Das aktuelle Wetter NRW 18°C
Bahn

Digitale Tickets, sparsame Züge - Wo die Bahn die Zukunft plant

02.09.2012 | 17:52 Uhr
Digitale Tickets, sparsame Züge - Wo die Bahn die Zukunft plant
Am Touchpoint, wie hier im Bochumer Hauptbahnhof, werden Handys zum Bahnticket.Foto: Olaf Ziegler / WAZ FotoPool

Berlin.   Kein Reisezentrum, kein Fahrkartenautomat: Bei Innoz, dem Zukunftslabor der Bahn, wird ersonnen, wie der Fahrscheinkauf der Zukunft gestaltet werden kann. Und nicht nur das. Innoz plant auch die konzerneigene Energiewende: Ab 2050 will das Unternehmen seinen Strom komplett regenerativ erzeugen.

Sie wollen von Borbeck nach St. Pauli? Die Bahn will Ihnen die Reise einfacher machen. Beim Einstieg in den Essener Vorortbus drückt der Fahrgast auf sein Smartphone, beim Ausstieg aus der Hamburger U-Bahn meldet er sich ab. Das Handy zeigt den abgefahrenen Preis. Es hat den günstigsten errechnet. Am Monatsende wird mit Einzelnachweis abgebucht.

Andreas Knie sieht in dem Satelliten-gesteuerten System den Service der Zukunft. „Kein Ticket-Automat. Keine Tarifsuche. Einfach reisen“, wirbt der Geschäftsführer von Innoz, einer Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn. Oder: Kein Reisebüro, kein Bahnschalter mehr, nicht mal der noch gar nicht so alte Fahrkartenausdruck aus dem Internet. 40 000 Kunden haben das Verfahren schon erprobt, das die Komplett-Buchung auf Fern- und Nahverkehr, Straßenbahn oder bahneigenem E-Mietauto oder -fahrrad mit einem Klick erledigt. Bisher läuft es reibungslos. Sogar der Ticket-Kontrolleur erkennt die Gültigkeit des elektronischen Fahrausweises mit dem Lesegerät. 2013 wird „Touch and Travel“ nach Tests in den Regionen Berlin und Frankfurt auch im Ruhrgebiet angeboten.

Neue Windräder mit runden Kanten sollen Vögel schützen

Knie kommt aus Siegen. Er ist Professor der Sozialwissenschaften und sitzt mit seinen 50 Mitarbeitern in Berlin-Schöneberg. Hier haben sie „Touch and Travel“ entwickelt. Der Ort hat Flair. Im alten Gasometer nebenan talkt sonntags Günter Jauch.

Zugverkehr
Private Konkurrenz könnte Bahnfahren billiger machen

Die neue Konkurrenz durch den Hamburg-Köln-Express HKX, der auch das Ruhrgebiet mit der Hansestadt verbindet, hat laut dem Fahrgastverband "Pro Bahn" positive Auswirkungen auf das Angebot der Deutschen Bahn. Möglich wäre, dass bald auch die Preise für Zugtickets günstiger werden.

Knies kleines Team betreibt eines von drei bundesweiten Zukunftslabors der Bahn. „Wir denken uns Dinge aus, die im Bahn-Alltag noch nicht vorkommen. Sie werden probiert“, sagt er. Die Dächer der Laborgebäude geben Hinweise, in welche Richtungen das läuft. Merkwürdig verschränkt gebaute Windräder drehen sich da. Es ist die nächste Generation, von RWE entwickelt: Sie werfen weder Schatten noch sollen sie mit ihren runden Kanten Vögel schreddern. Sie versorgen in Kombination mit Sonnenkollektoren das Betriebsgelände mit eigener erneuerbarer Energie, ohne aber ganz auf ein Stromkabel von außen zu verzichten. So bleibt der Versorgungsmix möglich. Smart Micro Grid nennen das die Experten.

Bahn will ihren Strom bis 2050 komplett regenerativ erzeugen

Heute profitieren die Jauch-Gäste davon, wenn diese Technik im Sommer die Klimaanlage kühlt. Morgen könnten ganze Bahnhöfe versorgt werden, denn Innoz will Vorreiter bei der bahneigenen Energiewende sein, die DB-Chef Grube vorgegeben hat. Knie plant die vom Netz unabhängige Station.

