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IT-Gipfel

Bitkom-Präsident fordert Informatik als Pflichtfach

11.11.2012 | 14:40 Uhr
Bitkom-Präsident fordert Informatik als Pflichtfach
Veranstaltungsort des IT-Gipfels in Essen ist die neue Konzernzentrale von Thyssen-KruppFoto: Matthias Graben

Essen.  Professor Dieter Kempf, Präsident des Verbands Bitkom der IT- und Telekommunikationsbranche,  fordert  weniger Technikfeindlichkeit in der Schule  und Informatik als Pflichtfach in der Oberstufe. Zur Bekämpfung des Fachkräftemangels  müssten Chancen  für  Frauen und  Einwanderer verbessert werden.

Am Dienstag treffen sich Größen aus Wirtschaft und Politik in Essen zum nationalen IT-Gipfel . Unterstützer der Veranstaltung, auf der jedes Jahr wichtige Zukunftsthemen der Informationstechnologie- und Telekommunikationsbranche diskutiert werden, ist der Branchenverband Bitkom. Sven Frohwein sprach mit dessen Präsidenten Professor Dieter Kempf über fehlende Fachkräfte, Datensicherheit und den IT-Standort Deutschland.

Herr Professor Kempf, in Deutschland fehlen laut Ihrem Verband rund 43 000 IT-Fachkräfte. Wie wollen Sie diese Lücke schließen und junge Menschen für einen IT-Job begeistern?

Dieter Kempf: Wir haben in Deutschland ein Ungleichgewicht: Große Unternehmen mit starken Marken können ihre offenen Stellen deutlich leichter besetzen als Mittelständler. Grundsätzlich ist noch immer eine gewisse Technikfeindlichkeit während der Schulausbildung zu beobachten. Das müssen wir ändern.

Professor Dieter Kempf, Präsident des Verbands Bitkom der IT- und Telekommunikationsbranche. (Foto: dapd)Foto: dapd

Das heißt nicht, dass in jedem Klassenzimmer ein PC neuester Bauart stehen muss, aber die Benutzung von Kommunikationsgeräten ist mittlerweile eine Kulturtechnik wie Lesen, Schreiben und Rechnen geworden. Der Umgang mit solchen Geräten muss Schülern deshalb spielerisch beigebracht werden. Zudem brauchen wir ein Pflichtfach Informatik an den Oberschulen. Wir können uns nicht in dreißig Jahren über Wasser halten, indem wir uns nur gegenseitig Cola und Burger servieren.

Auch Frauen sind noch immer rar in IT-Unternehmen. Befürworten Sie eine Frauenquote in Führungspositionen?

Kempf: Nein. Was wir brauchen, sind völlig neue, intelligente Lebensarbeitszeitmodelle. Wir verlieren Frauen als Arbeitskräfte, weil wir ihnen keine vernünftigen Angebote machen, Karriere und temporäres Aussetzen im Job sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Das ist in erster Linie ein Appell an die Unternehmen in unserer Branche, weil sie diejenigen sind, die Produkte erfinden, die mehr Flexibilität im Job erst ermöglichen.

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Professor Dieter Kempf, Präsident des Verbands Bitkom der IT- und Telekommunikationsbranche, fordert Informatik als Pflichtfach in der Oberstufen. Was halten Sie von der Idee?
 

Und wie steht’s mit ausländischen Fachkräften?

Kempf: Deutschland hat ein Problem: Hier fehlt eine Willkommenskultur. Viele Menschen unterscheiden nicht zwischen Asyl, der Integration hier lebender Ausländer und einer gesteuerten Zuwanderung von Fachkräften. Ein Akademiker, der zu uns kommen möchte, muss auch spüren, dass er hier willkommen ist. Eine offizielle Webseite als Informationsquelle für Menschen in aller Welt ist zwar wichtig, reicht aber nicht aus.

IT-Gipfel
Essener Firmen erhoffen sich mehr Bekanntheit

Kommende Woche findet im Thyssen-Krupp-Quartier der nationale IT-Gipfel statt. Branchengrößen kommen ins Ruhrgebiet und auch Bundeskanzlerin Merkel. Die regionalen Firmen sehen darin eine große Chance, für den Standort mehr zu werben. Der der tut sich manchesmal schwer.

Vor kurzem sorgte Telefónica-O2 für Aufsehen mit dem Vorhaben, Standortdaten von Handynutzern der Werbeindustrie anzubieten. Der Konzern ruderte zurück. Wie bringen wir künftig Nutzer- und Unternehmensinteressen überein?

Kempf: Im Fall von O2 ging es nicht darum, Persönlichkeitsprofile zu nutzen, sondern anonymisierte Daten. Das ist ein großer Unterschied. Der Fall zeigt aber, dass in unterschiedlichen Ländern unterschiedliche Regeln zum Datenschutz gelten. Es ist vielleicht utopisch zu glauben, eine weltweit einheitliche Regelung hinzubekommen, aber der Entwurf der EU-Datenschutzrichtlinie ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Ein europaweit einheitlicher Rechtsrahmen würde einiges leichter machen.

Aber an EU-Recht stören sich US-IT-Konzerne wie Facebook doch eher selten.

Kempf: Jedes Unternehmen, das ein Interesse am dauerhaften Funktionieren seines Geschäftsmodells hat, tut gut daran, die Erwartungen seiner Nutzer an den Datenschutz zu erfüllen. Das gilt auch für Facebook. Wir bemerken auch in den USA einen wachsenden Widerstand der Nutzer gegen allzu laxe Datenschutzregeln.

