Das aktuelle Wetter NRW 4°C
Wirtschaft

Armut fördert kurzsichtige Entscheidungen

01.11.2012 | 15:13 Uhr
Foto: /dapd/Norbert Millauer

Washington.  Menschen in Armut treffen häufig Entscheidungen, die ihre Lage noch verschlimmern: Sie spielen im Lotto, machen übermäßig Schulden oder nehmen Hilfsangebote nicht wahr. Eine Erklärung für dieses scheinbar paradoxe Verhalten könnten US-amerikanische Forscher jetzt gefunden haben.

Menschen in Armut treffen häufig Entscheidungen, die ihre Lage noch verschlimmern: Sie spielen im Lotto, machen übermäßig Schulden oder nehmen Hilfsangebote nicht wahr. Eine Erklärung für dieses scheinbar paradoxe Verhalten könnten US-amerikanische Forscher jetzt gefunden haben. In mehreren Experimenten stellten sie fest, dass Menschen, die unter einem Mangel leiden, sich stärker auf unmittelbare Herausforderungen konzentrieren, dabei aber langfristige Probleme aus dem Blick verlieren. Das habe nichts mit geistiger Beschränktheit oder der Persönlichkeit der Betroffenen zu tun, betonen die Wissenschaftler. Stattdessen rufe der Mangel als solcher - egal ob an Geld oder Zeit - eine ganz eigene Denkweise hervor. Diese verändere, wie die Menschen Probleme wahrnehmen und Entscheidungen treffen, berichten die Forscher im Fachmagazin "Science" (doi:10.1126/science.1222426).

"Das Prinzip hinter diesem Mechanismus lässt sich leicht nachvollziehen: Wenn Geld genug da ist, können wir Ausgaben für das Einkaufen, die Miete oder Ähnliches leicht decken und müssen kaum darüber nachdenken", erklären Anuj Shah von der University of Chicago und seine Kollegen. Anders sei dies aber, wenn Geldmangel herrsche: Dann erscheine jede Ausgabe dringender und bedrohlicher. Sie erfordere daher mehr Aufmerksamkeit. Dieses Prinzip der Fokussierung gelte nicht nur bei Armut, sondern auch bei Zeitmangel und anderer Knappheit. Genau hier setzt die Hypothese der Forscher an: Weil Mangel einige Probleme mehr in den Mittelpunkt rücke, vernachlässige man gleichzeitig andere, "Während wir uns darauf konzentrieren, was wir diese Woche für Lebensmittel bezahlen müssen, verlieren wir die Miete des nächsten Monats aus dem Blick", verdeutlichen die Forscher.

Computerspiel und Fernsehquiz als Test

Im Rahmen der Studie absolvierten mehr als 150 Studenten verschiedene an Computerspiele und Fernsehquizshows angelehnte Spielexperimente. Sie mussten darin entweder Multiple-Choice-Fragen in einer bestimmten Zeit beantworten, mit gezielten Würfen ein Ziel treffen oder aber mit einem bestimmten virtuellen Geldbudget Buchstaben zur Lösung eines Worträtsels kaufen. Einige Teilnehmer erhielten dabei ein größeres Budget an Zeit oder Geld, andere weniger. Zudem durften sich einige Spieler Zeit oder Geld borgen, andere nicht.

"Die Ergebnisse zeigen, dass arme und reiche Spieler auf unterschiedliche Weise an die Aufgaben herangingen", sagen die Forscher. Probanden mit weniger Ressourcen hätten beispielsweise bei jedem Wurf länger überlegt und gezielt. Sie seien zudem nach Ende jeder Runde erschöpfter gewesen, obwohl ihre Spielzeit wegen mangelnder Ressourcen kürzer war als die der "reichen" Probanden. Shah und seine Kollegen werten dies als Zeichen dafür, dass die ärmeren Probanden sich stärker auf die Aufgabe konzentrierten.

In den Spielrunden, in denen Kredite vergeben wurden, borgten die armen Spieler selbst dann Geld oder Zeit, wenn sie hinterher die doppelte Summe zurückzahlen mussten und auch, wenn ihnen diese Summe in der nächsten Runde vom Budget abgezogen wurde. Je mehr ihre Schulden wuchsen, desto mehr Kredite hätten die armen Spieler aufgenommen. Das sei ein Verhalten, das man auch in der Realität häufig beobachten könne, konstatieren die Forscher. Die Ergebnisse der Spielexperimente sprechen ihrer Ansicht nach dafür, dass Menschen, die unter einem Mangel leiden, sich stärker auf unmittelbare Herausforderungen konzentrieren und dadurch leichter langfristig falsche Entscheidungen treffen. (dapd)

dapd

Facebook
Kommentare
Umfrage
Ernährungsberater sagen, im Schulessen sei zu viel Fleisch. Stimmt das?
 
Fotos und Videos
Aus dem Ressort
Wegen Mindestlohn wird Taxifahren um 25 Prozent teurer
Taxi
Taxifahrer profitieren als eine der ersten Berufsgruppen vom Mindestlohnanstieg auf 8,50 Euro. Das lässt allerdings auch die Preise für die Kunden steigen – durchschnittlich um 25 Prozent. Befürchtet wird der Verlust von Fahrerjobs und das Ausdünnen des Taxiangebotes.
Die Witterung! Bahn rechtfertigt sich für Verspätungs-Rekord
Fernverkehr
Seit der Bahnreform nimmt das Ausmaß der Verspätungen im Fernverkehr stetig zu. Unwetter und überlastete Strecken vermiesen die Pünktlichkeitsbilanz der Deutschen Bahn AG. 2013 kam die Bahn 7,2 Jahre zu spät. Ein Trost: Im Regionalverkehr hielten sich Verspätungen in Grenzen.
GDL verzichtet auf Streiks an den Weihnachtstagen
Bahn
Zu Weihnachten sollen Bahnreisende von Lokführerstreiks verschont bleiben - zumindest, wenn es nach der Gewerkschaft GDL geht. Deren Chef Claus Weselsky spricht von einer "friedvollen Zeit". Für Reisende ist das eine erste gute Nachricht, aber noch keine Entwarnung.
Thomas Middelhoff wehrt sich gegen seine Untersuchungshaft
Manager
Seit eineinhalb Wochen sitzt der frühere Karstadt-Manager Thomas Middelhoff in Essen in Untersuchungshaft. Jetzt haben seine Anwälte Haftbeschwerde eingelegt. Damit dürfte der Haftbefehl gegen Middelhoff schon bald das Oberlandesgericht Hamm beschäftigen. Es sei denn, die Essener Richter überdenken...
Kartellverdacht – Volvo legt 400 Millionen Euro zurück
EU
Der Lastwagenbauer Volvo wappnet sich nach den Kartellvorwürfen durch die EU-Kommission für eine hohe Strafe und legt umgerechnet 400 Millionen Euro zurück.