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Nahverkehr

Deutsche Bahn kritisiert Regelungswut im Nahverkehr

13.02.2012 | 18:58 Uhr
Deutsche Bahn kritisiert Regelungswut im Nahverkehr
DB Regio NRW kritisiert zu viele Vorgaben bei der Ausschreibung von Bahnstrecken. Foto: Matthias Graben

Düsseldorf.   Ausufernde Vorgaben bei der Ausschreibung von Strecken im Schienen-Nahverkehr in Nordrhein-Westfalen kritisiert die Deutsche Bahn Regio. Die Regelungswut koste das Unternehmen Millionen Euro und hemme das Bemühen um mehr Mobilität, so Geschäftsführer Heinrich Brüggemann.

Heinrich Brüggemann lässt zwei Aktenordner auf den Schreibtisch fallen. Sie dienen als Beweis für seine These: Der Öffentliche Personennahverkehr auf der Schiene, sagt der Geschäftsführer von Deutsche Bahn Regio NRW, leide unter ausufernder Bürokratie. In den Ordnern sind Bewerbungsunterlagen für eine der vielen Nahverkehrsstrecken abgeheftet, die aktuell in NRW in die Ausschreibung gehen. Schriftsätze eines einzigen Vertrages, mehrere Hundert Seiten. Es fällt das Wort „Fehlentwicklung“.

Brüggemann, ein kleiner, stämmiger Mann, redet gern über Verkehrsströme. Auf seinem Computer-Bildschirm prangt ein Foto: Es ist zweigeteilt, zeigt oben eine volle Autobahn, unten einen Zug auf einer Brücke. „Darum geht es, das treibt mich an“, sagt der 59-Jährige im Gespräch mit dieser Zeitung. Er wolle den Wettbewerb zwischen Schiene und Straße nicht verlieren.

Seit 15 Jahren ist Brüggemann Eisenbahner. Er hat daran mitgewirkt, den Staatskonzern Bahn in die Gegenwart zu führen. Mitte der 1990er-Jahre sprach dieser noch von „Beförderungsfällen“, wenn er Kunden meinte. Seit 16 Jahren muss er sich dem Wettbewerb stellen. Das hat die Politik so verordnet – die deutsche wie die europäische. „Das muss man erst mal begreifen, erst mal den Druck verspüren, produktiver werden zu müssen“, sagt Brüggemann. Wettbewerb bedeute ja, ums Geschäft fürchten zu müssen, um die Zukunft, um Arbeitsplätze. Vor der Liberalisierung gehörte der Schienenverkehr der Bahn allein.

Verträge über etwa acht Prozent aller Strecken in Nordrhein-Westfalen hat sich DB Regio in den letzten Wochen gesichert, bis 2029 . Die Haard-Achse zwischen Münster, Essen und Mönchengladbach, die S-Bahn-Linien 5 und 8 zwischen Hagen, Dortmund, Gladbach. Das Auftragsvolumen umfasst mehrere Hundert Millionen Euro.

Es geht um viel Geld, allein der Bund überweist jährlich 800 Millionen Euro

Im NRW-Markt ist so viel Bewegung wie nie: 85 Prozent der Gesamtleistungen von etwa 100 Millionen Zugkilometern pro Jahr werden bis 2018 ausgeschrieben. „Es sind spannende Zeiten. Sie sind anstrengend für uns und unsere Mitbewerber“, sagt der Regio-NRW-Chef. Es geht um viel Geld. Allein der Bund überweist jährlich etwa 800 Millionen Euro für den Schienen-Nahverkehr in NRW.

DB Regio hat noch immer einen Marktanteil von 70 Prozent, setzte 2011 eine Milliarde Euro um und beschäftigte 3800 Menschen. „Ich glaube, wir sind an einem Punkt angekommen, wo ich sagen kann: Wir haben verstanden“, so Brüggemann. DB Regio habe an Qualität zugelegt, die Kosten im Griff. „Und wir verdienen Geld.“ Es gebe nicht nur begeisterte Kunden, deren Zufriedenheit aber sei gestiegen.

