„Die Wirtschaft muss mehr tun“

Düsseldorf..  NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD) hat ein Umdenken der Wirtschaft bei der Bewerberauswahl für Lehrstellen gefordert. „60 der angebotenen Ausbildungsstellen werden Hauptschülern gar nicht erst angeboten. Und 60 Prozent der Betriebe haben noch nie einen Lehrling mit Migrationshintergrund eingestellt“, sagte Schneider dieser Zeitung. „Das ist auch wirtschaftlich nicht vertretbar.“

Schneider appellierte an die Betriebe, nicht länger nach der Papierform einzustellen und sich die jungen Leute anzuschauen. In NRW ist die Zahl der abgeschlossenen Lehrverträge 2014 um vier Prozent auf 115 300 Ausbildungsverträge gesunken. Gleichzeitig bleiben jedes Jahr rund 20 Prozent der Jugendlichen ohne Berufsausbildung. Immer häufiger wird von Bewerbern um eine Lehrstelle der Realschulabschluss oder das Abitur verlangt. Hauptschüler und Migranten mit fremd klingenden Namen haben häufig wenig Chancen auf eine Lehrstelle.

Sorgen bereitet dem Arbeitsminister auch die zunehmende Akademisierung der Gesellschaft. „Es ist ein Irrglaube, dass die akademische Ausbildung immer bessere berufliche Chancen bietet als eine duale Ausbildung“, sagte Schneider. Gleichzeitig trage die Tatsache, dass eine steigende Quote der Schulabgänger später zur Hochschule wechselt, zur erheblichen Abbrecherquote von 50 Prozent im Ingenieurstudium an Fachhochschulen bei. Schneider sieht im Vorrang des Studiums gegenüber der weltweit anerkannten dualen Ausbildung in Deutschland zunehmend ein kulturelles Problem. „Wir müssen die unterschiedliche Wertigkeit von Studium und Ausbildung aufbrechen“, sagte Schneider.

DGB-Landeschef Andreas Meyer-Lauber warf den Arbeitgebern vor, mit ihrer Klage über fehlende Bewerber von den wirklichen Problemen in NRW abzulenken. „Handlungsbedarf sehen wir auch bei den Auswahlverfahren der Unternehmen – die Zeiten der Bestenauslese sind vorbei.“