Firmenkrise? Mülheim bleibt gelassen

Mülheim..  Mülheim gilt als die Stadt der Millionäre mit nur acht Prozent Arbeitslosigkeit, in der man im Grünen leben kann. Doch in diesen Monaten treffen die 170 000-Einwohner-Kommune globale Trends wie die Energiewende und die Digitalisierung mit voller Wucht. Arbeitsplatzabbau bei den Kraftwerksbauern von Siemens, Kurzarbeit bei den Röhrenwerken, Kaiser’s Tengelmann vor unsicherer Zukunft und der weltgrößte Chemiedistributeur Brenntag vor der Abwanderung nach Essen. Und der Wohnungsriese Gagfah geht in der Bochumer Annington auf. Steckt der Wirtschaftsstandort Mülheim in der Krise?

„Die Lage ist besorgniserregend. Sie produziert aber keine spürbar große Unruhe in der Stadt“, sagt Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld (SPD). „Wir sind diesen wirtschaftlichen Phasen unterworfen.“ Eine Betroffenheit wie in Bochum, als im Dezember 2014 das dortige Opel-Werk schloss, gebe es in Mülheim nicht. Die Stadt, so Mühlenfeld leide derzeit besonders unter den Folgen der Globalisierung und Digitalisierung.

Die Alarmglocken vermag auch Hanns-Peter Windfeder nicht zu läuten. Der Inhaber der 50 Mitarbeiter zählenden Werbeagentur Q-Marketing ist Vorsitzender der Mülheimer Wirtschaftsvereinigung (UMW), zu der 180 Unternehmen gehören. „Unsere mittelständische Struktur hilft uns darüber hinweg, dass einige große Konzerne in der Stadt gerade in der Krise stecken“, so Windfeder.

Putins Entscheidung

Der Unternehmerverbandsvorsitzende will sich deshalb gar nicht lange damit beschäftigen, Trübsal zu blasen. „Wir können doch ohnehin nicht die Entscheidung des russischen Präsidenten beeinflussen, die Gasleitung Southstream zu stoppen.“ Wladimir Putin hatte das Projekt als Konsequenz aus den Wirtschaftssanktionen gegen Russland gestoppt. Das Mülheimer Großrohrwerk leidet darunter.

Windfeder bedauert zwar, dass die Brenntag das ehemalige Stinnes-Hochhaus an der Autobahn A 40 in Richtung Essen verlassen will. „Immerhin können wir dieses wichtige Unternehmen aber im Ruhrgebiet halten“, so der Sprecher der Mülheimer Wirtschaft. Sein Verband konzentriere sich deshalb auf Faktoren, auf die Akteure vor Ort Einfluss haben: „Mit seiner hohen Gewerbesteuer ist das Ruhrgebiet eher schlecht unterwegs. Und wir brauchen mehr Gewerbe- und Industrieflächen – insbesondere in Mülheim.“

Trotz der aktuell vielen schlechten Wirtschaftsnachrichten ist Jürgen Schnitzmeier, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Mülheim & Business überzeugt, dass die Ruhrstadt gar nicht schlecht da stehe. Zwischen 2003 und 2013 hat Mülheim laut Statistischem Landesamt bei der Zahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter im verarbeitenden Gewerbe um 34,5 Prozent zugelegt. „Damit liegen wir in NRW mit an der Spitze“, so Schnitzmeier. Zudem konzentriere sich die Stadt auf ihre Stärken bei Unternehmensgründungen und kleinen und mittleren Unternehmen auf dem Gebiet Forschung und Entwicklung.

Aldi Süd expandiert

Und so macht Mülheim auch positiv von sich reden: Der Discounter Aldi Süd baut seine Unternehmenszentrale im Stadtteil Styrum und den Standort für das internationale Geschäft im Stadtteil Saarn gewaltig aus. Von bis zu 1000 zusätzlichen Arbeitsplätzen ist die Rede. Der Neubau der Hochschule Ruhr-West soll Ende des Jahres fertiggestellt sein und 250 zusätzliche Stellen bieten. Und im neuen Max-Planck-Institut für chemische Energiekonversion sollen bis zu 400 internationale Wissenschaftler daran tüfteln, wie grüner Strom aus Sonne, Wind und Wasser gespeichert werden kann.