Dass sich die Bahn mit Händen und Füßen gegen ihre Konkurrenz wehre , zum Teil mit unlauteren Mitteln, will Brüggemann so nicht gelten lassen. Am Ende buhlten auch nicht nur private gegen öffentliche Unternehmen um Aufträge. Die größten von derzeit elf Mitbewerbern von DB Regio seien im Besitz von Staatsbahnen. Die Franzosen, die Niederländer, die Italiener – sie wollten in Deutschland Fuß fassen. „Das ist ein Stück der Wahrheit.“

Der Streit mit dem Verkehrsverbund Rhein Ruhr (VRR) über angeblich schlechte Leistungen, für Brüggemann ist er erledigt. Dabei sei es vor allem ums Geld gegangen. Dass die Europäische Union weiter nach unerlaubten Subventionen sucht, die in Nordrhein-Westfalen geflossen sein könnten, lässt ihn kalt. „Da ist nichts.“ Die Zukunft gehöre dem Wettbewerb. Punkt. Brüggemann will lieber nach vorn schauen – auf die Qualität des Öffentlichen Nahverkehrs.

Ganze Branche müsse gegen Detail-Versessenheit vorgehen

WEGWEISENDES URTEIL
Wettbewerb ist Pflicht

Der Bundesgerichtshof hat im Februar 2011 am Beispiel NRW grundsätzlich entschieden, dass Strecken im Schienen-Nahverkehr im Wettbewerb ausgeschrieben werden müssen. Das Marktvolumen in Deutschland betrug im Jahr 2010 etwa 8,6 Milliarden Euro.

Der Regio-NRW-Chef fordert den Abbau von Bürokratie im Wettbewerb. Sie sei zu teuer und gehe zu Lasten des Betriebs. Die Teilnahme an einer Ausschreibung koste sein Unternehmen mittlerweile etwa zwei Millionen Euro. Die Branche als Ganze müsse gegen die Detail-Versessenheit der Verkehrsverbünde vorgehen, um den wachsenden Aufgaben beherrschen zu können. „Die Zahl der Kunden wird steigen, um zehn Prozent plus X in den kommenden Jahren. Wir müssen eine Diskussion anzetteln über Tarifstrukturen, über den Abbau von Zugangshemmnissen für Kunden.“ Dabei gehe es nicht um zusätzliches Geld, sondern darum, veraltete Grundsätze zu verlassen. „Wenn wir das System nicht neu denken, dauert es bis zum Jahr 3100, bis wir aus dem Tarif-Dschungel herausfinden.“

Brüggemann will den Nahverkehr auf der Schiene durch Wachstum absichern. 2017 fallen weitere Bundeszuschüsse weg, Subventionen. Dann drohe ein Verlust von Mobilität. „Mobilität ist für NRW ein Lebenssaft“, einer wie gute Bildung. „Sie braucht in der Politik einen neuen Stellenwert.“

Kai Wiedermann

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Kommentare
15.02.2012
09:18
Züge konnten mal sehr gut überholen
von meigustu | #5

bis Mehdorns Weichenklau die Pünktlichkeit der Bahn auf 3. Welt Niveau senkte.

14.02.2012
20:01
Deutsche Bahn kritisiert Regelungswut im Nahverkehr
von teamtronic | #4

Leider kann man Züge nicht so fahren lassen, wie es sich einige wünschen. Züge können ich nicht überholen. Der langsamste bestimmt da Tempo. bleibt einer stehen , stehen alle. Hat einer Verspätung haben die folgenden Züge ebenfalls Verspätung und die Anschlußzüge sind weg.

14.02.2012
18:34
Wo ist denn Wettbewerb
von meigustu | #3

wenn bis 2029 ausgeschrieben wird. Was da geschaffen wird sind Monopole auf Zeit.

Auf den einen Strecken fahren Geisteerzüge auf den anderen bleiben Fahrgäste stehen. Der alte Bahnbetrieb der netzorientiert handeln konnte und mit Waggons flexibel auf Nachfrageverschiebungen reagieren konnte hatte auch sehr viele Vorteile, die das jetzt praktizierte System der temporären Monopole als aussehen lässt.

