DB-Regio-Chef ist gegen ein Alkoholverbot in Zügen

Die Bahn befördert in NRW jedes Jahr mehr als 300 Millionen Fahrgäste.
Die Bahn befördert in NRW jedes Jahr mehr als 300 Millionen Fahrgäste.
Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Die DB Regio, die den Schienen-Regional- und Nahverkehr in Deutschland weitgehend beherrscht, sieht sich auf einem guten Weg. Im Interview spricht DB-Regio-Chef Manfred Rudhart über Alkoholverbote in Bahnen, Sicherheit der Fahrgäste, Wettbewerb im Nahverkehr und verlorene Ausschreibungen.

Essen.. Die roten Züge der DB Regio beherrschen weitgehend Deutschlands Nah- und Regionalverkehr auf der Schiene. 900 Millionen Euro spülen sie bundesweit in die Bahnkasse. Alleine in NRW befördern sie jedes Jahr mehr als 300 Millionen Fahrgäste. Doch der Wettbewerb wird immer härter. Michael Minholz, Dietmar Seher und Thomas Wels sprachen mit Manfred Rudhart, seit Mai Vorstandschef der DB Regio AG.

Herr Rudhart, sind Sie mit der Bahn da?

Manfred Rudhart (lacht): Ich fahre viel mit der Bahn, aber als Vorstand habe ich auch manchmal viele Termine, die besser mit dem Auto zu bewältigen sind.

An der Leistung im Regional- und Nahverkehr auf der Schiene liegt es also nicht?

Rudhart: Wir sind erfolgreich. Wir haben in den letzten zehn bis zwölf Jahren einen enormen Zulauf an Kunden gehabt. Man muss sagen: Die Bahn ist dramatisch besser geworden – auch dank des Wettbewerbs, dem wir uns aussetzen mussten.

Ihre Kunden sind nicht immer zufrieden.

Rudhart: Wir haben Schwächephasen gehabt. Ich würde sagen, das war in NRW vor allem um das Jahr 2004 herum. Die Qualität hat aber in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Das bestätigen uns die Berichte der Verkehrsverbünde und auch unsere eigenen Kundenzufriedenheitsmessungen.

"Wir haben alle Voraussetzungen, um das System Bahn zum Erfolg zu führen"

Steigen auch BMW- und Mercedes-Fahrer auf die Bahn um?

Rudhart: Jede Bevölkerungsschicht ist dabei, auch die Mercedes- und BMW-Fahrer. Und wir sollten alles tun, dass wir gegenüber dem Auto noch erfolgreicher werden. Die Innenstädte werden noch mehr verstopft sein, es kommt möglicherweise so etwas wie eine City-Maut, auch die Benzinpreise werden weiter steigen. Wir haben also alle Voraussetzungen, um das System Bahn am Markt zum Erfolg zu führen.

Dennoch klagen viele Bahnfahrer, etwa über alkoholisierte Randalierer. Was halten Sie von einem Alkoholverbot in den Zügen?

Rudhart: Nicht viel. Das Problem hätte dann unser Personal, das das Alkoholverbot durchsetzen müsste. Nur dann ist es sinnvoll. Wenn die Situation eskaliert, müssten wir den Zug anhalten und die Bundespolizei holen. Wollen das unsere Fahrgäste? Wird randaliert, greifen wir natürlich ein. Alkohol

Wie ist die Sicherheitslage im Regionalverkehr?

Rudhart: Ich will nichts kleinreden, aber die Statistiken zeigen einen Rückgang der Gewalt gegen Fahrgäste und unsere Mitarbeiter. Das liegt auch an dem zweistelligen Millionenbetrag, den wir für mehr Sicherheitsstreifen in den Zügen in die Hand genommen haben. Das hat das Sicherheitsgefühl der Fahrgäste erhöht und bei unseren Mitarbeitern zu einer Entspannung geführt. Allerdings: Dass am Ende in jedem Zug ein Polizist mitfährt, das glaube ich nicht.

