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Ein Steuerfahnder zieht Bilanz

28.01.2011 | 18:26 Uhr
Ein Steuerfahnder zieht Bilanz
Die damalige Staatsanwältin Margret Lichtinghagen und Ex-Postchef Klaus Zumwinkel.

Essen.  Einer der bekannten Steuerfahnder der Republik, Reinhard Kilmer, erklärt, warum der Einsatz von Finanzbeamten durchaus politisch gesteuert ist. Im Süden der Republik gilt deren Fehlen auch als Standortvorteil.

Reinhard Kilmer war einer der bekannten Steuerfahnder der Republik. Der Bochumer Finanzbeamte klärte mit seinen Kollegen und der Staatsanwältin Margret Lichtinghagen im Jahr 2000 die erste Liechtenstein-Steueraffäre um den Finanzberater Batliner auf. Sie enttarnten prominente Kapitalflüchtlinge wie Schockemöhle und Flick, erreichten Nachzahlungen in Höhe von 100 Millionen Euro. Jetzt hat er nach 23 Jahren den Dienst quittiert.

 Er zieht eine überraschende Bilanz. Kilmer sieht eine Trendwende bei der Steuerflucht. „Dass wir eine CD mit Kontodaten erhalten haben, war für den Staat wie ein Sechser im Lotto“ - mit nachhaltigen Folgen: „Die Konten im Ausland wurden aufgelöst“. Deutsches Kapital steuere auch keineswegs stärker weiter entfernt liegende Steueroasen wie Singapur an: „Die deutschen Anleger lieben Sicherheit. Das Geld wird künftig mehr in Deutschland bleiben, da das Schweizer Bankgeheimnis löchrig geworden ist“.

Eine CD, fünf Jahre auf Achse

Der 61-jährige Dortmunder weiß, was ersagt. Als vor zehn Jahren die erste aus dem alpinen Fürstentum anonym zugespielte CD mit den Daten der Steuerflüchtlinge im Briefkasten der Staatsanwaltschaft Bochum gefunden wurde, begann für den Experten und seinen Kolleginnen und Kollegen ein langer Lernprozess mit intensiven Einblicken ins Dasein der Steuerflüchtenden. „Von Kiel bis Garmisch“ sei er fünf Jahre mit Lichtinghagen auf Achse gewesen. Haftbefehle und Durchsuchungsbeschlüsse haben sie dabei gehabt, Angst und Kooperationsbereitschaft der Ertappten gespürt. Sie haben auch versucht, einen Staatsanwalt in München davon zu überzeugen, Ermittlungen aufzunehmen – leider ohne Erfolg. „Aber dann haben wir das Verfahren eben in Bochum zu Ende geführt“.

 Der Erfolg nach Abschluss des Batliner-Komplexes mit seinen über 200 Einzelfällen kann sich sehen lassen. 100 Millionen Euro flossen an den Staat zurück – 60 Millionen Steuern, 20 Millionen Zinsen und 20 Millionen Strafgelder. Es war das Vorspiel zur Zumwinkel-Affäre gegen Ende des Jahrzehnts, als nach dem Ankauf weiterer CD ROM’s durch den Staat aus Hehlerhand (Kilmer: „Moralisch zu hinterfragen, aber rechtlich einwandfrei“)  durch die Bochumer Ermittler 596 Strafverfahren eingeleitet wurden und bisher 626 Millionen Euro kassiert werden konnten. Wertvoller noch: Die Zusammenarbeit zwischen Steuerfahndern und Staatsanwälten habe sich nach ersten Berührungsängsten bei den Strafverfolgern deutlich verbessert. Sie gestalte sich heute, vor allem in Bochum aber auch anderswo, „sehr eng“.

Die große Hinterziehung findet im Inland statt

Steuerflucht ins Ausland und Steuerhinterziehung sind zwei verschiedene Dinge. „Die große Steuerhinterziehung findet im Inland statt“, sagt der Fahnder, „bei der Einkommens-, Gewerbe- und Umsatzsteuer“. 30 Milliarden Euro jährlich könnten es sein, sagt Kilmer, „eine Schätzung“. Hier ist die Trendwende eben noch nicht da.