Bahn-Check
Amüsante bis absurde Szenen - die Bahn im NDR-"Markencheck"

Die Markenchecks bei Lidl, Coca-Cola und Co. haben der ARD regelmäßig Traumquoten beschert. Jetzt war das Unternehmen an der Reihe, über das die Deutschen am liebsten klagen: die Deutsche Bahn. Absurde Szenarien zeigen den Alltag der Bahnfahrer und die drei wichtigsten Kundenwünsche.

Die Bahn will ihren Strom bis 2050 komplett regenerativ erzeugen. Auch strategisch steckt ein ehrgeiziger Anspruch des Staatskonzerns dahinter: „Der moderne Bahnreisende will nicht mehr nur Zug fahren. Er will am Ziel auch zeitweise ein Auto nutzen“, meint Knie. Derzeit rüstet die Bahn ihre Elektroauto-Flotte auf, die vor den Bahnhöfen wartet. Pro Jahr kommen rund 100 Fahrzeuge dazu.

Der Ballungsraum Ruhrgebiet ist „eine richtige Herausforderung“

Das eigentlich noch teure E-Mobil ist dann billiger, wenn es während der Wartezeit auf neue Kundschaft als Speicher für überschüssigen Strom aus den Windrädern genutzt werden kann. In den Micro Smart Grids und später in den umgebauten Bahnhöfen kann es das.

Wo und wann das in der Praxis am Ende angewendet wird, ist ein offen. Die Bahn braucht dafür die Zusammenarbeit mit den Bundesländern. Baden-Württemberg zeigt neben Berlin großes Interesse. Der bahneigene E-Autopark wird zudem in den Regionen Baden-Württemberg, Berlin/Brandenburg, Niedersachsen und Bayern/Sachsen getestet. Was ist mit dem größten Bundesland, NRW? Es wird im Gespräch deutlich, dass es hier Hürden gibt. Den Ballungsraum Ruhrgebiet nennt Knie „eine richtige Herausforderung“.

Dietmar Seher


Kommentare
Aus dem Ressort
Paketfahrer schuften 14 Stunden täglich für 1300 Euro brutto
Lohndumping
Sie arbeiten nicht bei den Paketdiensten selbst, sondern sind Angestellte eines Subunternehmers. Daher haben sie keine Rechte auf Tarif oder Arbeitszeiten der Branche. Und so arbeiten die Zusteller 14, 15 Stunden am Tag, liefern 250 Pakete aus und kriegen dafür gerade mal 1300 Euro brutto im Monat.
Osram streicht weltweit ein Viertel der Arbeitsstellen
Wirtschaft
Der Lichtspezialist Osram steht vor weiteren Einschnitten. Fast ein Viertel der Jobs sollen weltweit gestrichen werden, auch deutsche Standorte soll es treffen. Das Management will den Abbau aber "sozialverträglich" gestalten - und bestätigte seine Ziele für 2014.
Wie die Commerzbank ihren Sparkurs verschärft
Banken
Die Commerzbank startet ein weiteres Sparprogramm. Sie will die Finanzbuchhaltung ausgliedern. Von den betroffenen 450 Stellen sind rund 50 in Duisburg. Die Zahl der Filialen will Deutschlands zweitgrößte Privatbank aktuell nicht reduzieren. Sie testet gerade die Geschäftsstelle der Zukunft.
Neuer Sparplan bei Osram kostetet mehrere tausend Jobs
Glühbirnen
Der Leuchtmittel-Hersteller Osram verzeichnet starke Einbrüche im Geschäft. Darauf will das Unternehmen mit Einsparungen in dreistelliger Millionenhöhe reagieren. Laut einem Zeitungsbericht wird der Sparplan mehrere tausend Angestellte bei Osram ihren Arbeitsplatz kosten.
Hagen bewirbt sich um Sparkassen-Akademie für NRW
NRW-Sparkassen-Akademie
Die Stadt Hagen bewirt sich darum, Standort der Sparkassen-Akademie NRW zu werden. Nachdem die beiden NRW-Akademien – die Rheinische in Düsseldorf und die Westfälisch-Lippische in Münster – Anfang 2014 fusioniert haben, sucht man nun eine zentrale Stelle.
Umfrage
Bei Paketdiensten herrschen vielfach üble Arbeitsbedingungen für Beschäftigte. Das haben Kontrollen von Behörden ergeben. Welche Reaktionen erwarten Sie?

Bei Paketdiensten herrschen vielfach üble Arbeitsbedingungen für Beschäftigte. Das haben Kontrollen von Behörden ergeben. Welche Reaktionen erwarten Sie?