschen Dächern installierten Solaranlagen müssen wir, die deutschen Stromverbraucher, 35 Milliarden Euro zahlen. Bisher haben wir davon lediglich etwa sechs Milliarden Euro gezahlt. Der Großteil wird in den nächsten 20 Jahren abgezahlt. Denn die Einspeisevergütung von derzeit 0,43 Euro je Kilowattstunde – das ist übrigens mehr als das Doppelte des Haushaltsstrompreises –wird über 20 Jahre in unveränderter Höhe gewährt: Wenn also jemand 2008 eine Solaranlage installiert hat, erhält er bis 2028 garantiert 0,43 Euro je Kilowattstunde Strom, die er erzeugt und ins Netz einspeist.

Wie viel kostet das im Schnitt einen Haushalt?

Frondel: Jährlich zahlt ein Haushalt über seine Stromrechnung durchschnittlich 60 bis 70 Euro für die Förderung Erneuerbarer Energien.

Ist das nicht sinnvoll, um Umwelt und Klima zu schonen?

Frondel: Der springende Punkt ist: Mit dieser indirekten Förderung der Erneuerbaren Energien erreicht man nichts. Das kommt so: In Deutschland wird zwar der Ausstoß des klimaschädlichen CO2-Gases reduziert, je mehr Strom aus Erneuerbaren Energien erzeugt wird. Das führt dazu, dass die handelbaren CO2-Emissionszertifikate allein dank der deutschen Förderung um fünf bis 15 Euro je Tonne CO2 günstiger werden. Diese CO2-Zertifikate muss ein Unternehmen ja dazukaufen, wenn es mehr CO2 ausstößt als erlaubt. Sinkt der Preis dieser CO2-Verschmutzungsrechte, dann wird der Klimaschutz für andere Industriebranchen in der EU also günstiger. Dadurch bemüht sich die Industrie aber weniger, ihren CO2-Ausstoß zu senken, denn durch den geringeren CO2-Preis werden manche Klimaschutzmaßnahmen nicht umgesetzt, weil es billiger ist, die günstigeren Zertifikate zu kaufen. Die Folge: Die Kohlendioxid-Emissionen verlagern sich von Deutschland weg in andere EU-Staaten.

Was bedeutet das – kurz gesagt?

Frondel: Unterm Strich bleibt also alles gleich, trotz der deutschen Förderpraxis bei Erneuerbaren Energien. Die Koexistenz dieser zwei Klimaschutz-Instrumente – Einspeisevergütung in Deutschland und CO2-Emissionsrechtehandel in Europa – führt also dazu, dass die Klimaschutzwirkung des deutschen EEGs neutralisiert wird.

Wie würden Sie denn Erneuerbare Energien fördern?

Frondel: Anders, als es bisher geschieht. Die Solar-Technologie steckt noch in den Kinderschuhen. Zum Beispiel beträgt der Wirkungsgrad bei Photovoltaik – also bei Solarzellen – derzeit etwa 15 Prozent. Das heißt: Die gegenwärtigen Solarmodule können nur 15 Prozent der empfangenen Sonnenenergie in Strom umwandeln. Der Rekord liegt momentan bei knapp 40 Prozent. Das wäre schon relativ gut – neue Braunkohlekraftwerke kommen auf einen Wirkungsgrad von 45 Prozent, alte auf 30 Prozent. In der Solar-Technik muss also gezielt die Forschung und Entwicklung gefördert werden. So kann der wichtige Solartechnik-Standort Deutschland auch weltweit die Technologieführerschaft erringen. Wir gehen nicht davon aus, dass die Solar-Massenproduktion langfristig in Deutschland bleiben wird. Da haben zum Beispiel asiatische Länder Lohnvorteile. Aber die Hightech-Jobs zum Beispiel in der Forschung und Entwicklung, die viel Knowhow verlangen, können langfris+tig in Deutschland bleiben.

Wie soll so eine staatliche Förderung konkret aussehen?