Alles wird komplizierter, zumindest kleiner. Holten die Fahnder bisher Stapel Papier ab bei den zeitgleichen Durchsuchungen von Betrieb, Wohnungen und Bank, gucken sie heute nach USB-Sticks, auf denen die verräterischen Daten gespeichert sein können. Kilmer: „Die gibt es in allen möglichen Formaten. Als Korkenzieher, Autoschlüssel, auch als Modellautos“. In Bochum sind inzwischen  von über 100 Fahndern sechs für die elektronische Datensicherung und zwei für die Internetfahndung spezialisiert worden.

Es braucht aber immer noch den Menschen, um den ersten Verdacht schöpfen zu können. Zum Beispiel die verlassene Ehefrau, die weiß, was ihr Mann beiseite geschafft hat, oder die abgelegte Geliebte, die gegebenenfalls die Nummer vom Schweizer Nummernkonto kennt. „Beziehungskrisen helfen uns oft“, sagt Kilmer, durchaus auch anonyme Tipps. Doch hier wird der Fahnder vorsichtig. „Nur ein belastbarer Anfangsverdacht zählt. Wir lassen uns nicht vor einen Karren spannen“. Die meisten Fälle von Hinterziehung fallen allerdings nach wie vor bei Betriebsprüfungen auf. In Fiskus-Kreisen heißt es dazu, es sei immer noch ein ein Hindernis, dass Betriebsprüfer ihren Besuch anmelden müssen. Es räumt dem Unternehmer oder dem Selbstständigen Zeit ein, Dokumente verschwinden zu lassen.

Hindernisse bauen aber auch Politiker auf. Nicht nur, dass mindestens 3000 Betriebsprüfer und bundesweit auch 500 Steuerfahnder fehlen. Nicht nur, dass in der deutschen Finanzverwaltung unterschiedliche EDV-Systeme  im Einsatz sind, die einen Austausch der relevanten Daten  erschweren. Der Einsatz von Fahndern wird auch politisch gesteuert, glaubt Reinhard Kilmer. Dass neben dem Saarland ausgerechnet Bayern und  Baden-Württemberg die wenigsten Fahnder im Einsatz haben, das falle auf, sagt er. „Das ist eine Art Standortpolitik. Firmen werden angelockt, weil sie sicher sein können, dass ihre Bücher seltener kontrolliert werden und das Interesse am Ausschöpfen eigener Steuerquellen geringer ist“.

Letztlich ist das ein bitteres Resumee: „Wer in Deutschland Probleme mit dem Finanzamt hat, der muss nur in ein anderes Bundesland umziehen. Dann ist er weg vom Radar“. 

Dietmar Seher

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Kommentare
02.02.2011
15:08
Ein Steuerfahnder zieht Bilanz
von ralfi1 | #15

Sicherlich ist Steuerfahndung eine gute Sache und dem Allgemeinwohl zugänglich. Aber was um alles in der Welt hat Margrit Lichitnghagen damit zu tun?! Letzter Stand war, das Ende 2010 ein Verfahren gegen Sie eingestellt wurde, weil keine ausreichenden Beweise gegen Sie gefunden wurden. Es ging um die jahrelange Zusam-menarbeit mit einem Frankfurter Anwalt, der
kruzfristig sogar den ehemaligen NRW Justizminister eingestellt hatte. Immerhin wurde Sie von verantwortungsvollen Tätigkeiten abgesägt oder hat selbst schnell genug die Kurve gekratzt....

31.01.2011
12:19
Ein Steuerfahnder zieht Bilanz
von orcas | #14

re Elektrosteiger
Kann ich nur bestätigen. Bei einem Umsatz von etwas über 100TSD im Jahr wurde ich in 10 Jahren schon 2x geprüft. Zu holen war nichts. Bei der ersten Prüfung hatte ich den Eindruck, der Prüfer musste etwas finden und strich die Kosten einer Computerzeitschrift.

30.01.2011
19:33
Ein Steuerfahnder zieht Bilanz
von joker48 | #13

Wenn man zwischen den Zeilen liest,kommt man zu dem Ergebnis ,daß süddeutsche Politiker Komplizen der Steuerhinterzieher sind.Wenn ich da so enige Herrensiehe,wundert mich nichts.

