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Wie eine App die US-Bürger für Polizeigewalt sensibilisiert

22.01.2016 | 15:22 Uhr
Wie eine App die US-Bürger für Polizeigewalt sensibilisiert
Polizisten in Ferguson, Missouri: In den USA geraten Polizei und Bürger immer wieder in heftige Konfrontationen.

Chicago.  Im vergangenen Jahr starben so viele Menschen in den USA durch Polizeigewalt wie nie. Eine ungewöhnliche App greift das Phänomen auf.

Es sind verstörende Mitteilungen, die auf dem Smartphone so selbstverständlich einlaufen wie WhatsApp-Nachrichten: Dienstag, 19. Januar, 2016, Jim Redmond, Samuel Grady, Gary Jones. Montag, 18. Januar, 2016: Timothy Carruthers, Jordan Szymanski, Eric Provost. Und weitere. Jede Nachricht, jeder Name erinnert an einen Toten. Die App „Archives + Absences“ („Archiv + Abwesenheiten“) dokumentiert alle Opfer von Polizeigewalt in den Vereinigten Staaten. In ihrer Beiläufigkeit haben die Nachrichten etwas Zynisches – aber bilden nur die Realität ab.

In den USA sind im vergangenen Jahr laut der „Washington Post“ beinahe 1000 Bürger von Polizisten erschossen worden – darunter 263 Schwarze. Das bedeutet: Jeden Tag sterben fast drei Menschen unter Einwirkung eines Polizeibeamten. Nie wurden so viele schwarze Männer von der Polizei erschossen wie im Jahr 2015. Ein Jahr zuvor löste der Tod des schwarzen Teenagers Michael Brown heftige Krawalle aus. Seitdem diskutiert Amerika immer wieder über tödliche Schüsse aus der Waffe von Polizisten.

US-Behörden führen keine übergreifende Polizeigewalt-Statistik

Zumindest von der Seite der Verwaltung fehlt es aber an Dokumentation. Bürgerrechtler kritisieren scharf, dass US-Behörden keine übergreifende Statistik über die Polizeigewalt und deren Opfer führen.

Die App „Archives + Absences“ für das iPhone macht die Fälle nun für jedermann sichtbar. Und das wortwörtlich: Neben dem „News Feed“, der alle Opfer nach dem Datum geordnet auflistet, verfügt die App über eine Kartenansicht: Sie zeigt alle Opfer geografisch verortet, New York, Washington, Chicago.

Verantwortlich für die Software zeichnet sich der Webentwickler und Journalist („The Intercept“) Josh Begley, der sich selbst als „Daten-Künstler“ bezeichnet. Er machte in der Vergangenheit bereits von sich Reden mit einem Programm, das nach einem ähnlichen Prinzip wie „Archive + Absences“ funktioniert: Die App „Metadata+“ sammelte alle Opfer von US-Drohnenangriffen und informierte den Nutzer über Kriegsopfer unter Zivilisten.

„Archive + Absences“ noch im AppStore verfügbar

Die Karriere der App endete allerdings abrupt. Brisant: Apple hat das „Metadata+“ inzwischen aus seinem AppStore entfernt. Der Konzern bezieht sich auf eine Klausel aus den Richtlinien für App-Entwickler, der Inhalt der App könnte für den Nutzer zu anstößig sein. „Archives + Absences“ können Nutzer bislang immerhin noch abrufen.

Im Netz beschäftigen sich diverse Projekte mit dem Thema Polizeigewalt in den USA. Neben der „Washington Post“ listet zum Beispiel auch der britische „The Guardian“ alle Todesopfer auf – und zeigt sie auch mit Foto. Diese Datenbanken werden genau wie die App von Josh Begley ständig aktualisiert. Die Polizeibehörden und das FBI sind zur Aktualisierung nicht verpflichtet. Das FBI hängt hinterher. Die US-Bundespolizei will ein neues Erfassungssystem einführen – bis zum Jahr 2017.

Leon Scherfig

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2016-01-22 15:22
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