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Urheberrecht

Internet-Gemeinde ruft für Samstag zum Aufstand gegen ACTA auf

08.02.2012 | 18:19 Uhr
Internet-Gemeinde ruft für Samstag zum Aufstand gegen ACTA auf
Internet-Aktivisten wollen an diesem Samstag europaweit gegen das ACTA-Abkommen protestieren. Das Archiv-Foto zeigt eine Demonstration für Internet-Freiheit in Warschau am 24. Januar.Foto: Alik Keplicz/ap

Brüssel.   Quer durch Europa formiert sich der Widerstand gegen das Raubkopie-Abkommen "ACTA". An diesem Samstag planen Internet-Aktivisten auch in Deutschland Demonstration. Sie protestieren für die Freiheit im Internet und gegen das Verbot von Produkt- und Markenpiraterie im Internet.

Die Netzgemeinde schätzt das drastische Wort. Zum Beispiel “Shitstorm” - eine organisierte, massenhafte Empörung. Damit ist zu rechnen, wenn die Verteidiger der Freiheit im Internet am kommenden Samstag quer durch Europa auf die Straße gehen. Ihr Gegner heißt ACTA. Das ist die englische Abkürzung für das geplante internationale “Handelsabkommen zur Bekämpfung von Produkt- und Markenpiraterie”. Aus Sicht der Verfasser ein überfälliges Instrument, um Produktfälschern und Raubkopierern das Handwerk zu legen. Für die Aktivisten der Netzgemeinde der Versuch, die Netz-Freiheit mit dem juristischen Vorschlaghammer zu zertrümmern.

Die Wut entzündet sich zum einen an der Entstehunggeschichte des Vertrags, den die Brüsseler Kommission im Auftrag der EU-Regierungen mit zehn Staaten, darunter die USA, Japan und die Schweiz, ausgehandelt hat. Und zwar, wie die Kritiker monieren, hinter verschlossenen Türen, in einem vierjährigen Geheimverfahren ohne anständige Beteiligung vieler Betroffener. Proteste gab es dennoch. Der Text wurde an einigen Stellen entschärft. So ist zum Beispiel von Netzsperren, wie sie die USA wünschten, nicht mehr die Rede.

Deutschland hat ACTA-Abkommen noch nicht unterzeichnet

Die endgültige Fassung wurde am 26. Januar in Tokio unterzeichnet, wobei von den 27 EU-Ländern fünf die Unterschrift noch nicht geleistet haben, darunter die Bundesrepublik. Der Grund seien aber rein formale – rechtliche oder terminliche – Hindernisse, sagt der zuständige EU-Kommissar Karel De Gucht. Deutschland und die anderen vier würden ihre Unterschrift in Kürze nachholen. Im übrigen sei die ganze Prozedur keineswegs intransparent, sondern nach den üblichen Spielregeln verlaufen.

Video
Auckland, 20.01.12: Auf einem Luxusanwesen in Auckland hat die Polizei am Freitag den Gründer der gesperrten Internetseite megaupload.com, den berühmt-berüchtigten Hacker und Wirtschaftskriminellen Kim Schmitz alias Kim Dotcom, festgenommen.

Das Ergebnis ist aus Sicht der Kritiker in jedem Fall inakzeptabel. Der Europa-Abgeordnete Jan Philipp Albrecht von den Grünen findet schon die Vermengung von Urheber- und Markenschutz unmöglich. Das seien zwei ganz unterschiedliche Problemfelder. Bei der Abwägung von Bürger- und Nutzer-Rechten gegen die Interessen der kommerziellen Produzenten und Rechte-Inhaber sei die Balance völlig verloren gegangen. “Das hat Schlagseite und zielt auf Repression!”

EU-Handelskommissar sieht Protest als "mutwillige Fehlinterpretation"

Massive Vorbehalte hat auch eine Gruppe von Urheberrechtlern in einem Gutachten geltend gemacht. Das Abkommen gebe Anlass zu “ernsten Sorgen bezüglich der Grundrechte, des Datenschutzes und eines fairen Interessenauslgleichs”, heißt es in der Expertise, der sich Fachleute aus zahlreichen EU-Staaten angeschlossen haben. Und in den Internet-Foren tobt der Shitstorm.

Autoren und ACTA-Mitbeteiligte sind ob des Furors verdattert. Ein Fall von “Fehlinformation oder, schlimmer noch, mutwilliger Fehlinterpretation des Inhalts des Abkommens”, mutmaßt Handelskommissar De Gucht in einem Brief an den Handelsausschuss des EU-Parlaments. Der Vertrag ändere nämlich nichts an bestehendem EU-Recht. Bundes-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger pflichtet bei: Auch in Deutschland bleibe alles beim alten.

