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Energiediscounter Teldafax ist tot, die Masche lebt weiter

10.05.2012 | 19:52 Uhr
Energiediscounter sind auf schnelles Wachsum aus. Mitunter zahlen sie für den Kundenzuwachs sogar drauf.Foto: ddp

Essen.   Verbraucherschützer raten zu erhöhter Aufmerksamkeit bei einem Wechsel zu einem Billigstromanbieter. Hintergrund: In diesen Wochen jährt sich die Insolvenz des Energiediscounters Teldafax. „Das Geschäftsmodell, das Teldafax hatte, lebt weiter auf dem Markt“, so Günter Hörmann von der Verbraucherzentrale Hamburg.

In fünf Wochen jährt sich die Teldafax-Pleite . Im Juni 2011 meldete der damals größte deutsche Energiediscounter mit mehr als 700.000 Kunden Insolvenz an. Von Schneeballsystem und krimineller Energie war die Rede. Der Fall Teldafax ist aber vor allem eins: Folge eines üblichen Marktgeschehens.

Wie funktioniert das Modell?

Energiediscounter setzen mit günstigen Angeboten auf schnelles Wachstum. Unter anderem durch Bonuszahlungen von 50 bis 200 Euro sammeln sie Neukunden ein. Laut einer Studie von A.T. Kearney, einer Beratungsfirma, die auch Energieunternehmen berät, sind die führenden Discounter seit Gründung jährlich um 30.000 Kunden gewachsen. Für das Wachstum zahlten sie im ersten Jahr der Vertragslaufzeit sogar drauf – bis zu 40 Euro pro Kunde.

Die meisten Discounter setzen auf das Prinzip Vorkasse. Mit dem eingezahlten Geld finanzieren sie den Geschäftsbetrieb und treiben das Wachstum. Das ist so lange unkritisch, bis bei Notfällen, etwa bei Massenkündigungen, die Verluste immens ansteigen und kein frisches Geld nachgeschossen wird. Bei Teldafax ist das passiert.

Laut A.T. Kearney gehört zum Prinzip Energiediscount auch: Nach dem ersten günstigen Jahr stiegen die Preise. Sie lägen dann nur knapp unterhalb oder sogar über denen der Konkurrenz. „Kunden entwickeln“, nennt man das in der Branche. Bleiben viele Kunden den Discountern trotzdem treu, kann der Plan aufgehen: In absehbarer Zeit nach Markteintritt gelingt der Sprung in die Gewinnzone. Die Verluste werden abgetragen, aus einer Investition wird Profit.

Zwei Beispiele

Flexstrom , gegründet 2004, seit 2008 eine Aktiengesellschaft, zählte eigenen Angaben zufolge Ende 2011 etwa 400.000 Kunden. Laut veröffentlichter Bilanz gewann Flexstrom 2010 mehr als 293.000 Kunden hinzu und machte einen Überschuss von 5,95 Millionen Euro. Mit dem Geld baut Flexstrom die Miesen der Gründerjahre ab. Die Bilanz sagt: 2010 schob Flexstrom Verluste von mehr als elf Millionen Euro vor sich her. 2008 waren es noch 21 Millionen Euro.

Extraenergie, ein Unternehmen aus Neuss, das auch unter Marken wie Hitenergie oder Prioenergie Strom und Gas verkauft, ist 2008 gegründet worden. Mitte 2011 gab es erstmals Kundenzahlen bekannt: mehr als 600.000. Die letzte im Bundesanzeiger veröffentlichte Bilanz 2010 zeigt: Extraenergie verzeichnete einen Jahresfehlbetrag von 9,6 Millionen Euro und schoss zehn Millionen Euro Kapital nach. Extraenergie gehört dem Beteiligungs-Fonds Glotec.

Die Energie-Discounter und der Ärger der Kunden

Bei der neuen Schlichtungsstelle Energie sowie bei Verbraucherzentralen mehren sich die Beschwerden über nicht gezahlte Boni. Flexstrom verweigerte Kunden, die ein Jahr nach Vertragsantritt zum nächsten Anbieter weiterzogen, das Geld mit Hinweis auf die Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Die Schlichtungsstelle nannte diese missverständlich, Flexstrom blieb hart. Erste Klagen laufen.

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Auch Extraenergie hat Ärger: Das Internet ist voll von Kommentaren über schlechten Service, nicht gestellte oder falsche Abrechnungen. Das WDR-Magazin „Markt“ hat von Extraenergie erfahren: Anfang April warteten 18.000 Kunden auf ihre Abrechnung, viele zudem auf die Erstattung zu viel gezahlter Abschläge.

Die Aussichten

Andreas Stender, Mitautor der Studie von A.T. Kerney, nennt die Geschäftsmodelle der Discounter „strukturell nicht profitabel. Ein solches Modell ist mit fairen Geschäftspraktiken kaum vereinbar“.

Was sagen die Wettbewerbshüter?

Der Bund der Energieverbraucher hat die Bundesnetzagentur aufgefordert, gegen vermeintlich unseriöse Anbieter vorzugehen – allerdings erfolglos. Ihre Sicht formulieren die Wettbewerbshüter in einem Antwortschreiben: „Die Bundesnetzagentur setzt zuvorderst auf die (...) Funktion von Marktmechanismen.“

Unternehmen, deren Angebote wirtschaftlich nicht darstellbar seien oder nicht den Bedürfnissen der Verbraucher in Bezug auf Preis, Vertragskonditionen oder Service entsprächen, würden freiwillig oder im Wege der Insolvenz vom Markt verschwinden. Verbraucher sollten eigenverantwortlich bei der Wahl eines neuen Energielieferanten die Angebote prüfen.

Warum sollten Verbraucher bei der Nutzung von Vergleichsportalen im Internet aufmerksam sein?

Andreas Stender von die Unternehmensberatung A.T. Kearney sagt: „Die Portale leben von der Preisdifferenz der Anbieter. Für jeden Wechsel, der über sie läuft, bekommen sie Geld.“ Verbraucherschützer beklagen, dass es für Kunden nicht immer nachvollziehbar sei, warum welcher Energielieferant im Vergleich besser abschneide. Auch bei den Voreinstellungen müssten Verbraucher aufpassen. Andreas Stender sagt: „Bei den ersten fünf Plätzen, die die Vergleichsrechner als besonders billig anzeigen, wäre ich grundsätzlich skeptisch.“

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Kai Wiedermann

Kommentare
12.05.2012
12:25
Energiediscounter Teldafax ist tot, die Masche lebt weiter
von jmeller | #10

Es ist doch ganz einfach.Man schließt einen Vertrag über ein Jahr,mit monatlichen Raten und kassiert die Prämie.Nach einem Jahr wechselt man...
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1 Antwort
Energiediscounter Teldafax ist tot, die Masche lebt weiter
von Hanswurschtl | #10-1

wenn das so einfach ist, dann probiers doch einfach mal in der Praxis aus...
wie schon geschrieben wurde, zahlen die Anbieter die Boni i.d.R. nicht aus.

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Energiediscounter Teldafax ist tot, die Masche lebt weiter
Energiediscounter Teldafax ist tot, die Masche lebt weiter
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2012-05-10 19:52
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