30.01.2011
18:59
Ein Steuerfahnder zieht Bilanz
von akaz | #12

Ich unterstellen keinem Finanzminister, egal ob Land oder Bund, der es mit der geballten Kraft der Industrie aufnimmt. Wenn dann noch der eigene Chef oder Chefin die Anweisung zur Ruhigstellung gibt, dann werden die betreffenden Beamten auch ruhig gestellt. Wenn sie nicht parieren, werden sie mit den fadenscheinigsten Mitteln bis hin zur Verleumdung (krankhafte Paranoia) in den Ruhestand geschickt. Das ist die höchste Form der Ruhigstellung. So öffentlich bekannt aus Rheinland-Pfalz und Bayern. Aus Baden-Württemberg stehen nur Vermutungen im Raum, für kein anderes Bundesland würde ich meine Hand ins Feuer legen. Wer von Steuergerechtigkeit spricht, hat schon gelogen.

30.01.2011
15:03
Ein Steuerfahnder zieht Bilanz
von feierabend | #11

Fordere weibliche Finanz- und Wirtschaftsministerinnen zur Unterstützung der Regierung und all derjenigen, die hilflos korrupten Männerriegen ausgeliefert sind!

30.01.2011
14:12
Ein Steuerfahnder zieht Bilanz
von eksom | #10

Fakt ist:
Es gibt in Deutschland fast keine Firma, die keine Steuern hinterzieht!

Deutschland ist mittlerwiele ein Paradies für Steuerhinterziehung und Schwarzgeldwäsche.

Und solange die Wähler immer wieder die selben Politiker aber nur mit verschiedenen Farben wählen, wird sich daran auch nichts ändern!
Nicht heute, nicht in 10 Jahren und nicht in 100 Jahren!

30.01.2011
13:46
Ein Steuerfahnder zieht Bilanz
von unwitz | #9

Ja, genau. Zur Steuerhinterziehung durch Schwarzarbeit gehören immer zwei. Deshalb fordere ich AUCH eine verstärkte Kontrolle von Privathaushalten.

Ich glaube jedoch, dass vor allem auf der Nachfragerseite angesetzt werden muss. Genau so, wie wir durch unser Konsumverhalten zur Rettung des Weltklimas oder des Tierschutzes beitragen können, können wir auch damit zur Vermeidung von Steuerhinterziehung und somit zur Sanierung der Staatsfinanzen beitragen. Hier muss ein Bewusstseinswandel einsetzen. Notfalls durch Zwang.

30.01.2011
13:35
Ein Steuerfahnder zieht Bilanz
von rotezhora | #8

Nur der guten Ordnung halber, zur Schwarzarbeit gehören immer zwei ...einer der machen läßt und einer der sie macht ! Von wegen nur Kontrolle von Privathaushalten !

30.01.2011
13:04
Ein Steuerfahnder zieht Bilanz
von unwitz | #7

Ich fordere deutlich mehr Kontrollen von Privathaushalten, insbesondere dort, wo nach außen hin deutlich erkennbar handwerkliche Tätigkeiten und Baumaßnahmen durchgeführt werden. Schwarzarbeit ist ein riesiges Problem und eine Unverschämtheit gegenüber den ehrlichen (Umsatz-)Steuerzahlern. Ich fordere jeden auf, ein Auge auf seine Nachbarn zu werfen und die zuständige Finanzbehörde zu informieren, sobald ein Anfangsverdacht auf Schwarzarbeit besteht.

30.01.2011
12:46
Ein Steuerfahnder zieht Bilanz
von rotezhora | #6

Die Aussagen von Herrn Kilmer sind sehr eindeutig und zeigen auf, wo und wie in einem riesigen Ausmaß Steuern hinterzogen werden ! Ein Staat der solche skandalösen Hinterziehungsmöglichkeiten - etwa durch unzulängliche Überprüfungen zuläßt - der muss sich doch fragen lassen, aus welchem Interesse er auf genauere und intensivere Überprüfungen verzichtet ?
Die geschätze Summe der Steuerhinterziehung (ca30 - 50 Mrd. Euro im Jahr ) enspricht im übrigen der Größenordnung der letzten Mehrwertsteuererhöhung aber die Steuern für den -Normalbürger zu erhöhen ist ja auch viel einfacher !

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