WLAN für Regionalverkehr ist der Bahn zu teuer

Fahrgäste rufen nach mehr Komfort. Wann werden Regional- und S-Bahnen für den Handy- und Lap-Top-Betrieb ausgelegt sein?

Rudhart: Die Bahn stattet gerade ihre 250 Fernzüge mit WLAN aus. Würden wir das auch im Nah- und Regionalverkehr tun, wäre eine gewaltige Zahl von Zügen nachzurüsten. Das ist aus heutiger Sicht zu teuer.

Sie reden über zufriedene Kunden, der Staatsbetrieb DB Regio aber verliert gegenüber privaten Eisenbahnunternehmen enorm an Boden, weil Sie viele Ausschreibungen verloren haben.

Rudhart: Die sogenannten „Privatbahnen“ spielen in Deutschland schon lange keine Rolle mehr. Wir stehen überwiegend im Wettbewerb mit den Töchtern anderer europäischer Staatsbahnen oder Großkonzerne. Im übrigen haben Sie Recht: Wir hatten ein schwieriges Jahr 2012, in dem wir gerade 50 Prozent der Ausschreibungen gewonnen haben. Unser Ziel ist es, 70 Prozent zu gewinnen. Aber das ist am Ende meist eine Frage des Preises, nicht der Qualität. Wir arbeiten in den letzten Jahren schon 20 Prozent effizienter, aber wir werden noch mehr sparen müssen. Derzeit drehen wir bei DB Regio jeden Stein um. Es gibt kein Denkverbot.

Wo werden Sie sparen?

Rudhart: Zum Beispiel, indem wir die Zugumläufe verbessern, also unsere teuren Züge mit weniger Stillstand betreiben.

Oft zahlt die Bahn, die tarifgebunden ist, ihrem Personal höhere Löhne als die Konkurrenz. Werden Sie unter dem Kostendruck aus Tarifverträgen aussteigen, wie Sie es schon mal in NRW versucht haben?

Rudhart: Den Versuch damals haben wir nicht weiter verfolgt. Richtig ist, dass es in Deutschland bei der Höhe der Bezahlung des Bahnpersonals oftmals Unterschiede im zweistelligen Prozentbereich gibt. Das muss sich ändern. Im gesamten Markt sollte ein vernünftiges Gehaltstarifniveau gelten.

Kritik an VRR-Plänen zu Zug-Kaufplänen

Geht das per Gesetz?

Rudhart: Das englische Modell wäre richtig. Wenn in Großbritannien nach einer Ausschreibung ein Unternehmen von einem anderen den Betrieb übernimmt, wird auch das Personal übernommen – eins zu eins zu den vertraglichen Bedingungen, zu denen es bisher gefahren ist. Auf die Dauer ebnen sich die Personalkosten so ein. Für uns fällt dann ein schwerer Wettbewerbsnachteil weg.

Bei den ab 2016 anstehenden Ausschreibungen an Rhein und Ruhr werden sich die Strukturen ändern. Der VRR will die Fahrzeuge selbst kaufen. Er will wohl auch, dass die Instandhaltung von den Zugherstellern übernommen wird. Sie würden Ihre Werkstätten verlieren. Was bedeutet das für die Bahn?

Rudhart: Wir wollen nicht nur der Lohnkutscher sein. Aus unserer Sicht ist das sehr kritisch. Es wäre besser, wenn wir die Kontrolle über die gesamte Wertschöpfungskette behalten, also auch über die Werkstätten. Wir befürchten, dass eine Trennung von Betrieb und Werkstätten den Betriebsablauf schädigt und dem Fahrgast keinerlei Vorteile bringt.

Wenn der VRR selbst Züge kauft, geht das nicht zu Lasten der kommunalen Haushalte?

Rudhart: Fragen Sie die Banken. Wir machen mit diesen Modellen sicher unseren Frieden. Aber hier werden auch Aufgaben und Risiken auf die öffentliche Hand verlagert, die da nicht hingehören.