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Energiewende

Der Stromnetz-Ausbau alarmiert die Bürger

28.06.2012 | 17:21 Uhr
Der Stromnetz-Ausbau alarmiert die Bürger
Der Ausbau des Stromnetzes stößt in NRW auf Widerstand. (Foto: dapd)

Düsseldorf.   Die Energiewende kommt an Rhein und Ruhr an: Die Einspruchsfrist gegen neue Stromtrassen läuft nur noch bis zum 10. Juli. Anwohner fürchten sich vor Elektrosmog aus bis 60 Meter hohen Riesenmasten

Plötzlich wird die Energiewende vor der eigenen Haustür konkret. Vier große Trassen sind nötig, um nach dem Atomausstieg im Jahr 2022 ausreichend Ökostrom von den Windparks im Norden zu den Verbrauchern in der ganzen Republik zu leiten. Zwei dieser neuen „Volt-Autobahnen“ und zahlreiche Ertüchtigungen sieht der „Netzentwicklungsplan 2012“, den die vier deutschen Netzbetreiber aufgestellt haben, auch für NRW vor. Bürgerinitiativen, Kommunalpolitiker und Umweltschützer sind alarmiert, denn am 10. Juli endet die Frist für Einwände.

Bislang sind nach Informationen unserer Zeitung bundesweit auf der eigens geschalteten Internet-Plattform www.netzentwicklungsplan.de nicht einmal 200 Stellungnahmen eingegangen. Das Thema Netzausbau ist kompliziert und bei vielen noch nicht angekommen. Klar ist nur, dass der Strom schon in zehn Jahren einen weiteren Weg nehmen muss als heute und stärkere Leitungen braucht.

Transport von Windenergie

Techniker haben errechnet, dass eine neue Stromautobahn von Emden nach Meerbusch-Osterath und von dort nach Philippsburg in Baden-Württemberg verlaufen soll. Eine zweite würde sich von Wehrendorf in Niedersachsen durch Westfalen nach Urberach in Hessen ziehen. Eine genaue Trassenplanung „mit mastscharfen Standorten“ könne erst beginnen, wenn die Bundesregierung zum Netzentwicklungsplan ein Gesetz verabschiedet habe, erklärt Christoph Dörnemann, vom Dortmunder Höchstspannungsnetz-Betreiber Amprion (früher RWE). Er warnt: „Wir müssen 2022 zu jeder Stunde fähig sein, die im Norden von Windkraftanlagen produzierte Strommenge abzutransportieren, sonst droht ein Netzkollaps.“

Die zahlreichen Bürgerinitiativen, die sich zuletzt bei einer Informationsveranstaltung der NRW-Energieagentur in Düsseldorf versammelten, treibt jedoch eine ganz andere Sorge um. Die neuen großen Nord-Süd-Trassen können zwar mit moderner Gleichstrom-Technik ausgerüstet werden, die leistungsfähiger und für den Menschen weniger schädlich ist. Gleichstrom braucht jedoch bis 300 Millionen Euro teure Umrichter und kommt deshalb nur bei langen Punkt-zu-Punkt-Verbindungen zum Einsatz. Was aber geschieht mit den 400 Kilometern des bestehenden NRW-Netzes, die von bisher üblichen 220 000-Volt-Überlandleitungen auf 380 000 Volt hochgerüstet werden sollen?

Krebserregender Elektrosmog

95 Prozent dieser zu ertüchtigenden Leitungen sollen auf herkömmlichen Trassen verlaufen. „Jede Trassenänderung schafft neue Betroffenheit“, erklärt Amprion-Sprecher Andreas Preuß. Das Problem: Um die bislang geltenden Elektrosmog-Grenzwerte am Boden bei stärkeren Leitungen einhalten zu können, planen die Betreiber mit bis zu 60 Meter hohen Riesenmasten.

Meerbusch, große Teile des Niederrheins um Wesel, der Bonner Raum, im nördlichen Ruhrgebiet – an vielen bisherigen Knotenpunkten unseres heutigen Stromnetzes wächst die Sorge, dass im Eifer der Energiewende die Furcht vor krebserregendem Elektrosmog und einer Verschandelung der Landschaft nicht ernst genommen wird. „Wie sollen wir als einfache Bürger uns denn gegen hochtechnische Berechnungen zur künftigen Netzstabilität wehren?“, wird geklagt. Die diskutierte Erdverlegung der Stromkabel gilt als zu teuer und stößt bei Landwirten auf Widerstände, die eine Erwärmung ihrer Felder fürchten. Die Forderung nach einer kleineren, dezentralen Energiegewinnung ohne neue Stromautobahnen läuft bislang bei Experten ins Leere.

Nöte der Naturschützer

Für das grüne NRW-Umweltministerium ist der heraufziehende Streit um den Netzausbau ungemütlich. Einerseits sind die Grünen glühende Befürworter eines raschen Atomausstiegs, andererseits verstehen sie die Nöte der Naturschützer. NRW-Umweltstaatssekretär Udo Paschedag versichert, dass man keine Abstriche beim Umweltschutz dulden werde und in der künftige Landesplanung die Bürgerbelange sogar stärken wolle: „Wir lassen uns die Akzeptanz für den Netzausbau nicht kaputt machen, indem wir mit der Betonwalze durch die Natur fahren.“

Tobias Blasius



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