Auszubildende in Teilzeit sind bislang die Ausnahme

Joanna Marszolek (li.) läßt sich in Teilzeit ausbilden. Ausbilderin Cindy Apold steht ihr dabei zur Seite.
Joanna Marszolek (li.) läßt sich in Teilzeit ausbilden. Ausbilderin Cindy Apold steht ihr dabei zur Seite.
Foto: Matthias Graben
Was wir bereits wissen
Joanna Marszolek hat eine Ausbildung mit reduzierter Arbeitszeit begonnen – eine Ausnahme. Noch immer bieten nur wenige Firmen solche Stellen an.

Essen.. Sie brach das Studium in Polen ab, zog vor elf Jahren nach Deutschland, brachte zwei Kinder zur Welt, jobbte nebenbei an der Kasse beim Discounter. Doch für Joanna Marszolek war klar, dass danach noch etwas kommen musste. Sie sehnte sich nach einer beruflichen Herausforderung, nach ei­ner neuen Aufgabe.

Arbeit Marszolek entschied sich für eine Ausbildung zur Bürokauffrau. „Genau die richtige Entscheidung“, findet die 32-Jährige. Im September startete sie ihre Lehre bei einem Essener Immobilienmakler. Das Besondere: Marszolek lernt in Teilzeit. Eine Ausnahme: Bislang bieten nur wenige Betriebe die Möglichkeit zur Ausbildung mit reduzierter Arbeitszeit, obwohl die gesetzliche Grundlage dafür schon 2005 gelegt wurde.

Eine geringe Abbrecherquote

„Viele Unternehmen scheuen sich davor, entsprechende Ausbildungsplätze anzubieten. Dabei haben wir fast ausschließlich positive Erfahrungen gemacht“, sagt Marion Steinhoff, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt bei der Arbeitsagentur Oberhausen. „Die Abbrecherquote ist äußerst gering.“

Wie auch die Zahl der Auszubildenden, die eine Teilzeitlehre wagen. Obwohl der Gesetzgeber dafür schon vor zehn Jahren klare Regeln aufgestellt hat. Eine Teilzeit-Ausbildung darf nämlich nur machen, wer Kinder sein Eigen nennt, wer eine Krankheit hat, die ihm das Arbeiten in Vollzeit unmöglich macht, oder wer pflegebedürftige Angehörige betreut. „Wir würden uns wünschen, mehr Unternehmen würden solche Ausbildungsmodelle anbieten“, sagt Marion Steinhoff.

Die Arbeitsagenturen in der MEO-Region, also in Mülheim, Essen und Oberhausen, kommen gerade einmal auf 30 Azubis, die sich für eine Teilzeitlehre entscheiden. „Das sind zehn handverlesene Azubis pro Stadt und Jahr“, sagt Marion Steinhoff. Die meisten sind junge Frauen, die Kinder haben, viele von ihnen alleinerziehend.

Doch warum scheuen sich die Unternehmen, Ausbildungsplätze in Teilzeit anzubieten? „Viele Firmen wissen gar nicht, dass es die Möglichkeit dazu gibt“, sagt Marion Steinhoff. Bei zahlreichen Unternehmen sei es aber auch schwierig, Teilzeit-Azubis in den Betriebsablauf zu integrieren. Einem Schreiner oder Klempner dürfte das deutlich schwerer fallen als einem Betrieb, der eine kaufmännische Ausbildung anbietet.

„Da beiße ich mich durch“

Sven Fischer, Geschäftsführer bei der Glück Auf Hausverwaltung aus Essen, hatte kein Problem damit, Joanna Marszolek einzustellen. Im Gegenteil: „Ältere Auszubildende stehen meistens mit beiden Beinen im Leben, verstehen es, ihren Alltag zu organisieren und sind sehr pünktlich“, sagt Fischer.

Trotzdem ist es auch für Marszolek nicht immer leicht, Familie, Job und Berufsschule unter einen Hut zu bringen. „Zum Glück habe ich hier flexible Arbeitszeiten, kann manchmal später anfangen zu arbeiten.“ Das hilft, den Alltag zu organisieren. Und wenn es mal hakt, müssen die Großeltern aushelfen. Auch wenn die Auszubildende nur 15 Stunden die Woche arbeitet, die Berufsschule muss sie in Vollzeit stemmen, zwei Tage die Woche. Zum Lernen bleibt meistens nur noch abends Zeit, also dann, wenn die Kinder im Bett sind. „Manchmal ist es schon schwierig“, sagt Marszolek. „Aber da beiße ich mich durch.“