Frondel: In Unternehmen muss der Staat gezielt Projekte fördern, die Erneuerbare Energie-Technologien vorantreiben. Außerdem brauchen wir staatliche Gelder für die Forschung und Entwicklung für Institute, die im noch jungen Bereich Erneuerbare Energien forschen. In den vergangen 10 Jahren stagnierte die staatliche F&E-Förderung für diese Technologien. Im Solar-Bereich gehört nicht nur die Photovoltaik dazu, sondern auch die Solarthermie: Hier wird per Sonnenenergie eine Flüssigkeit stark erhitzt, Dampf entsteht, der eine Turbine antreibt, die dann auf konventionelle Art Strom erzeugt. Solarthermie ist weltweit zukunftsträchtiger als die Photovoltaik, nicht zuletzt da die Wirkungsgrade weit höher sind; ein großes Projekt ist ein Wüstenstrom-Projekt in der afrikanischen Sahara, Desertec, das vor einiger Zeit für Schlagzeilen sorgte. Und per Solarthermie erzeugte Energie ist speicherbar. Doch die Speicher-Entwicklung steht auch noch am Anfang. Auch hier brauchen wir staatliche Forschungsförderung, um bessere Speichertechnologien zu entwickeln. Denn dann können Haushalte auch nachts Solarstrom nutzen, wenn die Sonne nicht scheint. Bessere Speichertechnologien sind im Übrigen auch bei Handys und Notebooks von Vorteil.

Mehr zum Thema unter: Kampf um den Sonnenplatz

Sabine Brendel

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Kommentare
02.10.2009
20:08
Gießkannen-Prinzip bei der Förderung von Öko-Energie
von Laika123 | #2

Ich muss Herrn Widera Recht geben, das RWI ist auf dem Holzweg.
Nicht nur, dass das deutsche EEG international äußerst erfolgreich von vielen Ländern kopiert wurde, es hat auch in Deutschland viele Arbeitsplätze - insbesondere im Handwerk - geschaffen.
Eine protektionistische Wirtschaftspolitik - z. B. eine Buy German-Klausel, die eine Förderung an den Kauf von PV-Modulen aus deutscher Produktion koppeln würde, hätte für die Exportnation Deutschland eine verheerende Wirkung.
Im Gegensatz zum RWI hat DIW schon richtig erkannt, dass ein Großteil der Arbeitsplätze im Bereich Photovoltaik im Installationshandwerk geschaffen wurde, so dass die Herkunft der Module keine wesentliche Rolle spielt. Man darf nicht vergessen, dass die Modulproduktion sehr stark automatisiert ist und somit mit wenigen Arbeitskräften auskommt. Dafür sind deutsche Unternehmen jedoch im Maschinenbau führend, z. B. bei großen Beschichtungsanlagen für PV-Module. Diese finden international reißenden Absatz.

Herr Frondel hat richtig erkannt, dass die derzeitige Förderung nach EEG und der europäische Emissionshandel nicht optimal nebeneinander funktionieren.
Es stellt sich jedoch die Frage, ob nicht die Bedingungen für den Emissionshandel, z. B. die laufende Anpassung der Gesamtmenge an Emissionsrechten, anzupassen sind. Diese Meinung wird zumindest vom DIW vertreten:

Die Ausführungen von Herrn Frondel zur Technik (z. B. zum Wirkungsgradvergleich zwischen fossilen Kraftwerken und PV-Anlagen) halten einer kritischen Prüfung wahrlich nicht stand. Das RWI sollte sich hierbei externen technischen Sachverstands bedienen, um zukünftig belastbare Aussagen treffen zu können und sich nicht lächerlich zu machen.
Einseitig auf solarthermische Anlagen zu setzen zeugt auch nicht von großem technischen Sachverstand, da solarthermische Anlagen nur bei großem Anteil an direkter Strahlung vernünftige Wirkungsgrade liefern, währen diffuse Strahlung - wie sie z. B. häufig in Deutschland anzutreffen ist - besser von PV-Anlagen genutzt werden kann.
Auch lassen sich solarthermische Anlagen wirtschaftlich nur als Großanlagen mit entsprechendem Flächenbedarf betreiben und im Gegensatz zu PV-Analgen nicht dezentral auf Hausdächern oder in Fassaden integrieren.

