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Industriepolitik

„Aufstand der Bürger“ bedroht Großprojekte

20.09.2010 | 18:25 Uhr

Essen.Atomkraft, Strommasten, Windräder: Ein breiter Bürgerprotest bedroht Großprojekte von Industrie und Politik. Der „Aufstand der braven Bürger“ überrollt Volksparteien und Gewerkschaften. Spurensuche in einer Protest-Republik.

Stuttgart 21, Kohlekraftwerke, Atomkraft: Der bürgerliche Protest ergreift das Land. Wie selten zuvor mischt sich der Deutsche ein, kippt politische Beschlüsse und stemmt sich gegen Großprojekte von Industrie und Politik. Der „Aufstand der braven Bürger“, er überrollt Volksparteien und Gewerkschaften. Spurensuche in einer Protest-Republik, am Beispiel der Energiepolitik.

Berlin, Kanzleramt. Die Nacht zum 6. September wurde durchverhandelt, nun steht das schwarz-gelbe Energiekonzept, das eine Verlängerung der Laufzeit deutscher Atomkraftwerke vorsieht. Eine „Revolution“ nennt Kanzlerin Angela Merkel ihren Masterplan für ein neues Energiezeitalter. Doch es ist ein Umsturz von oben und eine Entscheidung unter Vorbehalt: Die Anti-Atomkraftbewegung und die Opposition werden Verfassungsklage gegen die Laufzeitverlängerung einreichen. Am Wochenende protestierten Zehntausende gegen die Atompolitik der Regierung. Merkels Energiewende aber stößt in vielen anderen Sektoren quer durchs Land auf Widerstand – vom Kampf gegen Windräder bis hin zum Bürgerbegehren gegen Biogasanlagen.

Raesfeld bei Borken. Hier leben Bürger wie Berthold Fasselt, der als Mitglied einer Bürgerinitiative darum kämpft, nicht zwischen hohen Strommasten leben zu müssen. Die Raesfelder wohnen und arbeiten neben einer Stromtrasse, die der Energiekonzern RWE aufrüsten will. Die Freilandleitung zwischen Wesel am Niederrhein und Diele soll künftig statt 220 Kilovolt 380 Kilovolt transportieren. Die Bürgerinitiativen, die sich unter dem Namen Pro Erdkabel NRW zusammengeschlossen haben, fürchten Elektrosmog und andere Einflüsse, die sie in Nachbarschaft einer Höchstspannungsleitung vermuten. Die Forderung: Statt neue Überlandleitungen zu errichten, sollen die Kabel unter der Erde verlegt werden. Für die RWE-Tochter Amprion, die das Netz betreibt, ist das ein riesiges Kostenproblem. Fünf bis achtmal teurer ist ein Kilometer Erdkabel. „Schon ein Kilometer Freilandleitung kostet 1,2 Millionen Euro“, sagt Amprion-Sprecher Andreas Preuß.

Bundesweit sind Bürgerinitiativen wie die in Raesfeld aus dem Boden geschossen. Deutschlands Vision vom Zeitalter der neuen Energien aber ist ohne einen massiven Ausbau des Stromnetzes nicht möglich. Die Deutsche Energieagentur hat ausgerechnet, dass allein 850 Kilometer Höchstspannungsleitungen neu gebaut werden müssen, damit der Öko-Strom aus den Windparks in Nord- und Ostsee in den Süden Deutschlands transportiert werden kann. Modernisierung ja, aber nicht vor meiner Haustür?

Südtondern im Norden Schleswig-Holsteins. Hierhin wollte die RWE-Tochter Dea Kohlendioxid aus dem 530 Kilometer entfernten Braunkohlekraftwerk in Köln-Hürth pumpen. Doch auch hier rollt der Protest: „Stoppt das CO2-Endlager“, skandiert die gleichnamige Bürgerinitiative.

Es ist die Nabelschnur der Kohleverstromung: Das klimaschädliche Kohlendioxid soll aus den Abgasen abgeschieden und unterirdisch in Gesteinsschichten gespeichert werden. Die so genannte CCS-Technologie will die Regierung bis 2020 erproben. Vor Ort aber denkt man anders: An den möglichen Speicherstätten in Schleswig-Holstein, Brandenburg, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt hat sich der Protest formiert: „Kein Fußbreit auf unserer Land“, hallt es den Erkundungstrupps der Energiekonzerne entgegen. Auch an Rhein und Ruhr hat der mögliche Bau von Kohlendioxid-Pipelines die Öffentlichkeit elektrisiert.

Deutschland gegen alles? Michael Vassiliadis, Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, warnt vor einer wachsenden Industriefeindlichkeit. Anfang des Jahres forderte er im Gespräch mit dieser Zeitung, „die Beteiligungsrechte der Polit-Profi-Verbände“ zu beschränken. Für Prof. Manfred Fischedick, Vizepräsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, hat indes die Politik versagt: „Es war ein großer Fehler, über das Energiekonzept zu entscheiden, ohne zuvor den gesellschaftlichen Diskurs gesucht zu haben. Wer Rückhalt für seine Politik haben will, muss zuvor die ideologischen Barrieren beiseite räumen.“

Jürgen Polzin

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Kommentare
06.10.2010
13:32
„Aufstand der Bürger“ bedroht Großprojekte
von foxbravo | #66

#63 Der Wald/Holzbestand wird immer größer, in der BRD .

