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Rente

Die Ärmsten gehen bei der „Lebensleistungsrente“ leer aus

06.11.2012 | 19:15 Uhr
Die Ärmsten gehen bei der „Lebensleistungsrente“ leer aus
Rentnerin mit Geldbörse: Die „Lebensleistungsrente“ lohnt sich nicht für Geringverdiener. Foto: dapd

Essen.  Die „Lebensleistungsrente“ soll vor Altersarmut schützen. Doch die Bedingung, auch privat vorzusorgen, sperrt 1,8 Millionen Geringverdiener von der neuen Form der Vorsorge aus. Rentenexperten sprechen von einem „bürokratischen Monster“.

Pünktlich vor der Wahl, im kommenden Sommer, soll sie kommen, die neue Mindestrente der schwarz-gelben Bundesregierung, die nun in „Lebensleistungsrente“ umgetauft wurde. Wer 40 Jahre lang gearbeitet hat, soll eine Rente erhalten, die zumindest etwas über dem Grundsicherungsniveau liegt, das je nach Wohnlage zwischen 650 und 800 Euro liegt. Ein Geringverdiener im Ruhrgebiet würde also eine geringere Mindestrente erhalten als etwa in München. In Rede steht, auf die Grundsicherung zehn bis 15 Euro draufzupacken. Das ist vielen, die vor Altersarmut warnen, ohnehin zu wenig, so auch der Senioren-Union. Der DGB sprach von „blankem Zynismus“. Dabei ist nicht einmal klar, ob selbst dieses kleine Zubrot überhaupt bei den Menschen ankommt, für die es bestimmt ist.

Zur Bedingung macht die Bundesregierung, dass die Geringverdiener eine private Altersvorsorge vorweisen können. Genau das könnte sich aber als entscheidende Hürde für Hunderttausende Menschen erweisen. Denn gerade Geringverdiener sorgen aus naheliegenden Gründen bisher am wenigsten fürs Alter vor. Das geht aus dem Alterssicherungsbericht hervor, den die Bundesregierung Ende November vorstellen will.

1,2 Millionen Frauen fallen durchs Raster

Die entscheidenden Zahlen hat die „Süddeutsche“ bereits veröffentlicht und sie legen das Hauptproblem der Zuschussrente offen: Während Gutverdiener über ihre ohnehin hohen Rentenansprüche hinaus auch privat zu 86 Prozent vorsorgen, stehen 42 Prozent der Geringverdiener ganz ohne Vorsorge da. Sie können weder mit einer Betriebsrente rechnen noch riestern sie. Damit droht 1,8 Millionen Menschen Altersarmut, davon sind 1,2 Millionen Frauen. „An diesen Leuten geht die Zuschussrente vorbei. Es sei denn, sie sorgen doch noch vor“, sagt Reinhold Schnabel, Finanzwissenschaftler an der Uni Duisburg-Essen.

Der Rentenexperte spricht von einem „bürokratischen Monster“ und fragt: „Wer will denn das alles kontrollieren? Die Rentenversicherung kennt nur das Versicherungskonto, sie hat die Zahlen zur privaten Vorsorge doch gar nicht.“ Er hätte deshalb den Vorschlag des CDU-Arbeitnehmerflügels vorgezogen: Die CDA wollte die „Rente nach Mindesteinkommen“ wiedereinführen, die es bereits bis 1992 gab. Dabei wurden sehr niedrige Rentenbeiträge automatisch aufgestockt, um Mini-Renten zu verhindern – ohne Bedingungen.

Hoffen auf die „Riester-Rente“

Die schwarz-gelbe Koalition hofft, dass Geringverdiener nun einen Riester-Vertrag abschließen, um die „Lebensleistungsrente“ zu bekommen. Schließlich können sie schon für fünf Euro im Monat einen Vertrag abschließen und dafür ein Vielfaches an staatlichen Zuschüssen mitnehmen. Das hat aber bisher vielen nicht als Anreiz genügt. Die Neuabschlüsse von Riester-Verträgen sind im ersten Halbjahr um gut die Hälfte auf 200.000 eingebrochen. Ob nun die Aussicht auf zehn oder 15 Euro mehr Staatsrente der privaten Vorsorge einen neuen Schub gibt, steht in Frage. Zumal gerade Geringverdiener eher selten auf 40 Beitragsjahre kommen und somit nicht wissen, ob sie diese zweite Voraussetzung erfüllen werden.

