Das aktuelle Wetter NRW 9°C
Finanzkrise

EU will Ratingagenturen bändigen

28.11.2012 | 18:58 Uhr
Ratingagenturen wie Moody’s sollen künftig haftbar gemacht werden können, wenn ihre Einschätzungen falsch sind. Foto: Thomas Coex/AFP

Essen.   Ratingagenturen entscheiden über das Wohl und Wehe von Staaten und Agenturen. Senken sie den Daumen, werden Kredite teurer oder verlieren Staatsanleihen an Wert. Jetzt sollen sie nach Plänen der EU für Fehler haften und Noten vorher ankündigen. Experten sind skeptisch, ob das klappen wird.

Die eigenen Fehler ausgeklammert, haben Europas Politiker ein Trio von Mitschuldigen an der Euro-Krise ausgemacht: die führenden Ratingagenturen Standard & Poor’s, Fitch und Moody’s. Sie geben Staaten und Unternehmen Noten für ihre Kreditwürdigkeit. Geht der Daumen runter, spüren das Staaten wie Unternehmen unmittelbar in Form höherer Zinsen, die für neue Kredite zu zahlen sind. Nun will die EU die Ratingagenturen an die Kandare nehmen. Doch wie straff sind die Zügel wirklich? Das haben wir den Börsenexperten Wolfgang Gehrke gefragt:

Klagen erleichtern

Ratingagenturen sollen künftig haftbar gemacht werden können, wenn sie einen Staat oder ein Un­ternehmen „absichtlich oder fahrlässig“ falsch bewertet haben. Damit sollen auch zivilrechtliche Klagen erleichtert werden. Doch wie weist man ihnen das nach und sind frisierte Noten nicht ohnehin Betrug? Börsenexperte Wolfgang Gehrke sieht „keine gravierende Änderung“, denn „eine absichtliche oder grob fahrlässige Bewertung wäre ja eine Marktmanipulation, die auch nach geltenden Gesetzen strafbar wäre“.

Video
New York/Madrid, 26.06.12: Die US-Ratingagentur Moody's hat am Montag die Bonitätsbewertungen von gleich 28 spanischen Geldhäusern um teilweise bis zu vier Stufen abgesenkt. Betroffen ist auch das Langfrist-Rating der Großbank Banco Santander.

Tatsächlich wurde unlängst S&P in Australien zu einer Millionen-Buße verurteilt. Dort hatten sich 13 Kommunen auf die Bestnote für ein hochspekulatives Finanzprodukt verlassen und Millionen verloren. S&P muss das Geld zurückzahlen, das Gericht sah eine Verharmlosung des Risikos.

Doch die EU ärgert sich eher über zu schlechte Noten für ihre hoch verschuldeten Staaten vor allem in Südeuropa. „Ich weiß nicht, wie man belegen will, dass etwa Griechenland zu schlecht eingestuft wird. Das ist keine Fehleinschätzung, sondern die traurige Wahrheit“, sagt Gehrke.

Benotungskalender

Damit die Märkte nicht mehr so panisch auf Herabstufungen reagieren, sollen die Ratingagenturen künftig in einem Kalender festlegen, wann sie Noten veröffentlichen. Dies muss dann außerhalb der Handelszeiten geschehen.

Griechenland
Euro-Gruppe scheitert an Lösung von Griechenlands Krise

Der Schuldenberg des Landes ist nur unter größten Mühen reduzierbar. Der Abbau könnte gestreckt werden - aber da Athen bis dahin von den übrigen Euro-Staaten abhängig ist, wird das teuer. Die zweite Lösung ist allerdings ebenfalls kostspielieg für die Gläubiger: Ein erneuter Schuldenschnitt.

