Fluchtgefahr aus neuer Perspektive

Dass Juristen ihre Meinung ändern können, ist bekannt. In welchem Ausmaß das Landgericht Essen aber seine Haltung zur Fluchtgefahr von Thomas Middelhoff geändert hat, verlangt der Öffentlichkeit viel ab. Jetzt heißt es, dass es doch keine Gleichheit vor dem Recht gibt und Reiche sich freikaufen können. Manch einer redet auch von einem „Geschmäckle“.

Aber genau diese Strafkammer hatte den Ex-Manager ja verhaftet und sich in anderen Fällen von öffentlichen Kampagnen unbeeindruckt gezeigt. Vier Tage hatten die Richter jetzt nachgedacht. Leicht fiel ihnen die Entscheidung aus neuer Perspektive nicht. Offenbar veranlasste sie dann die schwere Hauterkrankung, Middelhoff freizulassen. Das Risiko der Flucht tragen sie.

Den Verteidigern mit ihrer Kampagne „Schlafentzug“ ist Middelhoffs Freiheit nicht zu verdanken. Was sie der Justiz vorwarfen, ist – gut dokumentiert – zurückgewiesen worden. „Folter“, „Guantanamo“ waren die falschen Worte. Bedenklich, dass einige Politiker so schnell und ohne Prüfung die Vorwürfe der Verteidigung übernahmen.