Polen und Tschechien haben Ratifizierung vorerst gestoppt

Im EU-Parlament, ohne dessen Zustimmung der Vertrag nicht in Kraft treten kann, gehen die Meinungen auseinander. Grüne und Linke sind gegen ACTA, die Christdemokraten dafür, Sozialdemokraten und Liberale wissen noch nicht so recht, der zuständige Gutachter (Berichterstatter) David Martin, ein Sozialdemokrat, hält sich bedeckt.

Unterdessen bröckelt es schon kräftig an an der Peripherie. Nach Polen hat auch Tschechien angesichts des breiten Widerstands die Ratifizierung erst einmal angehalten. “Wir brauchen die Ratifizierung in allen 27 Mitgliedsstaaten”, sorgt sich De Guchts Sprecher. ACTA-Gegner Albrecht hingegen freut sich: “Ich war nicht optimistisch, aber jetzt bin ich guten Mutes - die Aufmerksamkeit ist da!” 

Informationen zu Anti-Acta-Aktionen finden sich unter anderem hier.

Knut Pries

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Kommentare
09.02.2012
12:35
Wer ist das "Internet-Gemeinde"?
von TrollUser | #6

Wer ist das "Internet-Gemeinde"?

09.02.2012
12:32
Internet-Gemeinde ruft für Samstag zum Aufstand gegen ACTA auf
von FernerBeobachter | #5

Hier werden ja ganz schön viel heiße Abgase emittiert... Aber weder der Artikel, noch seine Kritiker lassen ´raus, was da eigentlich genau geregelt wird. Ist das womöglich der ganze Grund für die Aufregung...?

09.02.2012
11:20
Internet-Gemeinde ruft für Samstag zum Aufstand gegen ACTA auf
von sak1 | #4

Wieder mal wird die Demokratie mit Füssen getreten und die Lobbisten haben ganze Arbeit geleistet

09.02.2012
11:03
Demos im DerWesten-Gebiet
von Gotthold | #3

Übrigens gibt es Demos in Düsseldorf (Heinrich-Heine-Platz, 14 Uhr), Dortmund (Katharinenstr., ggü Hbf., 15 Uhr) und Duisburg (Königstr Kreuzung Sonnenwall, 15 Uhr).

Ein wichtiger Aspekt ist übrigens auch, dass es hier nicht vorrangig um Musikdownloads oder ähnliches geht, sondern um eine Richtungsentscheidung, ob man sich an den Interessen weniger Lobbyisten orientiert und das in Geheimverträgen regelt oder ob man transparente, demokratische Entscheidungen, die möglichst vielen Menschen zugute kommen, möchte. Das wird etwa deutlich daran, dass es hier auch um den Zugang zu kostengünstigen Medikamenten (Generika) geht, der mit Hilfe von ACTA insbesondere für arme Menschen in Entwicklungsländern erschwert werden könnte. Es geht also um Grundwerte unserer Gesellschaft und ganz konkret auch um Menschenleben.

Außerdem könnte man noch erwähnen, dass die ACTA-Proteste in Polen die größte Bürgerbewegung seit fast 20 Jahren waren und dass die slowenische Botschafterin in Japan sich für ihre Unterschrift von ACTA entschuldigt hat, dies mit Uninformiertheit erklärt hat und ebenfalls zur Teilnahme an den Protesten aufruft. Eine internationale Petition auf avaaz.org wurde inzwischen von fast 2 Millionen Menschen unterschrieben.

08.02.2012
21:47
"mutwillige Fehlinterpretation"
von plattenboss | #2

Was für eine Unverfrorenheit. Wegen mangender Information und undemokratischem Ablauf ist sogar der Sprecher des EU-Parlamentes zurück getreten! Bevor hier irgend etwas unterschrieben wird, sollen die offenen Fragen beantwortet werden und die ganze (leider komplizierte) Angelegenheit ausdiskutiert werden.

Sollte die ganze Angelegenheit nichts an den Gesetzen in den Ländern verändern,- was soll das denn. TRIPS und andere Abkommen sind doch offenbar ausreichend?!

08.02.2012
19:33
"mutwillige Fehlinterpretation"
von matrix666 | #1

Dieses Abkommen wurde klammheimlich hinter dem Rücken der Bevölkerung in manchen Ländern unterschrieben. Das ist ein Skandal!

ACTA ist nicht im Interesse der weiten Masse der Bevölkerung, noch von der Bevölkerung demokratisch legitimiert -Parlamente waren weltweit in keinerlei Weise eingebunden in Verhandlungen.

Das Internet ist von Menschen für alle Menschen gedacht und nicht für die selbsternannte Elite.


1 Antwort
Internet-Gemeinde ruft für Samstag zum Aufstand gegen ACTA auf
von Pinky00 | #1-1

Die Bürgerrechte der Chinesen (Internetreglementierung par Excellance), amerikanische Banken- und Finanzkrise und Geheimkonferenzen mit der EU. Deutschland ist richtig international. *sarkasmus offline*

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