Dafür gibt’s einen Daumen hoch, aber den anderen runter vom Börsenexperten. „Die Noten außerhalb der Handelszeiten zu veröffentlich, ist sinnvoll. Damit würde Insiderwissen eingedämmt und der Händler, der die Info zuerst hat, könnte sie nicht sofort ausnutzen.“ Aber: „Ein Kalender wäre eine Verschlechterung. Wenn man weiß, wann eine Note kommt, schafft man so etwas wie einen Hexentag. Dann wird vorher schon auf eine Abwertung spekuliert.“

Mehr Transparenz

Die Agenturen sollen offenlegen, wie sie zu einem Urteil kommen. Bei Ländernoten liegen die Eckdaten freilich offen auf dem Tisch. Bei Firmenbewertungen wünscht sich Gehrke dagegen mehr Offenheit. „Das Problem sind die langen Gespräche der Agenturen mit den Vorständen. Ich als Anleger möchte nicht, dass der Vorstand dort Dinge preisgibt, die er der Öffentlichkeit verschweigt.“ Dies zu ändern, sei wichtig, aber schwierig zu kontrollieren.

Stefan Schulte



Kommentare
30.11.2012
08:03
EU will Ratingagenturen bändigen
von Musashi | #1

Hat ja ein bisschen was davon, als wenn bei einem Brand keine Feuerwehr mehr ausrückt, sondern der Feuerwehrchef im Vorfeld befielt, dass einfach keine Brände mehr ausbrechen dürfen!!!

Hat hier irgendwer eigentlich noch eine Ahnung vom Wechselspiel zwischen Ursache und Wirkung???

Aus dem Ressort
Wirtschaft will Betriebsfeste und den "Sachlohn" erhalten
Steuern
Arbeitgeber sollen nach Ansicht von Wirtschaft und Gewerkschaften auch künftig einen "Sachlohn" in Höhe von 44 Euro im Monat steuerfrei auszahlen dürfen.
Gauck für mehr Risikobereitschaft in deutscher Wirtschaft
Handwerk
In Deutschland gibt es mehr als 50 Handwerkskammern. 407 Jungmeistern in Sachsen gratulierte Bundespräsident Joachim Gauck in Dresden persönlich zur bestandenen Prüfung - verbunden mit konkreten Erwartungen. Die deutsche Wirtschaft brauche mehr Risikobereitschaft, sagte Gauck.
Yi-Ko darf die Marke "Burger King" vorerst nicht mehr nutzen
Fast-Food-Kette
Die Fast-Food-Kette Burger King hat ihrem Franchise-Partner Yi-Ko die Nutzung der Marke untersagt. Das Landgericht München hat auf Antrag des Unternehmens eine einstweilige Verfügung erlassen. Ohne Logos und Burger-King-Produkten dürften viele der 89 betroffenen Filialen damit vor dem Aus stehen.
Verband sieht Bäckereie durch Mindestlohn gefährdet
Handel
Steigende Preise und Schließungen von Bäckereien: Der vom kommenden Jahr an geltende Mindestlohn von 8,50 Euro macht dem deutschen Bäckerhandwerk nach eigenen Angaben schwer zu schaffen.
P&C eröffnet Outlet-Store in der City von Oberhausen
Eizelhandel
Jahrelang stand das frühere P&C-Haus an der Marktstraße in der Innenstadt von Oberhausen leer. Jetzt eröffnet die Düsseldorfe Modekette dort einen neuen Outlet-Store, in dem ab 28. November günstige Mode verkauft werden soll. Damit endet der lange kritisierte Zustand des denkmalgeschützten Hauses.
Umfrage
Viele Manager von städtischen Unternehmen verdienen mehr als eine halbe Million Euro im Jahr. Die Einkommen richten sich nach Branche, Unternehmensgröße und Umsatz. Finden Sie die hohen Gehälter angemessen?

Viele Manager von städtischen Unternehmen verdienen mehr als eine halbe Million Euro im Jahr. Die Einkommen richten sich nach Branche, Unternehmensgröße und Umsatz. Finden Sie die hohen Gehälter angemessen?

 
Fotos und Videos