Beerdigungsstimmung bei Siemens in Mülheim

Ruhrgebiet..  Die Holzkreuze hatten sie schon vor 16 Jahren aufgestellt. Gestern holten die Mülheimer Siemens-Mitarbeiter sie erneut hervor. Die Symbole sollen an die 952 Stellen erinnern, die der Konzern in seinem größten NRW-Werk abbauen will. Seit gestern ist klar, dass es 100 Arbeitsplätze mehr sein werden als intern befürchtet. Ein Trauermarsch durch Mülheim zeigt, wie aufgewühlt die Belegschaft ist.

Rund 2600 der 4800 Beschäftigten sind am Vormittag in der Mülheimer RWE-Sporthalle zusammengekommen, um sich von der Werkleitung die Sparpläne erläutern zu lassen. Sie haben es in sich: Die gesamte Generatorenfertigung soll ins Siemens-Schwesterwerk nach Charlotte/USA verlagert werden. Die Ventilproduktion geht nach Tschechien, die Niederdruckschaufel wird künftig in Budapest bearbeitet.

„Das ist ein Schlag in die Magengrube“, sagt der sichtlich schockierte Betriebsratsvorsitzende Pietro Bazzoli, der von den endgültigen Abbauplänen am Donnerstag in Berlin erfahren hatte. „Der Arbeitgeber stellt die Verlagerungen als alternativlos dar. Eine Perspektive für das Mülheimer Werk zeigt er uns aber nicht auf“, kritisiert Bazzoli. „Man hat die Sorge, dass Mülheim eine Resterampe wird, die langfristig nicht überlebensfähig ist.“ Siemens selbst will sich zu den Abbauplänen öffentlich nicht äußern. Und auch vor den Mitarbeitern weichen die Verantwortlichen der Frage aus, wann die Auslagerung von Teilen der Produktion greifen soll. Das Mülheimer Werk sei für die nächsten zwei Jahre mit Aufträgen gut ausgelastet, heißt es. Das treffe auch für den Generator zu.

Bei aller Betroffenheit über die Einschnitte gibt es für den Standort Mülheim auch gute Nachrichten: Ein großer Teil der Forschungs- und Entwicklungsabteilung für den Generator soll in Mülheim bleiben. Und in der Produktionshalle soll nach deren Leerzug ein NRW-Servicecenter für Turbinenwartung entstehen.

Stellenstreichungen auch in Essen?

Diese Pläne bedeuten jedoch Veränderungen für andere Standorte: Das Duisburger Servicecenter soll zunächst nach Essen-Vogelheim umziehen. Dort werden kleinere Industrieturbinen gewartet. Von den derzeit 350 Stellen dort will Siemens nach Angaben der IG Metall 60 abbauen. Sobald die Generatorenfertigung in Mülheim beendet ist, sollen die verbliebenen Mitarbeiter aus Essen und Duisburg dorthin umziehen. Neben dem Reparaturwerk könnte in Essen auch die Siemens-Elektronikwerkstatt von Stellenstreichungen betroffen sein, so die IG Metall. Die knapp 60 Mitarbeiter sind für Dienstag zu einer Versammlung eingeladen.

Bei Betriebsratschef Bazzoli lösen diese Planungen keine Begeisterung aus: „Es kann doch nicht sein, dass Siemens nichts anderes einfällt, als das Servicegeschäft für die Industrieturbine in diese große Halle zu holen.“ Er will dafür kämpfen, dass der Generator in Mülheim bleibt oder dort eine Produktion für Windkraftkomponenten aufgebaut wird. Siemens-Chef Joe Kaeser hatte jüngst eingeräumt, dass sein Konzern Nachholbedarf bei Techniken der erneuerbaren Energien habe.

Widerstand gegen die Stellenabbaupläne kündigt auch die IG Metall in NRW an. „Das Siemens-Management dreht einmal wieder nur an der Schraube der Personalkosten. Statt langfristig tragfähige, innovative Lösungsansätze für den Standort in Mülheim vorzulegen, ist der Konzern dabei, vor den kurzfristigen Erwartungen der Anteilseigner und Finanzmärkte einzuknicken“, erklärte Bezirksleiter Knut Giesler. Die Energiewende mit ihren Auswirkungen für das Siemens-Geschäft sei nicht vom Himmel gefallen. Giesler kündigte an, die Abbaupläne genau prüfen zu wollen. Aus Gewerkschaftssicht sei es „eine Selbstverständlichkeit“, dass betriebsbedingte Kündigungen auszuschließen seien.