Gericht weist Schadenersatzklagen gegen Porsche ab

Die Übernahmeschlacht um die Mehrheit bei VW hat Nachwehen bis heute.
Die Übernahmeschlacht um die Mehrheit bei VW hat Nachwehen bis heute.
Foto: dapd
Der Stuttgarter Autobauer Porsche hat nach seiner gescheiterten Übernahmeschlacht mit dem Wolfsburger Mammut-Konzern VW zwei erste Schadenersatz-Prozesse für sich entschieden. Das Landgericht Braunschweig wies am Mittwoch zwei Klagen wegen Marktmanipulation zurück.

Braunschweig.. Porsche muss zunächst nicht für die Verluste von Anlegern bei spekulativen Geschäften mit Volkswagen-Aktien im Zuge der Übernahmeschlacht haften. Das Landgericht Braunschweig wies am Mittwoch zwei Schadenersatzklagen wegen Marktmanipulation zurück. Ein privater Anleger und eine Schweizer Bank hatten zusammen rund 4,5 Millionen Euro Schadenersatz von dem Sportwagenhersteller gefordert. (5 O 1110/11 und 5 O 2894/11)

Eine Verurteilung wegen Verbreitung unwahrer Insiderinformationen komme schon deshalb nicht in Betracht, weil sich die entsprechende Vorschrift lediglich auf die Veröffentlichungspflicht des Emittenten beziehe, erklärte das Gericht. Porsche sei beim Auf und Ab des VW-Aktienkurses nur einer der Marktteilnehmer gewesen. Porsche war 2008 mit dem Versuch gescheitert, den ungleich größeren Volkswagen-Konzern zu übernehmen. Stattdessen übernahm VW Porsche.

Weitere Klagen gegen Porsche in Milliarden-Höhe

Was den Vorwurf der Kläger angehe, Porsche habe die im Frühjahr 2008 bereits geplante Aufstockung der Anteile auf 75 Prozent wahrheitswidrig dementiert, so lese das Gericht die entsprechenden Pressemitteilungen anders. Diese seien zum Zeitpunkt der Veröffentlichung "nicht falsch oder grob falsch gewesen", zudem habe es zu diesem Zeitpunkt keinen entsprechenden Beschluss der Porsche Automobil Holding S.E. gegeben. Eine entsprechende Strategieplanung zur Aufstockung der Anteile auf 75 Prozent sei auch "nicht kategorisch ausgeschlossen" worden.

Die beiden erstinstanzlichen Urteile sind für Porsche auch deshalb wichtig, weil weitere drei Klagen mit einem Volumen von über vier Milliarden Euro von internationalen Investmentfonds und einer Inkassogesellschaft noch anhängig sind. Sie werden voraussichtlich erst im nächsten Jahr entschieden. Auch dabei geht es um den Vorwurf der Marktmanipulation.

Porsche begrüßte die beiden Urteile und erklärte, das Unternehmen sehe sich in seiner Rechtsauffassung bestätigt. Die Porsche SE halte die durch diverse Spekulanten behaupteten Schadenersatzansprüche für unbegründet und die in den USA anhängig gemachten Klagen für unzulässig und unbegründet, erklärte das Unternehmen.

Der spektakulärste Übernahmekampf in der deutschen Wirtschaftsgeschichte

Es war der spektakulärste Übernahmekampf, den die deutsche Wirtschaft je gesehen hat: In den Jahren 2008 und 2009 rang der Sportwagenhersteller Porsche um die Macht bei Volkswagen - und verlor am Ende. Die Nachwirkungen spüren alle Beteiligten bis heute - im Guten und Schlechten.

2005 hatte Porsche unter dem enorm erfolgreichen Vorstandschef Wendelin Wiedeking begonnen, VW-Stammaktien zu kaufen. Seine Begründung: Die Zusammenarbeit mit VW beim Geländewagen Cayenne sei so bedeutsam, dass Porsche sich absichern müsse.

In den nächsten Jahren häufte Porsche immer mehr VW-Papiere an. Im März 2008 erklärte Porsche, inzwischen zur Porsche Holding SE mutiert, man wolle über 50 Prozent an VW kaufen, plane aber keine Fusion. Die gigantischen Summen - allein zehn Milliarden Euro für die im März 2008 geplante Aufstockung -, besorgte sich Porsche auf Kredit oder mit riskanten Geschäften mit Aktienderivaten.

VW-Aktie kostete kurzzeitig 1000 Euro

Langsam wachten die Börsenhändler auf und vermuteten doch eine komplette Machtübernahme als Porsche-Plan. Dafür wären über 75 Prozent der Stammaktien nötig gewesen. Am 10. März wies Porsche solche Spekulationen zurück. Doch der VW-Aktienkurs stieg über den Sommer 2008 weiter - ohne sichtbare Begründung. Analysten hielten den Kurs für überzogen - viele Investoren begannen mit Spekulationen auf fallende Kurse.

Dann der Knall am 26. Oktober: Porsche erklärte, man halte 42,6 Prozent der VW-Stimmrechte direkt und 31,5 Prozent über Finanzinstrumente - also 74,1 Prozent. Weil das Land Niedersachsen etwa 20 Prozent besitzt, blieben rechnerisch unter sechs Prozent an handelbaren Aktien. Hektisch begannen die sogenannten Leerverkäufer, ihre offenen Positionen zu schließen. Sie kauften für praktisch jeden Preis, und der Kurs explodierte: Kurzzeitig kostete eine VW-Aktie 1000 Euro. Die Leerverkäufer - also Spekulanten auf fallende Kurse - verloren Milliarden.

Doch auch Porsche verlor - trotz der vielen VW-Aktien. Denn ab 2008 traf die Krise nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman die Autobranche mit Wucht: Absätze brachen ein, Gewinne fielen dramatisch. Porsches Banken wurden nervös.

Machtkampf Wendelin Wiedeking gegen Ferdinand Piech

Das endgültige Aus für die Pläne kam aber aus dem inneren Kreis von Porsche: Großaktionär und VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piech äußerte im Frühjahr 2009 Zweifel an Wiedeking. Gleichzeitig lehnte er ab, dass der VW-Konzern Porsche-Schulden übernehme, wie es wohl Porsche für den Fall einer erfolgreichen Übernahme geplant hatte.

Daraufhin brach das ganze Gerüst zusammen: Wiedeking musste ein paar Monate später Porsche mit einer Riesenabfindung verlassen. VW gab einen Notkredit an den überschuldeten Porsche-Konzern. Und in einer Grundlagenvereinbarung wurde abgemacht, dass der Porsche-Sportwagenbau an VW verkauft und dort eingegliedert wird. Die Porsche Holding SE entschuldete sich über diesen Verkauf und eine Kapitalerhöhung.

Heute hält die Porsche SE rund 51 Prozent der Stimmrechte an Volkswagen und plant neue Investitionen. Wiedeking droht ein Prozess in Stuttgart wegen Marktmanipulation. Sein damaliger Finanzchef Holger Härter steht bereits vor Gericht. (afp/dapd)