Audis Aufschwung in der Hochebene

San José Chiapa..  Stabile 20 bis 23 Grad. Sonne. Niederschlags-Risiko null Prozent. Karl Bundschuh wird die Wettervorhersage für die nächsten Wochen Erleichterung verschafft haben. Der kahlköpfige Mann, der auf der 465 Fußballfelder großen Baustelle in San José Chiapa mit bajuwarischem Mutterwitz 2000 Arbeiter dirigiert, stand noch vor wenigen Wochen knietief dort im Regenzeit-Wasser, wo bald das bislang ambitionierteste Projekt des Audi-Konzerns Rendite abwerfen soll.

Bereits ab Mai 2015 werden in der mexikanischen Hochebene die ersten Prototypen des neuen Q 5 entstehen. Ein Jahr später ist am Rande des 8000 Einwohner zählendes Nestes südöstlich von Mexiko-Stadt Volllast-Betrieb für den Weltmarkt geplant: 150 000 Autos pro Jahr. Dass die 1,3 Milliarden-Euro-Investition der Ingolstädter passgenau sitzt und alles termingerecht steht, dafür trägt Bundschuh die Verantwortung. Ob‘s klappt? „Sicher. Alle sind handwerklich gut und lernwillig“, sagt der Bauingenieur über seine zu 98 Prozent aus Einheimischen rekrutierten Arbeiter.

Gewaltige Exportzahlen

Bei der Entscheidung, in die von Erdbeben gefährdete, sumpfige Hochebene im Schatten des Vulkans Popocatepetl zu gehen, befindet sich Audi in guter Gesellschaft. Mexiko ist akut der Rummelplatz der Branche. Daimler zieht in Aguascalientes ein Werk für 300 000 Autos hoch. Bei BMW sollen ab Ende des Jahrzehnts in San Luis Potosí 150 000 Autos vom Band rollen.

Sie alle tun es der Audi-Mutter Volkswagen gleich, die seit einem halben Jahrhundert in Mexiko produziert. In Puebla laufen pro Jahr über 500 000 Fahrzeuge vom Band. Unternehmensberater von Deloitte habe den Jahresausstoß von zuletzt 2,9 Millionen Autos in ganz Mexiko mit den Kapazitätserweiterungen hochgerechnet: Schon in drei Jahren könnte Mexiko Deutschland als drittgrößten Automobil-Exporteur überholen.

Wer Alfons Dintner, Geschäftsführer von Audi México, nach den Gründen fragt, erhält branchenübliche Antworten: die Nähe zu den USA, dem nach China zweitgrößten Neuwagenmarkt auf der Welt. Das dichte, verlässliche Zulieferernetz. Die gute Verkehrsanbindung zu wichtigen Ausfuhr-Häfen wie Veracruz. Das technikfreundliche Arbeitsheer. Und finanzielle Vorteile. Stundenlöhne von unter zehn Dollar sowie die Abwesenheit von hohen Exportzöllen.

Dazu kommt, dass die Region um Puebla als vergleichsweise stabil und sicher gilt. Von blutigen Drogenkriegen, korrupten Polizisten und Politikern hört man wenig. Und in Provinz-Gouverneur Rafael Moreno Valle haben die Audianer um Produktionsvorstand Hubert Waltl auf der anderen Seite einen wirtschaftsfördernden Häuptling, „der fast alles möglich macht“.

Bei der Eröffnung des 20 000 Quadratmeter großen Ausbildungszentrums neben den Werkshallen konnte sich unlängst Maria Böhmer von der Leidenschaft des jungen Politikers überzeugen, der von einem „historischen Tag für Lateinamerika sprach“. Die CDU-Staatsministerin im Auswärtigen Amt war angereist, um zu sehen, wo künftig in Kooperation mit der „Universidad Tecnológica de Puebla“ 1500 Schulungen jährlich stattfinden und 80 mexikanische Azubis zertifizierte Berufe wie Mechatroniker oder Werkzeugmechaniker erlernen werden. Alles gestreng nach dem in Mexiko beliebten deutschen dualen System.

Auch dank Iris Achtermann. Die Leiterin des Ausbildungszentrums lebt überzeugend vor, wie frau in einem Schwellenland, in dem Superreiche in Milliarden baden, während 1000 Dollar Monatsverdienst für einen Industriearbeiter als üppig gilt, für deutsche Autowertarbeit Werbung macht.

Wobei: die Trommel musste Audi gar nicht groß rühren. „Für 3800 Jobs, die wir zum Start der Produktion benötigen“, erzählt Unternehmenssprecher Florian Otto, „haben wir 70 000 Bewerbungen bekommen, 95 Prozent mit Hochschulabschluss.“