06.10.2010
10:39
„Aufstand der Bürger“ bedroht Großprojekte
von thomas sillmann | #65

Widerstand teils gewollt

Beim Ausbau hin zu intelligenten Stromnetzen haben wir für independence.wirsol.de recherchiert, dass die Initiatoren Bürgerproteste gerne in Kauf nehmen. Die Initiatoren des Aubaus sind die Energiekonzerne wie E.on. Aber intelligente Netze, die erneuerbare Energiequellen harmonisieren, wären schlecht für das Geschäft mit dem Atomstrom. Also schlägt man Überlandleitungen vor, die keiner in seiner Umgebung haben will. Dabei gäbe es auch die Erdkabel-Lösung. Hintergründe, Bilder und Stimmen von Bürgerinitiativen gibts hier:

http://independence.wirsol.de/wissen/die-stromkonzerne-wollen-gar-keinen-netzausbau/1001

22.09.2010
07:56
Blockierter Kommentar.
von nie88 | #64

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

21.09.2010
18:58
Blockierter Kommentar.
von Aktuelle Kamera | #63

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

21.09.2010
17:19
„Aufstand der Bürger“ bedroht Großprojekte
von foxbravo | #62

# 60 und dann ?

21.09.2010
15:38
„Aufstand der Bürger“ bedroht Großprojekte
von W.Erpel | #61

Nach den Unruhen um die Grundstücksspekulation im Frankfurter Westend vor 40 Jahren wurde im Planfeststellungsverfahren nach dem Baugesetzbuch die „frühzeitige Bürgerbeteiligung“ eingeführt. Nach der anschließenden förmlichen öffentlichen Auslegung der Pläne, der Beteiligung der Träger öffentlicher Belange und der Abwägung der vorgetragenen Anregungen und Bedenken werden die Pläne als Satzung beschlossen und sind damit rechtsverbindlich. Unser Gemeinwesen muss auf die Verbindlichkeit solcher Planungen und Planfeststellungen nach anderen Gesetzen vertrauen, sonst ist eine gedeihliche, rechtmäßige Entwicklung nicht mehr möglich. Das gilt exemplarisch für das Vorhaben „Stuttgart 21“. Man bedenke die Katastrophe für die im Vertrauen auf die Verbindlichkeit der Planung abgeschlossenen Verträge.

Ein Volksentscheid kann an dieser Situation nichts mehr ändern.

21.09.2010
15:36
„Aufstand der Bürger“ bedroht Großprojekte
von Aufschrei2010 | #60

Der Aufschrei der Regierenden kommt erst noch !
Die CDU und die Bahn sind blind und die fdp wie immer als Versager dabei !
Wenn es diesesmal in Deutschland knallt ... dann sind es nicht die Wiedervereinigung-Sekt-Korken.

Dann ist es das Volk mit vielen Forderungen :
- weg mit der Spar-Kampagne (Euro-Rolli) Haushaltsbegleitgesetz
- weg mit der Hotel Bevorteilung
- weg mit Stuttgart 21
- weg mit der Gesundheitsreform
- weg mit der Atom Verlängerung
- weg mit Hartz IV
- weg mit Lohn-Dumping ... her mit Mindestlohn
- weg mit Arbeiter-Leih-Buden
- weg mit Call-Center-Belästigung
- weg mit ...... ! u.s.w.
WEG MIT MERKEL-WESTERWELLE-SEEHOFER
- weg mit dieser unsäglichen Regierung in Berlin und BW

21.09.2010
15:13
„Aufstand der Bürger“ bedroht Großprojekte
von Bindendran | #59

Von wegen Protestrepublik. Nein, es ist der Bürgerprotest gegen unsinnige Projekte, die nicht zu bezahlen sind. Und am Schluss mindestens dreimal so teuer werden als nach außen verkauft. Die Vergangenheit zeigt es sehr deutlich. Und diesen massiven Irrsinn wollen die Menschen nicht. Politik hat für das breite Volk zu entscheiden und nicht für Klientel wie es im Hotelbereich, Atombereich, Gesundheitsbereich und mehr passiert ist. Kein Wunder über den Verdruss der Menschen.

21.09.2010
15:07
„Aufstand der Bürger“ bedroht Großprojekte
von r.kant | #58

@ #32 Karlosdallos

Die Erde wird definitiv nicht weniger. Was sie in ihrem Kommentar behaupten ist absoluter, unhaltbarer Unsinn.

Bitte informieren sie sich in Zukunft, bevor sie solch einen hanebüchenen Unsinn posten. Danke!

21.09.2010
13:24
„Aufstand der Bürger“ bedroht Großprojekte
von hajori | #57

Seit der Ära Schröder agieren unsere Politiker doch voll am Volk vorbei!
Was die breite Masse denkt, fühlt und möchte interessiert diese sogenannten Volksvertreter nicht mehr als wenn in China ein Sack Reis umfällt!
Bisher hat das Volk sich das gefallen lassen, aber Vorbilder aus Frankreich und auch die Bürgerbewegung in der ehemaligen DDR - welche dann zur Widervereinigung geführt hat - zeigen, daß das nicht immer so bleiben muß.
Erst wenn den Regierenden klar gemacht wird, daß in einer Demokratie alle Macht vom Volk ausgeht, wird sich was ändern!
Und offensichtlich sind wir auf einem guten Weg dahin.
Nur unsere politischen und wirtschaftlichen Führungskader wollen das nicht wahr haben!
Da gibt es dann nur eins:
Wer nicht hören will muß fühlen!!!

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