Der Alterssicherungsbericht weist die mangelnde Vorsorge eindeutig als Schichtenproblem aus. So legen acht von zehn Akademikern Geld fürs Alter zurück, aber nur fünf von zehn Menschen ohne Berufsabschluss. Frühere Untersuchungen ähnlicher Art haben zudem ergeben, dass in den typischen Niedriglohn-Branchen wie der Gastronomie, dem Handel und dem Gesundheitswesen besonders wenige Beschäftigte vorsorgen. Auch sie würden kein Extrageld für ihre Lebensleistung erhalten.

Stefan Schulte



Kommentare
08.11.2012
10:23
Die Ärmsten gehen bei der „Lebensleistungsrente“ leer aus
von Klug99 | #10

Eindeutig erkennt man, dass Merkel die SPD links überholt hat! Die Unterstellung, dass die soziale "Wohltat" der Versicherungswirtschaft geschuldet wäre halte ich für unsinnig! Aber der SPD-Anhänger fühlt es genau wie ich, er hat nur das Problem der Meinungsänderung!

08.11.2012
07:44
Die Ärmsten gehen bei der „Lebensleistungsrente“ leer aus
von a01mue | #9

Der Regierungskoalition geht es ja auch nicht um die Absicherung irgendjemandes Lebensabend, sonst gäbe es längst einen Mindestlohn, der den Namen auch verdient. Hier geht es darum, auch den letzen noch auf Kosten der Existenz des Betroffenen der Versicherungswirtschaft in die Arme zu treiben. Mal im Ernst, selbst wenn ein Arbeitnehmer, der als prekär Beschäftigter noch Hilfe nach dem Sozialgesetzbuch 2 (Hartz IV) in Anspruch nehemn muss, jeden Monat die geforderten mindestens 5 Euro in einen Riester-Vertrag einzahlen würde, was hat er denn davon: eine lächerliche Zusatzrendte, die am Ende von der Inflation aufgefressen wird, und lediglich dafür sorgt, dass die Aufstockung auf HartzIV-Niveau im Alter nicht ganz so stark wird, das Niveau belibt das gleiche, der Mensch bettelarm im Alter, trotz eines Lebens voller Arbeit. Aber sowas können sich FDP- und Unionsabgeordente, insbesondere die Mulimillionärin von der Leyen, nicht vorstellen!
Andreas Müller, Kreuztal

07.11.2012
13:57
Die Ärmsten gehen bei der „Lebensleistungsrente“ leer aus
von kahevo | #8

Das wird sich auch bei enem Wahlsieg der SPD nicht ändern.
Warum sollten diese Leute der SPD ihre Stimme geben?
Die SPD als solche steht zu weit rechts und erkennt die Masse
der Bevölkerung nicht mehr. Dummes Geblubber zählt nicht mehr.

07.11.2012
13:30
Die Ärmsten gehen bei der „Lebensleistungsrente“ leer aus
von buerger99 | #7

Man sollte sich generell fragen ob man überhaupt für eine Rente sparen sollte.
Als ich in die Lehre gekommen bin, wurden Studienzeiten noch in der Rente angerechnet. Mit einer "kleinen" Gesetzesänderung wurden diese Jahre gestrichen!
Ich bin damals mit 17 J. einer Versicherung begetreten, die mir versprochen hat, das man nach 45 Beitragsj., spätestens 65 in Rente gehen kann. Soll ich nun 60 Jahre arbeiten ? +15 Jahre also !
Diese poltische Wegelagerei und systematischen Betrug an den Rentenbeitragszahlern wird in den nächsten Jahren noch schlimmer !
Kohl, ja diese so geliebte Dr. Kohl der CDU hat die gesetzliche Rententräger gezwungen ihre Rücklagen aufzulösen. Imobilien und anderer Besitz musste verscherbelt werden, der Bundeswehr wurden die Beiträge der Wehrpflichtigen gestundet.
Alle Parteien bedienen sich mit einer zum Himmel schreienden Rotzigkeit an den gesetzlichen Kassen und plündern sie aus.
Warum soll man denn noch arbeiten, wenn später nicht mehr als HartzIV rauskommt ?

2 Antworten
Die Ärmsten gehen bei der „Lebensleistungsrente“ leer aus
von Broncezeit | #7-1

Warum soll man noch arbeiten?

Um sich den Lebensunterhalt zu verdienen!

