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Die Macht der Masse

14.04.2010 | 19:26 Uhr
Die Macht der Masse

Köln. Neuer Trend aus den USA: Käufer versammeln sich bei einem Carrotmob und stürmen einen Laden, um ihm höhere Umsätze zu bescheren

Der Obst- und Gemüseladen von Necmettin Izci im Kölner Stadtteil Klettenberg zeichnet sich – auch auf den zweiten und dritten Blick – durch Verwechselbarkeit aus. Das Ladenschild ist unauffällig, das Sortiment unterscheidet sich maximal in Nuancen von dem anderer Frischehändler. Dennoch macht sich der türkische Inhaber für den kommenden Samstag auf einen Kundenansturm gefasst. Nicht ausgeschlossen, dass sich ab 14 Uhr eine Schlange vor dem Eingang bildet. Der Auslöser für das mutmaßlich große Gedränge: Carrotmob („Möhrenauflauf“).

Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine Bewegung, die 2008 in San Francisco startete und langsam den Weg nach Deutschland findet.

Erfinder Brent Schulkin fragte sich, warum Verbraucher einem Unternehmen oder Geschäft, das sich nicht umweltbewusst verhält, unbedingt mit Kaufverweigerung drohen müssen, um eine Verhaltensänderung zu erzwingen. Der Boykott von Shell in Folge der umstrittenen Entsorgung der Ölbohrplattform Brent Spar ist für diesen Mechanismus das wohl bekannteste Beispiel.

Schulkin stellte den Boykott auf den Kopf. Einem Laden wird – ähnlich wie einem Esel – die Karotte vor die Nase gehalten. Als Belohnung dafür, dass er sich bewegt und klimaschonende Maßnahmen ergreift. Beim Carrotmob gibt es keine Feinde, das Prinzip beruht auf Kooperation, so Schulkins Ansatz.

Also bündelt die Verbraucher-Meute ihre Macht und trifft sich an einem bestimmten Tag an einem bestimmten Geschäft, kauft dort ein und beschert dem Händler einen erhöhten Umsatz, den dieser in Energie-Effizienz investiert.

Gemessen an den Summen, die bisher bei Carrotmobs in Berlin, München oder Frankfurt in die Kassen flossen, kann man den Ladensturm entfernt mit Mikrokrediten vergleichen. Das Umsatzplus bewegte sich im vierstelligen Bereich. Auch Izci, der als normalen Samstagsumsatz 1400 Euro nennt, rechnet nicht mit riesigem Reibach. Vielleicht reichen die Zusatzeinnahmen, um die alte Neonbeleuchtung zu wechseln. Die schlüge mit 7000 Euro zu Buche und würde etwa 1500 Kilogramm CO2 pro Jahr sparen, hat ein Energieberater errechnet. Auch die altersschwachen Kühltheken müssten rausfliegen, „doch aus dem normalen Umsatz könnte ich diese Maßnahmen nicht finanzieren“, erläutert Izci seine Motivation.

Für Fabian Huber, der den ersten Kölner Ladensturm organisiert, ist das Karottenprinzip einleuchtend. „Wir leben als Nachfrager und können eben so kaufen, wie es uns gefällt.“ Außerdem hätten die Carrotmobber bei ihrem Engagement keinen zusätzlichen Aufwand. Als Teilnehmer decken sie jenen Konsumbedarf, den sie sowieso haben.

Für Brigitte Rittmann-Bauer von der Verbraucherzentrale NRW ist der „Möhrenauflauf“ einen Versuch wert, um als Käufer Einfluss zu nehmen. „Oft ist der Kunde in der unterlegenen Position und steht ohne Bündnispartner der geballten Macht des Anbieters gegenüber.“ Es sei ein legitimes Anliegen, mit Instrumenten wie dem Carrotmob eine Art Gegenmacht aufzubauen.

Für Klaus Burmeister, Chef des Kölner Zukunftsinstituts Z.Punkt, ist der Carrotmob eine „tolle Form der Verbraucherpolitik“. Es reiche eben nicht mehr, nur Testberichte zu veröffentlichen. Die neue Art, sich als Verbraucher zu artikulieren, könne Vorbild für Nichtregierungsorganisationen sein. Wobei Burmeister im Carrotmob die Web2.0-Version einer ganz alten Idee erkennt: die der Einkaufsgenossenschaft.

Tobias Bolsmann

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