Die Awo setzt voll auf Leiharbeit
03.11.2010 | 19:00 Uhr 2010-11-03T19:00:00+0100
Essen.Kirchen und Wohlfahrtsverbände halten Hartz IV für zu niedrig, fordern Mindestlöhne und geißeln regelmäßig Auswüchse in der Leiharbeit. Deshalb werden Awo, Diakonie und Caritas auch nicht gern gefragt, warum sie dann eigene Leiharbeitsfirmen vor allem in der Pflege betreiben. Einig sind sich ihre Dachverbände nur, Leiharbeiter nur in Ausnahmesituationen einzusetzen. Doch auch daran hält sich die Basis nicht überall. Die Awo Essen hat sogar beschlossen, Altenpfleger grundsätzlich nur noch als Leiharbeiter einzustellen.
Astrid K. (Name geändert) hat schon ihre Ausbildung zur Pflegefachkraft bei der Awo Essen absolviert. Man war offenbar zufrieden mit ihr und gab ihr eine feste Stelle. Allerdings gleich in der Awo Service GmbH, der eigenen Leiharbeitsfirma. Dort verdient sie nach eigener Aussage zehn Prozent weniger als ihre Kollegen vom Kreisverband, mit denen sie täglich zusammenarbeitet. „Ein Pflegehelfer im Kreisverband verdient etwa so viel wie ich als examinierte Kraft bei der Awo Service.“
Doch das ist nicht der einzige Grund, der sie von einer „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ in der Awo sprechen lässt. „Wir Leiharbeiter bekommen geringere Feiertagszuschläge, keine Geriatrie-Zulage und weniger Weihnachtsgeld, wenn wir länger krank sind.“ Das deckt sich mit Vergleichen der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Aus Beispielen ergeben sich Unterschiede bei Pflegehelfern von mehr als 17 Prozent. „Je niedriger die Qualifikation, desto größer die Entgeltunterschiede”, sagt Gereon Falck, Verdi-Sekretär für Wohlfahrtsdienste.
Dabei hat sich der Awo-Bundesverband gerade erst den Kampf gegen Lohndumping durch Leiharbeit auf die Fahnen geschrieben. „Leiharbeit muss – dem ursprünglichen Ziel folgend – auf die Abdeckung von Auftragsspitzen und Auftragsschwankungen konzentriert werden”, heißt es in einem Papier des Awo-Bundesverbands aus diesem August. Es trägt groteskerweise den Titel „Essener Erklärung”. Darin steht auch: „Leiharbeiter sind den Festangestellten nach dem Grundsatz gleicher Lohn für gleiche Arbeit gleichzustellen.“ Allein: Die Awo Essen hält sich an die Essener Awo-Erklärung nicht.
„Das mag ja so sein“, sagt dazu Kreis-Geschäftsführer Wolf Ambauer, „aber wir müssen pragmatisch bleiben.“ Durch die niedrigeren Löhne der Awo Service sichere man Arbeitsplätze, denn: „Der Wettbewerb ist sehr hart.“
Wenn Astrid K. so etwas hört, zieht es ihre Mundwinkel abwärts. „Es geht nur darum, am Lohn zu sparen. Da muss man sich fragen, ob die Arbeiterwohlfahrt ihren Namen noch verdient.” Immerhin sieht sich die Awo der „sozialdemokratischen Arbeiterbewegung verbunden.
Dem Awo-Bundesverband ist das unangenehm. Vorstand Brigitte Döcker sagt: „Werte, die wir öffentlich vertreten, müssen auch nach innen geschützt werden“. Allerdings habe der Bundesverband keine Weisungsbefugnis gegenüber Kreisverbänden. Und: „Das Spannungsverhältnis zwischen Werten und Wettbewerb sehe ich schon.“
Ein weiteres Problem bei Leiharbeit in der Pflege ist, dass die Pfleger in vielen Heimen arbeiten und so kaum engere Beziehungen zu den Bewohnern bilden können. Aus diesem Grund wollte der vorige Landesarbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) Leiharbeit in der Pflege grundsätzlich verbieten. So berichten etwa Pflegerinnen aus dem Awo-Bezirk Westliches Westfalen, in dem Leiharbeiter nur Arbeitsspitzen ausgleichen sollen, von großen Problemen. Gerade demente Menschen wollten sich nicht jeden Tag von einem anderen Pfleger waschen oder wickeln lassen.
Fester Einsatzort
Bei der Awo Essen ist gerade das nicht das Problem. Die Awo Service schickt ihre Leute in ein bestimmtes Heim und auf eine feste Station. Das ist gut für die Patienten und Astrid K. will auch betont wissen, dass ihr Heim gut geführt sei und sie tatsächlich Zeit habe, sich auch mal länger um einen Bewohner zu kümmern.
Doch wenn die Kräfte einen festen Einsatzort haben, hat ihre Arbeit auch nichts mit Leiharbeit im eigentlichen Sinne zu tun. Geschäftsführer Ambauer spricht deshalb auch von „nichtgewerblicher Arbeitnehmerüberlassung“. Dass Personal systematisch aus einer betriebseigenen Verleihfirma rekrutiert wird, macht es für den Betriebsrat freilich nur noch schlimmer. Er beklagt „Schlecker-Verhältnisse bei der Awo“.

