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SOS-Kinderdorf-CD verbreitete unbewusst Nazi-Lieder

15.01.2013 | 07:34 Uhr
SOS-Kinderdorf-CD verbreitete unbewusst Nazi-Lieder
Die Hilfsorganisation SOS Kinderdorf ist im Zusammenhang mit einer Spendensammel-CD möglicherweise Opfer rechter Hacker geworden.Foto: Archiv/Stephan Glagla

München/Essen.   Die Organisation SOS Kinderdorf hat sich mit einer eigens produzierten Weihnachtslied-CD Stress eingehandelt. Offenbar hatten rechte Hacker Online-Musikdatenbanken manipuliert. Beim Abspielen der Lieder am Computer wurden Namen indizierter Nazi-Lieder angezeigt. Nur ein Zufall?

Eigentlich hätte den Hörern der CD das Herz aufgehen sollen. So hatte es die Hilfsorganisation SOS Kinderdorf vor Weihnachten kalkuliert. 50.000 CDs hatte SOS Kinderdorf bundesweit verbreiten lassen, eine erstmals gestartete Sonderaktion mit einer eigens produzierten Lieder CD. Ihr Titel: "Frohe Weihnachten - Kinderchöre singen die schönsten Lieder zur Weihnachtszeit". Aufnahmen von "O Tannenbaum" oder "O du fröhliche" sollten eine besinnliche Weihnachszeit untermalen und die Spendenbereitschaft der CD-Empfänger steigern. Doch wer sich die CD am Computer angehört hatte, konnte ein braunes Wunder erleben.

"Das war ein völliger Schock für uns", sagt SOS Kinderdorf-Sprecher Rainer Damm. Die Weihnachtsstimmung jedenfalls war bei der Hilfsorganisation mit Sitz in München bereits im vergangenen November verflogen. Damals gab es den ersten Hinweis, dass mit der CD irgendwas nicht stimmen kann - oder wollte SOS Kinderdorf insgeheim Nazi-Musik verbreiten? Genau das jedenfalls hatte einige CD-Hörer verunsichert: Zu den Tönen der Weihnachtslieder sahen sie beim Abspielen auf dem Computer Text-Informationen zu indizierten Nazi-Liedern mit Titeln wie "Das Lied vom Westwall", "Funker im Bunker" oder "Kameraden, wir marschieren".

Rechte Hacker im Verdacht

Als es im Dezember Hinweise von fünf weiteren CD-Hörern gab, die den Windows Mediaplayer nutzten, stellte die Organisation Anzeige bei der Staatsanwaltschaft München I. Wegen Volksverhetzung und gegen Unbekannt. Das Verfahren läuft, die Staatsanwaltschaft ermittelt noch.

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Per Brief wurde allen 50.000  Empfängern der CD zudem versichert, SOS Kinderdorf habe “mit großer Bestürzung" erfahren, dass die CD im Internet " mit Titeln der Hitlerjugend verfälscht" worden sei und bedauere dies sehr. SOS Kinderdorf beklagt jetzt vor allem den ideellen Schaden, für den möglicherweise rechtsextreme Hacker gesorgt haben. "Unser Image ist beschädigt", sagt Rainer Damm. Nun gelte es, verlorenes Vertrauen wiederherzustellen. Viele Empfänger hätten aber auch "Trost und Anerkennung" gespendet.

Die beiden Firmen, die die CD produziert hatten, möchten sich namentlich nicht zu dem Fall äußern und haben einen Medienanwalt in Rheinland-Pfalz eingeschaltet. Der erklärt, er glaube nicht daran, dass die Verbindung zu Nazi-Liedern durch Zufall oder einen technischen Fehler entstanden sei, "auch wenn ein Verwechseln von CDs technisch nicht so ungewöhnlich ist". Ein weiteres Erklärungsmuster wäre: Es existiert eine Audio-CD, die mit Blick auf Zahl und Länge der einzelnen Lieder genau der SOS Kinderdorf-Weihnachts-CD entspricht - allerdings mit Nazi-Inhalt.

Problem bei Musikdatenbanken?

Auch andere Ansprechpartner in der Musikbranche stützen die Hacker-These. Dabei dürften Musikdatenbanken in ihrem Fokus stehen. Deren Schwachpunkt dürfte die Verbindung von CD-Informationen und Musik-Datenbanken sein, die beim Abspielen via Computer online automatisch ausgetauscht werden. Musik-CDs sind in "Tracks" aufgeteilt, die die Musikdaten liefern sowie Hintergrunddaten, wie Titel, Interpret und spezielle Codes ("ISRC"). Auch CDs haben jeweils einen eigenen Identifizierungscode ("EAN"), der als Barcode auf jedem Produkt zu finden ist. Diese Hintergrunddaten wiederum sind auch in Datenbanken hinterlegt. So bekommen Nutzer beim Abspielen am Computer oder Umwandeln in andere Dateiformate auch die Hintergrund-Infos zu CD und Tracks geliefert, die man sonst einzeln abschreiben müsste.

Laut Anwalt der CD-Produzenten, die "in West- und Süddeutschland sitzen", sei das Problem mittlerweile behoben: "Es werden nun keine Nazilied-Informationen mehr angezeigt". Die Texte seien auf den Servern von zwei internationalen Musikdatenbanken inzwischen entfernt worden, nachdem die CD-Produzenten die Betreiber dazu im Dezember aufgefordert hatten. Insgesamt gebe es international vier große Datenbankbetreiber, auf die Mediaplayer herkömmlicher Computer-Betriebssysteme zurückgreifen. Aus Sicht der CD-Produzenten "müssten diese Datenbanken eigentlich einen Mechanismus haben, dass dort indizierte Lieder gar nicht erst abgelegt werden dürfen".

Beim Verband der Musikindustrie in Berlin kann man sich an keinen weiteren derartigen Fall erinnern. Bei SOS Kinderdorf erklärte Sprecher Rainer Damm, "wir sind noch nie Opfer von Hackern geworden".

Dagobert Ernst


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