„Das ist ein ganz, ganz schwerer Tag für uns“

Soest..  Wilfried Pälmer ist nicht eine, er ist die Institution im Unternehmen. Seit fast 40 Jahren ist er bei Coca Cola in Soest beschäftigt. Fast genau so lange schon ist er im Betriebsrat. Die meiste Zeit als Betriebsratsvorsitzender.

Den 22. Mai 2015 wird er als den vermutlich schwärzesten Tag seiner Betriebsratsarbeit im Gedächtnis behalten. Wohl auch deshalb hat er morgens zum schwarzen Anzug und zur schwarzen Krawatte gegriffen. Wilfried Pälmer fühlt sich, als ob er zu einer Beerdigung gehen müsse: „Ein ganz, ganz schwerer Tag.“

Über 150 der knapp 240 Beschäftigten am Standort Soest sind gestern Morgen zur Betriebsversammlung in das Tagungszentrum in Bad Sassendorf gekommen. Auch sie fühlen sich wie auf einer Beerdigung.

Endzeitstimmung

Seitdem Anfang der Woche die Schließungspläne der Coca Cola-Erfrischungsgetränke AG (CCE AG) publik wurden, herrschen in der Produktion und in der Logistik in Soest so etwas wie Endzeitstimmung. Gerüchte, dass Coca Cola den Standort in der Kreisstadt aufgeben würde, hatte es in den vergangenen Jahren immer wieder mal gegeben. So recht hat niemand daran glauben wollen.

Vermutlich war der Schock über das nahende Aus auch deshalb so groß. Viele Tränen sind seitdem geflossen.

Bei der gestrigen Betriebsversammlung zeigen sich der Betriebsrat und die Vertreter der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) kämpferisch und machen den Beschäftigten Mut, dass noch nicht alles verloren ist. „Wir werden um jeden einzelnen Arbeitsplatz kämpfen“, verspricht NGG-Geschäftsführer Helge Adolphs.

In den Gesprächen mit der Konzernleitung in Berlin, die man in den kommenden vier Wochen führen werde, werde es auch darum gehen, den Standort Soest zu erhalten. „Ich weiß“, sagt Wilfried Pälmer, „dass wir nicht alle Arbeitsplätze retten können. Das ist eine Illusion.“

Ein frommer Wunsch?

Der Betriebsratsvorsitzende hofft, dass er die Entscheider in Berlin vor allem von der Notwendigkeit der Logistik-Niederlassung überzeugen kann: „Das wären dann mindestens 100 Arbeitsplätze. Es gibt keinen vernünftigen Grund, die Logistik zu schließen.“

Dass dies möglicherweise nicht viel mehr als ein frommer Wunsch bleiben wird, scheint auch Pälmer zu ahnen: „Die Braut soll hübsch gemacht werden. Und dazu muss man Menschen loswerden“, glaubt er den wahren Grund für die Schließung des Standortes Soest zu kennen. Im fernen Atlanta (USA), dem Stammsitz von Coca Cola, soll der Verkauf der CCE AG bereits beschlossene Sache sein. Pälmer: „Die planen weltweit eine Neustrukturierung. Wir sind dabei das erste Opfer.“

Für Helge Adolphs gibt es aber noch einen ganz anderen Schuldigen: „Die Politik hat hier auf der ganzen Linie versagt, weil sie sich nicht um die Fragen nach Einweg und Mehrweg gekümmert hat. Die Schließung des Standortes Soest ist das Ergebnis des Nichthandelns der Politik beim Thema Stabilisierung der Mehrwegquote.“

Seit Jahren seien die Lobbyisten der großen Discounter und Lebensmittelmärkte in dieser Frage erfolgreich tätig. Adolphs: „Die setzen lieber auf Einweg, weil man dafür weniger Fläche, weniger Personal, weniger Aufwand benötigt.“

In der Verpackungsverordnung ist eine Mehrwegquote von 72 Prozent festgeschrieben. Tatsächlich liegt der Anteil bei knapp 50 Prozent. Das sorge dafür, dass Produktionsstandorte wie der in Soest, wo Getränke ausschließlich in Mehrweg-Flaschen abgefüllt werden, zur Disposition stehen.

Für den Gewerkschaftsfunktionär ist Soest dabei nur der Anfang: „Es sind bundesweit 100 000 Arbeitsplätze gefährdet. Und die Politik sieht tatenlos zu und duldet es, dass die Einwegverpackungen mit ihrer katastrophalen Ökobilanz immer mehr dominieren. Die CCE AG sendet daher ein verheerendes Signal an die gesamte Getränkebranche.“

Keine Alternative

Für Torsten Biermann, Geschäftsleiter Coca-Cola Nordwest ist die Aufgabe der Produktion und Logistik in Soest alternativlos, weil sich die Marktbedingungen in den vergangenen Jahren radikal verändert hätten. Vor allem die Supermarktketten setzen zunehmend auf Zen­trallager und beliefern ihre einzelnen Standorte selbst. „Um dauerhaft erfolgreich zu bleiben, muss sich auch ein großes Unternehmen wie unseres den veränderten Marktbedingungen anpassen“, so Biermann.

Ziel sei es, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. Biermann: „Deshalb bieten wir, wo immer möglich, alternative Jobs an anderen Standorten oder Altersteilzeit an.“

EURE FAVORITEN IN DIESER STUNDE