Echter Wettbewerb wäre eine Art Frachtbörse. So kann der VRR kurzfristig auf den Bedarf eingehen. Schließt Nokia braucht es keine Nokiabahn mehr bis neue Arbeitsplätze dazu kommen. Warum ist es nicht vorstellbar das ein Zug auf beispielsweise der Ruhrtalbahn morgens und abends die Pendler einsammelt und ab Hattingen non Stop nach Düsseldorf fährt ?

14.02.2012
17:57
Deutsche Bahn kritisiert Regelungswut im Nahverkehr
von knappe | #2

Auch die Bahn hat sich an EU-weite Regelungen zu halten und darf sich aus Wettbewerbsgründen keine Sonderrechte anmaßen.

= siehe Vergaberechtsänderung so um das Jahr 2000/1

Bei einer EU-weiten Offenen Ausschreibung nach VOB wird es garantiert keine Firma aus Südcalabrien, Westportugal oder Nordfinnland geben, weil es einerseits Rechtens ist, dass bei solch einer europaweiten Ausschreibung "Deutsch" als Vertragssprache und andererseits muss auch ein vertraglicher festgelegter Standard entsprechend des aktuellen technischen Standards für Eisenbahnen und Zubehör zwingend eingehalten werden.

Und, was wichtig ist - jeder EU-Bieter hat das gesetzliche Recht auf Klärung ungenauer Ausschreibungen und Angebote, damit Unklarheiten abgeklärt werden müssen.

Und so lange eben ruht solch eine Ausschreibung.

Leider gibt es immer noch Menschen, die liebend gerne wie vor vielen vielen Jahrzehnten : 2 Stück Lokomotiven mit je 10 Waggon ausgeschrieben hätten.

Ständiger Wettbewerb ist immer vorteilhaft.

Weil marktübliche Preise zum Zeitpunkt "X" erzielt werden und keine Fantasiepreise
irgendwelcher Lobbyisten.

Es ist nachweislich falsch, dass solche (Bahn-)Wettbewerbe mit Millionensummen nur im eigenen Land wegen "der Steuern" und der "Arbeitskräfte" durchgeführt werden müssen.

Nur durch einen EU-weiten Offenen Wettbewerb wird eine mögliche Korruption frühzeitig unterbunden.




2 Antworten
Deutsche Bahn kritisiert Regelungswut im Nahverkehr
von zebra4100 | #2-1

Dann schauen Sie doch mal ganz genau wer an vielen Privatbahnen beteildigt ist. Ich habe 15 Monate bei einer Privatbahn gearbeitet die in dieser Zeit erst in britischer, dann in deutscher und jetzt in italienischer Hand ist.

Deutsche Bahn kritisiert Regelungswut im Nahverkehr
von michschm | #2-2

Wettbewer ja, aber nur dann, wenn dieser nicht auf Kosten der Mitarbeiter geführt wird und nicht die Anbieter den Vorzug bekommen, die durch Ausbeutung ihrer Mitarbeiter "billiger" sind!

14.02.2012
17:50
Regelungswut oder Konkurrenz und Monopol-Zerschlagung ?
von KFR001 | #1

vermutlich möchte die DB-AG nur lästige Konkurrenz ausschalten und ihr schwaches ( aber hochpreisig bezahltes ) Dienst-Leistungs-Niveau als verbindlichen kritiklosen Standard im Sinne eines Monopol durchsetzen.

4 Antworten
Deutsche Bahn kritisiert Regelungswut im Nahverkehr
von IIDottore | #1-1

Vermutlich.

Deutsche Bahn kritisiert Regelungswut im Nahverkehr
von Mekki | #1-2

sicher

Deutsche Bahn kritisiert Regelungswut im Nahverkehr
von Mekki | #1-3

sicher

Deutsche Bahn kritisiert Regelungswut im Nahverkehr
von IIDottore | #1-4

Ok. ;)

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