11:22
Warum werden die Stellen nicht durch 1-Euro-Jobber besetzt? Das spart noch mehr Kosten!
08:03
Es sollte einfach einmal die CDU und insbesondere Frau Eckenbach gefragt werden, wieso denn vor einigen Jahren ein teures städisches Gutachten beauftragt wurde, dass nur das Ziel hatte die Kosten bei der Stadt zu senken. Auch der LVR wurde beauftragt, dafür Sorge zu tragen, dass den Wohlfahrtsvergbänden ihre Kosten nicht mehr erstattet werden. In Essen galt bis vor einigen Jahren der kommunale BAT. Das führte zu Diskussionen wie: alles zu teuer. Bei einer Abhängigkeit von ca. 80 - 85% von den Personalkosten muss man sich politisch entscheiden was man will. Das was jetzt bei der AWO passiert ist logisch, sonst ist die AWO Pleite und dann sind alle Arbeitsplätze weg. Also Frau Eckenbach (CDU, Rat Essen) fragen!!
12:58
Nachtrag....
Ich habe lange Jahre der AWO Spenden zukommen lassen, da ich die Arbeit vor Ort sehr geschätzt habe. Vielleicht denken andere auch so und deshalb sinkt das Spendenaufkommen?
Herr Ambauer sollte auch mal in diese Richtung denken. Denn die Mehrheit schweigt und geht einfach.....
Und ich habe in meinen Vollmachten klar festgelegt, dass ich niemals in die Pflege der AWO will......
Wenn jeder für sich langfristig denkt, zeigt es irgendwann Wirkung.
12:55
Ach wie süß... Wieder einmal die AWO. Ich hatte mit Herrn Ambauer genau die gleiche Diskussion im Bereich der Kindertagesstätten.
Auch dort werden Leistungen und Löhne heruntergefahren bei gleichzeitiger Elternbeitragserhöhung.
Man könnte vermuten, das Modell hat Methode.
Leider gibt es keine Möglichkeit, die steuerlich begünstigte Form der GEMEINNÜTZIGEN GmbH überprüfen oder gar entziehen zu lassen. Das würde diese getarnten Profit-Center nämlich schon treffen.
Pflege und Kindebetreuung sind ein gewaltiger Markt, der soziale Aspekt oder gar die Gemeinnützigkeit ist da nur noch Fassade.
10:48
Hier im Artikel geht es um die AWO, aber die anderen wie Caritas und Diakonie machen es ganz genau so.
Da gehen Sachen ab, da muss man sich fragen was besser ist: zählt man zur Stammbelegschaft oder Zeitarbeit.
Die Stammbelegschaft wird oftmals, weil teurer und tariflich abgesichert versucht niedrigeren Veträgen zu zustimmen oder werden raus zu mobben.
Bei der Zeitarbeit wird das mobben übersprungen und man verdient von anfang an weniger.
So arbeiten Sozialverbände in einer sozialen Marktwirtschaft.
Angeblich, lt. Branchenverband, fehlen bundesweit ca. 1 Mio. Fachpflegekräfte. Aber eingestellt werden keine, höchtens punktuell über Zeitarbeit.
Diese ganzen Verbandfunktionäre, Lobbyisten und Politiker glauben tatsächlich die Bürger (und Wähler) leben noch auf dem Baum.
10:20
Ich möchte hier nicht ausbreiten was ich als Angehöriger eines AWO-Insassen (Im Schlenk) miterleben musste.
Aber ich frage ich wo das ganze Geld hin fließt was die Insassen in die Kassen spülen. In die Bezahlung der Pflegekräfte ganz sicher nicht, wenn man dem Artikel hier glauben mag
Ich hatte nicht den Eindruck dass mehr wie 1-2 examinierte Pfleger für 3 Stationen vorhanden sind. Und eine Handvoll 1€ Jobber, aber die werden von der Arge subventioniert, die kosten den Betreiber praktisch nichts und besetzen reguläre Arbeitsplätze, was wieder hilft die Löhne zu drücken.
Ich möchte niemals in einem Heim der AWO oder eines sonstigen Anbieters eingelagert werden, lieber verrecke ich.
21:31
Da muss man sich fragen, ob die Arbeiterwohlfahrt ihren Namen noch verdient.
Ja freilich verdient die Arbeiterwohlfahrt noch ihren Namen. Übersetzt heißt Arbeiterwohlfahrt in der heutigen Zeit:
Arbeite wohl für uns und fahr dann zur Hölle.
19:46
Das System zeigt sein wahres Gesicht.
11:32
Nach Sozial blinken und nach Neoliberal abbiegen, wenn man im Geschäft ist, ist heute die kennzeichnende Eigenschaft der Sozialdemokraten. Die AWO als der SPD nahestehender Verein handelt nach dieser Devise.
Na und ?
11:05
Wenn das Management sich die Taschen vollstopft,bleibt für den/die Pfleger/in nichts mehr übrig.