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Die Deutsche Bahn sieht sich in NRW nur noch als Mitbewerber

15.01.2016 | 07:46 Uhr
Die Deutsche Bahn sieht sich in NRW nur noch als Mitbewerber
Der Wettbewerb im Regionalverkehr auf den Schienen in NRW wächst. Die Deutsche Bahn geht davon aus, dass ihre Marktanteile gegenüber Wettbewerbern weiter schrumpfen werden.Foto: Ralf Rottmann/Funke Foto Services

Essen.   Beim Bahnverkehr in NRW verliert die Deutsche Bahn zunehmend an Gewicht. DB Regio NRW-Chef Brüggemann propagiert deshalb einen Mentalitätswandel.

Die Zeiten für die Bahn in NRW sind hart und werden härter. Der Wettbewerb auf der Schiene wächst. Nicht nur beim Mammutprojekt Rhein-Ruhr-Express hatte die Deutschen Bahn zuletzt das Nachsehen gegenüber Mitbewerbern. Für Heinrich Brüggemann, Chef der DB Regio NRW, ist absehbar, dass man beim DB Konzern im Schienen-Nah- und Regionalverkehr in NRW künftig wohl weitere Rückschläge wird hinnehmen müssen. Brüggemann propagiert deshalb einen Mentalitätswandel im Unternehmen - von dem auch die Kunden profitieren sollen.

Jetzt kommt doch noch der Winter in die Region, können die Fahrgäste entspannt in die Züge steigen?

Heinrich Brüggemann: Wir haben uns auf die Notfallszenarien vorbereitet und auch immer einen Plan B in der Schublade. Natürlich kann man sich nicht für jeden Eventualfall rüsten, aber unsere Stärke ist es, mit außergewöhnlichen Lagen umzugehen. In der Krise erweist sich meine Mannschaft in NRW als hochflexibel, pragmatisch, und sie entscheidet schnell.

Warum teilen die meisten Fahrgästen diese Einschätzung nicht?

Brüggemann: Wir haben eine Million Fahrgäste täglich in NRW, da gibt es natürlich immer mal Grund zur Klage, aber das Gros unserer Kunden ist durchaus zufrieden. Wenn es betriebliche Probleme gibt, sorgt das begreiflicherweise für Verärgerung.

Immer wieder kritisiert wird in solchen Lagen die Fahrgastinformation.

Die Bahn ist nicht mehr das System Bahn, nur noch ein Teil davon: DB Regio NRW-Chef Heinrich Brüggemann propagiert jetzt die Kooperation unter den Bahn-Unternehmen in NRW. Foto: Deutsche Bahn

Brüggemann: Hier wollen wir mit neuen Informationssystemen für die Fahrgäste deutlich besser werden und wir sind da auf einem guten Weg. Ich kann nur empfehlen, beispielsweise über Twitter oder WhatsApp mal unseren „Strecken-Agenten“ zu testen (unter www.bahn.de/streckenagent-nrw). Da kann man sich die aktuelle Lage für seine eigene Relation per Push-Nachricht aufs Smartphone holen. Das funktioniert. Das kann sogar der Brüggemann.

Und wie sieht es bei der Smartphone-App DB-Navigator aus?

Brüggemann: Da sind wir in der Entwicklung nicht stehen geblieben. Nutzer finden in der App seit Neuestem auch neben den Echtzeitdaten zu Abfahrt, Ankunft und Anschlussverbindungen unserer Züge die Infos von Zügen unserer Wettbewerber, etwa der Eurobahn.

"Die Bahn steht nicht mehr für das gesamte System Schiene"

Wie reagiert DB Regio auf die sich verändernde Wettbewerbslage?

Brüggemann: Es zeichnet sich ab, dass es künftig im Ballungsraum Rhein-Ruhr neben der Bahn vier bis fünf große Wettbewerber geben wird. Zugleich wird unser Marktanteil in NRW bis 2020 auf unter 50 Prozent sinken. Das führt zu der Erkenntnis: Die Deutsche Bahn steht nicht mehr für das gesamte System Schiene, sondern sie ist nur noch ein Teil von ihm. Jenseits von Ausschreibungen brauchen wir also eine gute und enge Zusammenarbeit mit unseren Wettbewerbern, denn nur gemeinsam mit ihnen können wir ein stabiles Nahverkehrs-System anbieten. Andernfalls schaden wir uns selbst, dann laufen uns die Fahrgäste weg.

Das bedeutet...?

Brüggemann: Unser Geschäftsmodell wird sich elementar verändern. Wir werden immer weniger Gesamtanbieter von Schienenverkehr sein, dafür aber verstärkt für Konkurrenten Dienstleistungen übernehmen. Es wäre vor zehn Jahren für uns undenkbar gewesen, sich bei National Express um die Fahrzeug-Instandhaltung der Linien RE7 und RB48 zu bewerben. Aber das ist die Zukunft, wenn wir unserem Anspruch gerecht werden wollen, als Deutsche Bahn auch nach 2020 die wesentliche Rolle im Schienenverkehr von NRW zu spielen.