Die Forschung sollte tatsächlich intensiviert werden, jedoch mit Schwerpunkt auf der Speicherung von überschüssigem Strom aus Wind- und PV-Anlagen.
Dabei sollte nicht vergessen werden, dass ein Großteil der Forschungsförderung in Deutschland für Kernenergie bzw. Kernfusion ausgegeben wird.
Hier wäre eine Umschichtung auf die zukunftsträchtigen erneuerbaren Energien, die auch die Importabhängigkeit der Energieversorgung reduzieren kann, sinnvoll.

Die Förderung von PV-Anlagen in Form einer Einspeisevergütung ist sinnvoll und zielführend.
Zu diskutieren bleibt die Höhe der Einspeisevergütung bzw. der jährlichen Degression, die dem technischen Fortschritt bzw. der erreichten Kostensenkung anzupassen ist.
In den USA und China sowie in vielen anderen Ländern hat man das Potential dieser Technologie sowie der Windkraft inzwischen erkannt, hier werden von staatlicher Seite erhebliche Subventionen zur Verfügung gestellt, um diese zukunftsweisenden Technologien weiterzuentwickeln.
Deutschland ist gut beraten sich in diesen Zukunftsfeldern nicht abhängen zu lassen und statt dessen Kohlekraftwerke bzw. die Abscheidung von CO2 mit Milliardenbeträgen zu subventionieren.
Die neue Bundesregierung wird zukünftig daran gemessen werden!

02.10.2009
11:24
Gießkannen-Prinzip bei der Förderung von Öko-Energie
von Stephan Widera | #1

Die Argumentation des RWI ist seit jahren bekannt, und schlichtweg falsch. Solarmodule sind nur deshalb Jahr für Jahr um 10% preiswerter geworden, weil sie in Massen produziert werden, und deshalb günstige Herstellungskosten erreichbar sind. Die Solartechnik ist längst aus dem Stadium der Grundlagenforschung hinausgekommen. Wenn man jetzt wieder zur reinen Forschungsförderung zurückkehren würde, hieße das, den Massenmarkt abzuwürgen, und die Kosten für die Technik würden sogar wieder steigen.
Auch das Argument, die CO2- Vermeidungskosten pro Tonne seien x- mal höher als bei einem modernen Kohlekraftwerk ist so alt wie kurzsichtig. Im Moment stimmen diese Vergleiche, schon in wenigen Jahren werden die billigen Wege zur CO2- Einsparung über Kraftwerksmodernisierungen ausgeschöpft sein, und es müssen fortgeschrittene Technologien wie die Solarenergie zur weiteren Verringerung der Emissionen eingesetzt werden. Bis dahin gilt es, die Kosten von Sonne, Wind und Co. durch Massenproduktion so weit zu senken, dass rechtzeitig bezahlbare Alternativen bereit stehen.
Aus der Sicht eines Technikers ist der Vergleich des Wirkungsgrades eines Solarmoduls mit dem Wirkungsgrad eines Braunkohlekraftwerks einfach nur peinlich. Der Rohstoff Kohle kostet Geld, deshalb ist ein hoher Kraftwerkswirkungsgrad nötig, um wirtschaftlich zu arbeiten. Die Sonne schreibt aber keine Rechnung, sodass man bei einem Solarmodul, das das Sonnenlicht schlechter ausnutzt, im Betrieb keine Mehrkosten hat. Für die Wirtschaftlichkeit entscheidend sind einzig die Investitionskosten einer Anlage pro Kilowatt elektrischer Leistung. Der Wirkungsgrad hat auch einen Einfluss auf die Investkosten, ist aber nur ein Faktor von vielen.
Eine Wirkungsgrad- Zahl als Indikator für die angebliche Unreife eines ganzen Industriezweiges herauszugreifen ist schlicht unseriös. Etwas zugespitzt formuliert: Bier hat nur 4,8% Alkohol, Schnaps hingegen hat 40% Alkohol. Ist Brauerei- Industrie jetzt unreifer als die Schnapsbrenner? Sollten wir den Bierverkauf jetzt einstellen und noch einige Jahre an verbesserten Biersorten forschen?

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