Die Ärmsten gehen bei der „Lebensleistungsrente“ leer aus
von wkah | #7-2

Lebensunterhalt verdienen ?

mit niedriglohn und altersarmut ?

Taschen rechner zu Hand?

Nehmen.....................

07.11.2012
10:51
Da haben wir es schon:
von nachdenken | #6

Ein paar Klicks weiter auf der Nachrichtenspalte von heute:

Amsterdam (dapd). Der niederländische Finanzdienstleister ING will nach einem Gewinneinbruch massiv Arbeitsplätze streichen. Im europäischen Versicherungsgeschäft sollen 1.350 und im Bankgeschäft 1.000 Stellen wegfallen, wie der Konzern am Mittwoch in Amsterdam mitteilte. Die Einschnitte seien schmerzhaft, aber angesichts des schlechten Marktumfelds notwendig.

07.11.2012
10:37
Was zählt zu "Altersvorsorge" - nur staatlich anerkannte Systeme?
von nachdenken | #5

Ist das ein Versicherungs-Wiederbelebungsprogramm?

Gerade haben die Leute gelernt, dass bei Versicherungen die Gelder in SWAPS, Staatsanleihen etc. stecken und jederzeit flöten gehen können, Stichwort "Suprime Krise" und die Geschäfte der Deutschen Bank und Allianz.

Die Garantiezinsen bei Lebensversicherungen sind im Sinkflug und praktisch unter der Inflationsrate. Auszahlung ungewiss, je nach Modell gibt es noch Nachschusspflicht, also der Verlust wird größer.

Zählt also zur eigenen Altervorsorge auch das Bargeld unter der Matratze (genauso inflationssicher wie Versicherungen...) und vielleicht eine von den noch halbwegs verdienenden Eltern geerbte Wohnung oder kleines Häuschen?

Und Hartz IV-Bezieher, die über 50 sind und sowieso keine Chance mehr haben, obwohl sischon 30 Jahre kräftig (weil ohne Leiharbeit) in die Rentenversicherung eingezahlt haben. Denn für sie werden ja nun keine Rentenversicherungsbeiträge mehr eingazahlt dank Frau v.d.L., sie kommen also nicht auf 40 Jahre..

07.11.2012
09:50
Mit-Leid
von wohlzufrieden | #4

Bei dieser Missgeburt handelt es sich um eine "Lebensleidensrente."

1 Antwort
Die Ärmsten gehen bei der „Lebensleistungsrente“ leer aus
von Broncezeit | #4-1

Oder es ist der Grundstein zu einer besseren Versorgung.
.

07.11.2012
08:53
Nachdenken ...
von Partik | #3

Es sollte jedem klar sein, dass ein jahrzehntelanges Ansparen nach einem aktuell gesetzlichen Muster, nur im Chaos enden kann.

Mehrfach in einer Legislaturperiode werden neue Ideen zum Umbau der Rentensystematik verkündet. Alle vier Jahre kann es eine "Quittung" durch irgendwelche subjektiv enttäuschten Protestwähler geben, die meinen, auf der anderen Seite der Wiese sei das Gras saftiger.

Es ist also logisch, dass man sich auf gar nichts verlassen kann. Die Konsequenz kann nur heißen, dass heute 20-40jährige nicht mit einer gesetzlich ausreichenden Rente rechnen sollten.

Egal, ob man nach einem der aktuellen Methoden ein paar Kröten dazu spart oder nicht: in ein paar Jahren wird die Rente komplett in die Eigenversorgung kippen, da gehe ich jede Wette ein.

Wer meint, in 20-30 Jahren heutige Rentberechnungen ausbezahlt zu bekommen, ist ein Träumer. Es wird vielleicht irgendwas geben, aber mit Sicherheit nicht nach dem aktuellen Modell.

07.11.2012
08:47
Die Ärmsten gehen bei der „Lebensleistungsrente“ leer aus
von mar.go | #2

In der Zwischenzeit schaffen, wie man liest, immer mehr Großunternehmen weitere Stellen im Niedriglohnbereich und machen ich auf Kosten der Arbeitnehmer die Taschen voll.
Was soll dieser Unsinn mit der Mindestrente? Erst einmal brauchen wir Mindestlöhne und eine massive Begrenzung dieser 400 €-Arbeitsplätze!

06.11.2012
22:18
Volksverdummung
von Kompaktor | #1

diese Mogelpackung -

Quittung gibts bei der nächsten Wahl !

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