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Doppelabrechnung: Verbraucher werfen Ärzten Abzocke vor

29.03.2016 | 18:55 Uhr
Doppelabrechnung: Verbraucher werfen Ärzten Abzocke vor
Hautkrebs-Vorsorgeuntersuchung. Umstritten ist, ob der Einsatz eines Dermatoskops eine (teure) Zusatzleistung ist.Foto: dpa

Essen.   Verbraucherschutz warnt vor Medizinern, die Leistungen zweimal abrechnen. Kassenärztliche Vereinigung kritisiert Leistungskatalog der Versicherungen.

Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen (VZ) kritisiert, dass viele Fachärzte notwendige Untersuchungen wie Sehtests oder Knochendichte-Messungen ungerechtfertigt gleich zweimal abrechnen: einmal als Teil der üblichen Leistungskatalogs bei der Krankenkasse und noch einmal extra beim Patienten. „Uns erreichen immer mehr Beschwerden von Patienten, die sich abgezockt fühlen“, sagte VZ-Gesundheitsexpertin Christiane Lange dieser Redaktion. Orthopäden fielen durch fragwürdige Abrechnungen auf, ebenso Haut- und Augenärzte.

Meist handele es sich um kleinere Beträge von bis zu 50 Euro, die die Mediziner für eine angeblich „privat“ abzurechnende Leistung verlangten. Das kann zum Beispiel der Einsatz eines speziellen Auflichtmikroskops (Dermato­skop) bei der Hautuntersuchung sein.

Mediziner und Kassen streiten sich über Hautuntersuchung, und der Patient zahlt

„Ärzte dürfen die Verwendung dieses Mikroskops nicht gesondert abrechnen. Viele tun es dennoch“, sagte Ann Marini, Sprecherin des Spitzenverbandes der gesetzlichen Kassen (GKV). Der Verband der Dermatologen widerspricht: Die Verwendung des Dermatoskops sei eine „wertvolle Zusatzleistung“.

Die Verbraucherzentralen in NRW, Berlin und Rheinland-Pfalz hatten sich zuletzt bei 209 Augenarztpraxen erkundigt, wie sie medizinisch notwendige Untersuchungen abrechnen. Ergebnis: Etwa jeder zweite Augenarzt nimmt von gesetzlich Versicherten Geld für Leistungen, die die Kassen sowieso bezahlen.

Zum Beispiel für eine Sehstärken­untersuchung und die Aushändigung der Messergebnisse bei einem Patienten, der über schlechter werdende Augen klagt. Im Urteil der Verbraucherzentralen machen sich die Mediziner in diesen Fällen zu „Doppelverdienern“.

Die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein verweist auf ihr Mitgliedermagazin. Dort heißt es sinngemäß: Ärzte dürften sich nicht Leistungen außerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung abrechnen lassen, um auf diese Weise mehr Geld zu verdienen.

Beschwerden bei der Verbraucherzentrale häufen sich

Es kommt offenbar häufig vor, dass Ärzte ihre Patienten ungerechtfertigt zur Kasse bitten. Das Beschwerdeportal der Verbraucherzentralen (Igel-Ärger) ist voller Geschichten über Mediziner, die seltsame Rechnungen schreiben. „Meine Sehstärke hatte sich verschlechtert“, schreibt eine Brillenträgerin. „Für das Aushändigen des Zettels mit den aktuellen Werten für den Optiker wurden im Anschluss an die Messung von der Sprechstundenhilfe 10 Euro verlangt. Darauf wurde ich vorher nicht hingewiesen.“ Ein anderer Patient wundert sich darüber, dass er nach einem Verdacht auf Hautkrebs für die Untersuchung mit einem speziellen Auflichtmikroskop (Dermatoskop) privat 16 Euro „Aufpreis“ bezahlen sollte.

In vielen Fällen, bestätigt die Verbraucherzentrale NRW, sind die Forderungen der Ärzte nicht gerechtfertigt. Zum Beispiel können Patienten mit Sehschwierigkeiten ihre Werte beim Augenarzt kostenlos mit einem Sehtest überprüfen lassen. Außerdem müssen ihnen die Ärzte die Messergebnisse mitteilen. Es handelt sich dabei um Kassenleistungen. Wer dafür noch den Patienten zu Kasse bitte, der kassiere gleich zweimal.

Krankenkassen raten Patienten zur Rücksprache mit dem Versicherer

Wer für den Einsatz des Dermatoskops nach einem konkreten Hautkrebsverdacht zahlen muss, das ist zumindest umstritten. Die Krankenkassen sagen, das Untersuchungsgerät gehöre zum normalen Handwerkszeug des Arztes. Ärzte meinen, sie könnten dieses Mikroskop gar nicht mit den Kassen abrechnen. Der Patient müsse „privat“ zahlen.

„Dieses Auflichtmikroskop ist nicht Bestandteil der Gesetzlichen Krankenversicherung“, betont Roland Stahl, Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Es sind oft nur „Kleckerbeträge“, um die es hier geht. 10, 20, 30, 50 Euro. Für die Hautuntersuchung, die Sehstärkenbestimmung, für die Messung der Knochendichte. Beträge, die die meisten Patienten klaglos zahlen. Und von denen die Krankenkassen, die die Kosten für notwendige Untersuchungen ebenfalls erstatten, nie erfahren. Der Patient wiederum hat in der Regel keine Ahnung, wie der Mediziner mit der Krankenkasse abrechnet.

Die Krankenversicherungen wissen nicht im Ansatz, wie viele „Doppelabrechnungen“ vorkommen. Aber sie raten den Versicherten: „Wenn sie das Gefühl haben, dass sie etwas zahlen sollen, was eigentlich eine Kassenleistung ist, dann reden sie mit uns möglichst noch vor dem Bezahlen darüber“, sagte Jens Kuschel, Sprecher der AOK Nordwest, dieser Zeitung. Auch wenn die Rechnung schon bezahlt sei, lohne sich die Rücksprache. Kuschel: „Wir gehen jedem einzelnen Fall nach.“

Nach der Patientenquittung fragen

Ann Marini vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) ermutigt Patienten dazu, nachzuhaken: „Wer als Patient sehen will, was sein Arzt bei seiner Kasse abrechnet, kann sich eine sogenannte Patientenquittung ausstellen lassen. Die stellt entweder der behandelnde Arzt oder die eigene Krankenkasse aus. Diesen Service für gesetzlich Versicherte gibt es seit vielen Jahren, bisher wird er jedoch kaum genutzt.“

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung streitet die Vorwürfe der Verbraucherzentrale ab. „Es geht in der Regel nicht um Doppelabrechnungen, sondern um eine leider erforderliche Aufteilung der Abrechnung der erbrachten Leistungen, weil dies nicht komplett zum Leistungskatalog der gesetzlichen Kassen gehören“, sagt Roland Stahl.

So sei die Verordnung der Brillen vor Jahren aus dem Leistungskatalog herausgenommen worden. Die Sehfehler- und die Sehschärfenbestimmung gehören weiterhin zu den Kassenleistungen, für eine Brillenverordnung seien weitergehende Angaben erforderlich, die nur noch privat abgerechnet werden könnten.

Matthias Korfmann und Karoline Poll

Kommentare
31.03.2016
22:31
Gutes Geld für gute Arbeit
von Unglaublich1968 | #22

Wer mehr will, muss mehr zahlen. Ärzte dürfen zahlreiche Leistungen nur privat anbieten. Der Dschungel des Leistungskatalogs und seiner Ausschlüsse...
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Doppelabrechnung: Verbraucher werfen Ärzten Abzocke vor
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