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Googles virtuelle Welt

07.08.2008 | 16:40 Uhr

Der Online-Riese versucht mit seiner Software Lively, neue Nutzer in das kommende 3D-Internet zu ziehen. Das spielt sich zunächst noch im ganz normalen Web ab.

10 Tipps für Google

Mitte Juli hat Google mit Lively eine eigene Software für die Erstellung virtueller Online-Welten eingeführt. Im Gegensatz zu den Ansätzen anderer Konzerne wie IBM und Sun, die beim kommenden 3D-Internet vor allem auf das geschäftliche Potenzial zu setzen scheinen, orientiert sich das Google-Projekt auf den ersten Blick am Consumer-Markt – es bietet eine Anzahl von Funktionen, die es für neue Nutzer sogar attraktiver machen könnte als populäre virtuelle Welten wie Second Life. Noch ist allerdings unklar, ob Google in Lively ein interessantes Nebenprojekt oder eine echte geschäftliche Initiative sieht.Sibley Verbeck, Chef der Electric Sheep Company, einem Anbieter von Dienstleistungen und Software für virtuelle Welten, freut sich zumindest über das Plus an Glaubwürdigkeit, die der Eintritt einer großen Marke wie Google dem noch recht kleinen Sektor verschafft: "Lively ist fraglos eine sehr positive Entwicklung. Immer dann, wenn eine große, innovative Firma eine solche Wette eingeht, hilft das auch dem Rest der Industrie." Allerdings sei der Dienst offenbar nicht mit Blick auf die herkömmlichen Anforderungen an 3D-Welten entwickelt worden. "Wenn man sich den Funktionsumfang anderer Projekte anschaut, fehlen Lively Features."

Diese Reaktion überrascht nicht angesichts Wurzeln des Vorhabens. Lively war ursprünglich ein "20 Prozent"-Projekt. Dabei erlaubt Google seinen Ingenieuren, an einem Tag der Woche an einer Idee zu arbeiten, die nur sie interessiert und die nichts mit ihrem normalen Job zu tun haben muss. Niniane Wang, die die Entwicklung von Lively leitete, sagt allerdings, dass das nur am Anfang des Vorhabens wirklich der Fall war: "Es begann als 20-Prozent-Idee, wurde dann aber zu einem Vollzeitprojekt mit einem extra dafür abgestellten Team, das hart an Lively arbeitet."

Im Gegensatz zu Second Life ist der Dienst keine zusammenhängende virtuelle Umgebung, in der die Nutzer virtuelles Land kaufen können. Stattdessen handelt es sich um ein System für den Bau virtueller Räume nach dem persönlichen Geschmack des Nutzers, die durch Avatare anderer User betreten werden können. Das läuft mittels eines Plug-in im Browser des Nutzers ab, eine spezielle eigenständige Client-Software wie bei Second Life wird nicht benötigt. Links zu einem der Räume lassen sich in gewöhnlichen Webseiten unterbringen. Klickt man sie an, wird das Lively-Plug-in im Browser gestartet oder der Nutzer gebeten, es sich herunterzuladen (derzeit gibt es allerdings nur eine Version für Windows, Macintosh- und Linux-Nutzer müssen draußen bleiben.) In einem Lively-Raum kann man dann beispielsweise Bilderrahmen mit Fotos aus dem Web unterbringen und diverse Inhalte von Google-Angeboten wie dem Videodienst YouTube oder dem Bilderdienst Picasa einbauen.

Ein weiteres Merkmal, aus dem hervorgeht, dass sich Lively an Neueinsteiger richtet, ist das Navigationssystem: Man zieht seinen Avatar ganz einfach mit der Maus durch den Raum. Obwohl diese Technik schnell erlernbar ist, ist sie doch weniger vielseitig als das, was man aus Second Life kennt: Dort werden Tastaturkürzel verwendet, die an Videospiele erinnern.

Heute schon gegoogelt?

Der größte Unterschied zwischen Lively und anderen virtuellen Welten ist aber, dass Nutzer derzeit noch keine eigenen virtuellen Gegenstände hinzufügen können. In Spielewelten wie "World of Warcraft" werden alle Inhalte, egal ob es nun Berge, Bäume, Stühle, Schwerter, Bilder, Beleuchtungselemente oder Wege sind, von professionellen Designern gestaltet. In virtuellen Welten wie Second Life stammen die meisten Inhalte hingegen von den "Bewohnern".

Virtuelle Gegenstände, die von Profis kommen, haben oftmals eine hohe Qualität; zwar bemühen sich die Anbieter, ständig neue Produkte hinzuzufügen, können aber nicht immer mit der Nachfrage mithalten. Nutzergenerierte Materialien können dagegen amateurhaft oder gar anstößig sein, sind aber meistens sehr schnell verfügbar. Google versucht bei Lively nun, einen Mittelweg zu finden: Die Firma arbeitet mit professionellen 3D-Ausrüstern wie RiversRunRed und Millions-of-Us zusammen, die eine Vorauswahl treffen.

"Ich finde es klug von Google, bei den Inhalten erst einmal nur mit einer ausgewählten Gruppe an Entwicklern zusammenzuarbeiten", meint Justin Bovington, Chef von RiversRunRed. "Es kommt bei nutzergenerierten manchmal zu einer Art Markenverschmutzung, aber auch zu Problemen mit virtueller Piraterie. Hinzu gesellt sich geschmacklich fragwürdiges Material, das bereits manches Mal am Image von Anbietern wie Second Life gekratzt hat."

Der Lively-Ansatz beschränkt die Auswahl in der virtuellen Welt allerdings auch. In Second Life gibt es beispielsweise nur 20 Pflanzenarten, die vom Anbieter Linden Lab geschaffen wurden. Die Bewohner der 3D-Welt haben hingegen Tausende weitere Sorten geschaffen. Bei Lively findet man auf den ersten Blick gerade einmal elf unterschiedliche Floraarten. Nutzer können derzeit außerdem nur aus elf verschiedenen Grundavataren wählen, wobei ihre Haare und ihre Kleidung sich anpassen lassen.

Mark Young, der als Designer für Google arbeitet, erwähnt jedoch in seinem Blog, dass der Konzern daran arbeite, nutzergenerierte Inhalte zuzulassen. "Wir planen das, haben aber noch keine Details dazu zu verkünden. Das ist aber definitiv eine Funktion, die die Nutzer gerne sehen würden."

Da Lively derzeit vor allem ein System zur Schaffung von 3D-Chaträumen ist, steht es vor allem mit kleineren Start-ups wie IMUV, Vivaty und Vside in Konkurrenz – weniger mit großen 3D-Welten wie Second Life. Nichtsdestotrotz sorgt der Markteintritt eines Riesen wie Google für Aufmerksamkeit. In einer Stellungnahme ließ Mark Kingdon, neuer Chef von Linden Lab, mitteilen, man sehe darin eine Bestätigung für die Wichtigkeit virtueller Welten. Second Life habe aber viele Vorteile wie beispielsweise seine Größe und seine gut funktionierende virtuelle Wirtschaft. "Das ist die Erfahrung, die wir bieten können. Die Nutzer sind hochmotiviert, in Second Life kreativ zu werden und Handel zu treiben. Jeden Tag werden Geschäfte in Höhe von einer Million Dollar zwischen Nutzern abgewickelt." Bei Google gibt es das noch nicht.

Brian White

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