Die Krawatten-Näher
03.08.2010 | 17:52 Uhr 2010-08-03T17:52:00+0200
Krefeld.Der Familienbetrieb Moese fertigt als letztes Krefelder Krawatten-Unternehmen Schlipse noch von Hand. Dabei hat es der klassische Schlips heute schwer.
Langmut und Geduld, eine ruhige Hand und sicherlich auch Liebe zum Detail. Heike Wahl schiebt die Stecknadeln in den Krawattenrücken, greift zu Nadel und Faden, und macht dann freundlicherweise für den Fotografen das, was sie sonst nie machen würde. Sie näht mit erhobenen Händen die Hohlnaht, was freilich ein gewagtes Unterfangen ist. Denn in der Krawattennäherei der Familie Moese in Krefeld geht es üblicherweise akkurat zu. Der Stich muss sitzen, und das geht am besten mit dem Schlips auf dem Schoß. Frau Wahl, 38 Jahre alt, ist – Verzeihung – ein Fossil. Eine Lehre als Krawattennäherin hat sie gemacht und ist damit eine der letzten ihrer Zunft. Lange schon gibt es den Lehrberuf nicht mehr.
Schlips-Trend zeigt eindeutig abwärts
Überhaupt ist in dem Geschäft vieles nicht mehr wie es war. Aber die Karl Moese GmbH, die ist noch da. Als letzter Krawattenmacher in Krefeld, der Stadt aus Samt und Seide, und als ein Hersteller von zwei in Deutschland verbliebenen, der noch Krawatten von Hand näht. Seit 1908 gibt es das Unternehmen. Und nun sitzen hier Geschäftsführer Jan Moese (46) und seine Schwester Barbara Pauen (48) in vierter Generation und berichten über das Auf und Nieder im Geschäft mit dem Binder.
Wobei der Schlips-Trend eindeutig abwärts zeigt. 220 Mitarbeiter arbeiteten Anfang der 1990-er Jahre noch bei Moese, 60 waren es 2003, heute sind es 35. Eine Million Krawatten fertigte das Unternehmen vor 20 Jahren, 250 000 sind es heute. „Die Krawatte“, sagt Barbara Pauen trocken, „ist eben kein modisches Accessoire“, sondern ein Muss für Banker, Rechtsanwälte oder Manager. Die werden zwar tendenziell nicht seltener, aber Armani sei Dank macht der eine oder andere Mann auch mit weißem T-Shirt und Sakko im Geschäftsleben was her. Der Schlips hat’s also schwer. „Wir sind Armani dafür nicht böse“, sagt Frau Pauen milde.
Hoffnung auf die Jugend
Und überhaupt: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Jan Moese, Betriebswirt von Beruf, setzt auf die Jugend, „die feststellt: Mein Alter trägt seit 30 Jahren keine Krawatte, also ist das was für mich.“ Die Abi-Feiern, bei denen sich die Jungs und Mädels mit Krawatte und Kostüm freiwillig schick machen, lassen hoffen. Dann werden es aber eher nicht die Krawatten der Marke Ascot sein, handgenäht von Heike Wahl, die den Weg an den Jung-Mann-Hals finden. Denn die kostet mit schon mal 100 Euro gut gerne so viel wie ein günstiger Anzug von der Stange.
20 Minuten näht Heike Wahl an dem guten Stück, vom Zuschnitt bis zur Fertigstellung sind 35 Minuten zu veranschlagen. 14 Näherinnen arbeiten für Moese, zehn davon in Heimarbeit, so wie weiland die Mutter von Heike Wahl.
Etwa ein Drittel der Moese-Krawatten sind handgenäht, also der Marke Ascot zuzuordnen. Die Eigenmarke Hemley gehört noch zum Unternehmen, daneben produzieren die Krefelder auch für eine Reihe Privatlabels wie René Lezard oder Hermes. Und natürlich den aktuellen Renner. „Sommerschals“, sagt Jan Moese, „gehen wie geschnitten Brot“, und gleichen aus, was das Unternehmen an Krawatten-Umsatz verliert.
Alle halbe Jahre ändert sich die Mode
Jan Moese ist studierter Betriebswirt und wie so oft in Familienbetrieben, habe er „sich nicht vorstellen können, mit meinem Vater zusammenzuarbeiten.“ Was nicht gegen den Vater Wolfgang Moese (70) spricht, sondern etwas aussagt über das Vater-Sohn-Verhältnis im Allgemeinen.
Jan wollte nach dem Studium in Fahrrädern machen, was der Vater gar nicht verkehrt gefunden habe. Gleichwohl ging der Sohn auf den Vorschlag ein, es mal zwei Jahre auszuprobieren. „Dann hat mich das ganze nicht mehr losgelassen.“ Das Ganze? „Das unheimlich schöne Arbeiten mit Stoffen und Farben. Alle halbe Jahre ändert sich die Mode, das ist spannend.“
Die Finanzkrise, verursacht durch viele Männer mit Schlips, hat auch bei Moeses für einen Umsatzeinbruch gesorgt. Und wie sieht der Krawattenmacher die Zockerei mit windigen Finanzgeschäften? „Die Gier hat zwei Seiten“, sagt er: die der Anbieter der Finanzprodukte, und die der Anleger, die hohe Renditen einstreichen wollten.

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