Also nicht nur Züge fahren, sondern...

Brüggemann: Instandhaltung, Beschwerdemanagement, Transportleitung, Vertrieb -- vieles ist da denkbar, es gehört zu unserem Knowhow, die Regie in komplexen Systemen zu übernehmen. Die Wettbewerber sind durchaus interessiert an solchen Modellen.

Was haben denn Pendler und Reisende davon?

Brüggemann: Für Kunden steht nicht im Vordergrund, welcher Unternehmensname auf einem Zug steht. Sie möchten ihr Ziel möglichst bequem und pünktlich erreichen. Wenn jedes Bahn-Unternehmen unkoordiniert nur seinen eigenen Verkehr organisiert, ist das für Kunden keine gute Lösung. Für uns als Deutsche Bahn bedeutet das: Unsere Mitbewerber sind Konkurrenten, wenn es um Ausschreibungen geht. Aber in der täglichen Praxis auf den Schienen müssen wir gemeinsam agieren.

Der RRX wird bei der Deutschen Bahn etwa 500 Jobs kosten

Was bedeutet die Wettbewerbslage für die Bahnjobs in NRW?

Brüggemann: Der Verlust der RRX-Linien wird ohne Instandhaltung etwa 500 Jobs kosten. Wir können gleichwertige Arbeitsplätze für die meisten von ihnen nur außerhalb von NRW anbieten, sehen aber sehr gute Ansätze beim Übergang zu anderen Arbeitgebern.

Organisatorisch drohen Ihnen dabei große Schwierigkeiten...

Brüggemann: ...denen wir durch eine Kooperation mit den RRX-Betreibern Abellio und National Express begegnen wollen. Die Verträge sind noch nicht unterschrieben, aber wir haben ein Modell entwickelt, das den betreffenden Mitarbeitern bei uns ermöglicht, nahtlos von der DB Regio NRW zu den neuen RRX-Anbietern zu wechseln, ohne zum Beispiel finanzielle Verluste.

Gilt das auch für Zugbegleiter, deren Berufsbild vor einer unsicheren Zukunft steht?

Brüggemann: Meiner Einschätzung nach wird die Besetzung mit Personal in den Zügen des Rhein-Ruhr-Express eher steigen. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass die Arbeitsplätze dort erhalten bleiben. Auch hier sind wir mit unseren Wettbewerbern im Gespräch, den Übergang für DB-Beschäftigte bestmöglich zu regeln.

Derzeit werden auch einige der S-Bahnlinien im Bereich des Verkehrsverbunds Rhein-Ruhr neu ausgeschrieben. Wie sehen Sie die Chancen der Deutschen Bahn?

Brüggemann: Ziel ist auch hier, den Wettbewerb auf der Schiene zu fördern. Egal wie gut unser Angebot ist, es steht schon heute fest, dass wir einen Teil des S-Bahnbetriebs verlieren werden, weil die Ausschreibungen so gestaltet sind, dass mindestens ein neuer Anbieter dazu kommen wird. Bei uns betrifft das dann die Jobs von einigen hundert Beschäftigten. Aber auch hier werden wir einen Teil der Instandhaltungsleistungen erbringen, also in jedem Fall Partner der S-Bahn bleiben.

Macht Ihnen angesichts dieser Perspektiven Ihre Arbeit eigentlich noch Spaß?

Brüggemann: Oh ja. Ich bin seit 15 Jahren Chef der DB Regio NRW. Wir sind in vielem besser geworden, was ganz wesentlich eine Folge des Wettbewerbs ist. Die Bundesbahn-Zeiten sind vorbei. Der nächste Qualitätsschritt für die Kunden hängt davon ab, wie die Wettbewerber lernen, als Kooperationspartner im System Bahn zu funktionieren. Unser aller Ziel muss sein, in NRW gemeinsam einen hervorragenden Schienenverkehr anzubieten, der eine echte Alternative ist zum Individualverkehr.

Dagobert Ernst, Michael Minholz

Kommentare
16.01.2016
12:26
Die Deutsche Bahn sieht sich in NRW nur noch als Mitbewerber
von Dortmund4Life | #6

"In der Krise erweist sich meine Mannschaft in NRW als hochflexibel, pragmatisch, und sie entscheidet schnell."

Achtung liebe Bahn, die nächste...
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2016-01-15 07:46
Deutsche Bahn, Bahn, Regionalexpress, RRX, Rhein-Ruhr-Express, NRW, Nordrhein-Westfalen, Schienenverkehr, Bahnpendler, Pendler, Heinrich Brüggemann, DB Regio NRW,
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