„Ein Geschäft mit dem lieben Gott“

An Rhein und Ruhr..  Metall, Chemie, Maschinen – dazu die Energie: NRW gilt zu Recht als Land der Industrie. Doch inmitten all der schwergewichtigen Konzernzentralen und Fabrikanlagen floriert eine ganz andere Branche: der Gartenbau.

Nirgendwo sonst in Deutschland wachsen so viele Schnittblumen, Zierpflanzen und Stecklinge wie an Rhein und Ruhr. Auch ein großer Teil des deutschen Gemüseanbaus gedeiht hierzulande. Schwerpunkt sind der Niederrhein und das Münsterland. Allein im Kreis Kleve, weiß der Landesverband Gartenbau, werden über zehn Prozent aller deutschen Zierpflanzen produziert. 2012 kamen über die Hälfte aller in Deutschland erzeugten Beet- und Balkonpflanzen und Stauden aus Nordrhein-Westfalen.


„Wir haben furchtbar viel gearbeitet“, sagt Eva Theuerkauf. Die Gärtnerin aus Kempen hat derzeit alle Hände voll zu tun, „Primeln unter die Menschen zu bringen“. Primeln, sagt die Präsidentin des Gartenhauverbandes Rheinland, sind der ideale Auftakt in die Saison. 200 000 Exemplare haben die Theuerkaufs den Winter über in ihren Gewächshäusern herangezogen. Auf Abnehmer warten auch 300 000 Lavendel, 200 000 Chrysanthemen und 100 000 Margeritenbüsche. Trotz der imposanten Zahlen: Die Gärtnerei Theuerkauf ist ein Familienbetrieb in der vierten Generation. Gearbeitet wird mit bis zu 20 Saisonarbeitskräften.


Der deutsche Gartenbau wird geprägt durch kleinere und mittlere Unternehmen. 90 Prozent der Betriebe sind Einzelunternehmen. Laut der letzten Agrarstrukturerhebung 2010 sind im Blumen- und Zierpflanzenanbau deutschlandweit 4000 Betriebe auf dem Markt. NRW-Platzhirsch ist der als Genossenschaft von 3000 Erzeugerbetrieben organisierte Blumen- und Pflanzenvermarkter Landgard mit Sitz in Straelen. Die Landgard-Gruppe erzielte 2013 einen Jahresumsatz von über 1,8 Milliarden Euro und ist auch Vertragslieferant für die Discounterkette Aldi.


Auch der Betrieb von Eva Theuerkauf beliefert die Landgard eG. Die Pflanzen aus Kempen gehen über den Großhandel nach ganz Deutschland. Theuerkauf legt Wert auf die Feststellung, dass Pflanzen trotz der riesigen Anbaumengen keine industriellen Produkte sind. Außerdem sei die Branche extrem abhängig vom Wetter. „Ein dunkler Winter wirft uns schon im Frühjahr zurück.“ Der Winter 2013 sei miserabel gewesen. Pflanzenzucht, sagt die Gärtnerin, „das ist auch ein Geschäft mit dem lieben Gott“.


Dabei überlässt die Branche die Züchtung neuer Sorten keineswegs göttlicher Fügung. Hinter Entwicklung und Aufzucht steckt ausgefeilte Technologie (s.Grafik). Am Beispiel der Petunie hat die Essener IPM, Weltleitmesse des Gartenbaus, die Wertschöpfungskette der Pflanzenproduktion vorgestellt: Von der Züchtung bis zur ersten Auslieferung ins Gartencenter vergeht oft ein Jahrzehnt.


Beim Geschäft mit dem Grün ist nicht alles Gold, was glänzt. „Viele unserer Betriebe sind Familienunternehmen, die Kapitaldecke ist nicht besonders dick, die Gewinnmargen eher dünn“, so Eva Theuerkauf. Läuft es einmal nicht so gut, werde oft auch privates Vermögen angezapft. Zu leiden hat die Branche unter dem Mindestlohn. Die als zu bürokratisch empfundene Dokumentationspflicht bereite den Betrieben Kopfschmerzen.


Unter Druck gerät der Gartenbau auch durch „weiche“ Faktoren: das veränderte Freizeitverhalten vieler Menschen, der schnelle Wechsel der Moden. Gestern noch galt die Geranie als Freude des kleinen Mannes. Heute sind Lavendel, Kräuter und „alles, was gut duftet“, angesagt. Was derzeit zieht, sagt Eva Theuerkauf, sei zum Beispiel Bienenfreundlichkeit.