Internet
Bitkom fordert mehr Internetsteckdosen in Haushalten

Um internetfähige Geräte im Haushalt besser vernetzen zu können, fordert der IT-Branchenverband Bitkom eine bessere Ausstattung von Haushalten. Demnach soll es in allen Räumen Internetbuchsen geben.

Tut die Bundesregierung aus Ihrer Sicht zu wenig, um deutsche IT-Innovationen zu fördern? Warum kommen noch immer die meisten Trends aus den USA?

Kempf: Wir haben zwar eine respektable Gründungskultur in Deutschland, aber im Gegensatz zu den USA fehlt vielen Unternehmen die Wachstumsdynamik in den ersten Jahren. Junge Unternehmen finanzieren sich fast ausschließlich mit Eigenkapital. Das reicht nicht aus, um zügig einen Markt zu besetzen und international aktiv zu werden.

Das heißt aber im Umkehrschluss, dass es zu wenig Risikokapitalgeber hierzulande gibt?

Kempf: Das ist noch immer so. Uns fehlt bislang ein Marktplatz, der Kapitalgeber und Gründer zusammenführt.

Sven Frohwein



Kommentare
12.11.2012
11:44
Bitkom-Präsident fordert Informatik als Pflichtfach
von RennYuppieRenn | #4

Fach-kräfte-mangel. Das Wort muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ich sehe bei den Arbeitgebern eher einen Mangel an Bereitschaft, entsprechende Löhne und Gehälter zu zahlen, die diesen beseitigen. Mit Geld kann man alles kaufen. Das müssten die Wirtschaftsbosse doch wissen.

1 Antwort
Bitkom-Präsident fordert Informatik als Pflichtfach
von d-tail | #4-1

Solange es immer einen Deppen gibt der günstiger daherkommt, wird sich an der Bezahlpraxis nicht viel ändern.

12.11.2012
11:41
Bitkom-Präsident fordert Informatik als Pflichtfach
von Herby52 | #3

#d-tail
Beim Programmieren kommt es nicht auf die Sprache an.
Wichtig ist es, die Grundzüge der Programmierung zu kennen. Grundsätzlich werden Programme sprachenunabhängig entwickelt.
Das Schreiben des Codes ist das kleinste.

1 Antwort
Bitkom-Präsident fordert Informatik als Pflichtfach
von d-tail | #3-1

Das ist natürlich richtig. Nur bekommt man das einem Personaler, der was bestimmes auf seinem Zettelchen stehen hat, in der Regel kaum erklärt.

12.11.2012
11:29
Bitkom-Präsident fordert Informatik als Pflichtfach
von d-tail | #2

Völlig weltfremd, ein Pflichtfach Informatik einzuführen. Wir hatten so ein Fach auf der höheren Berufsfachschule. Praktisch alle Informatik-Lehrer waren völlig demotiviert, teilweise überfordert und mit ihrem Wissensstand (auch Programmiersprachen) vor 20 Jahren stehengeblieben. Was nützt es, wenn man in der Schule Pascal lernt und in der Wirtschaft Java verlangt wird. Und so sieht es teilweise auch in den Studienfächern aus. Deswegen würde ich auch keinen Uni-Absolventen einstellen - die fühlen sich eh meist zu "was besserem" berufen - dann sollen sie das tun.

Wenn Unternehmen im Gegenzug sich lieber hinsetzen und ungeduldig auf den Uni-Absolventen warten, anstatt vielleicht auch mal nen Quereinsteiger oder den begeisterten Pragmatiker einzustellen, dann hat man eben einen Fachkräftemangel.

2 Antworten
Bitkom-Präsident fordert Informatik als Pflichtfach
von kikimurks | #2-1

Zum einen ist ein Informatikkurs keine Berufsausbildung, zum anderen ist Pascal leichter zu erlernen und bring schnellere Erfolgserlebnisse als Java. Trotzdem lernt man mit Pascal alle grundlegenden Konzepte, die man auch für Java benötigt. Deshalb ist Pascal die bessere Programmiersprache für einen IT Unterricht.

Bitkom-Präsident fordert Informatik als Pflichtfach
von d-tail | #2-2

Ich weiss nicht, wie es heute ist. Zu meiner Zeit (in der Schule) war Pascal eine rein prozedurale Programmiersprache und Java objektorientiert. Es ist da schon ein Unterschied. Natürlich gibt es Entwickler, die das handhaben können. Kann sein dass auch Pascal heute OOP ist - ich habe das irgendwann nicht mehr so mitverfolgt.

Dann ist es ja auch die Frage, wie oft Pascal heute noch gebraucht wird... ich sehe in den Unternehmen kaum noch Pascal, aber ganz klar einen Bedarf an Java-Entwicklern.

Und nach dem was ich so höre, hinken die Lehrpläne Jahre hinterher. Schon allein auch deshalb frage ich mich, was ein Pflichtfach Informatik soll.

12.11.2012
09:30
Bitkom-Präsident sagte weiterhin: "Und trotzdem rennen uns ausländische Fachkräfte nicht die Tür ein"
von wahlpottler | #1

In Bezug auf die sog. "Blue Card"-Initiative zur Anwerbung ausländischer Fachkräfte.

Das kann dann ja eigentlich nur bedeuten, dass es sowohl im In- als
auch im Ausland - also praktisch weltweit - kaum Fachkräfte gibt, die
Willens oder in der Lage sind die Anforderungen der Arbeitgeberseite
zu den gebotenen Konditionen zu akzeptieren oder zu erfüllen.

Wenn das aber nun so zu sein scheint, was sind dann mögliche Lösungen? Muss sich dann die ganze Welt anpassen, oder deutsche Arbeitgeber?

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