Anonyme Insolvenzler helfen beim Neustart aus der Pleite

Wer von einer Insolvenz betroffen ist, findet bei der Selbsthilfegruppe Anonyme Insolvenzler Unterstützung.
Wer von einer Insolvenz betroffen ist, findet bei der Selbsthilfegruppe Anonyme Insolvenzler Unterstützung.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Nicht nur die finanzielle Not ist oft groß bei einer Insolvenz, sondern auch das Gefühl, versagt zu haben. Hilfe bieten die Anonymen Insolvenzler.

Köln.. Plötzlich fliegt einem das ganze Leben um die Ohren. Haus weg, Lebensversicherung weg, Konten gesperrt. So war das auch bei Daniela Conrad*. Die Pleite ihres Unternehmens in Köln trieb sie in die Insolvenz. Ein Einschnitt in ihrem Leben, der ihr den Boden unter den Füßen wegzog. Ein Erlebnis, das vielleicht nur verstehen kann, wer selbst einmal in einer solchen Lage gesteckt hat. Geholfen hat ihr eine Selbsthilfegruppe: die Anonymen Insolvenzler.

2003 wagte die heute 58-Jährige den Schritt in die Selbstständigkeit als Franchisenehmerin. Eigentlich lief das Geschäft gar nicht so übel. Zwei Tatsachen jedoch wurden für sie zum Verhängnis. Erstens: „Das erste halbe Jahr war extrem schlecht“, erzählt Conrad.

Finanzen Businessplan und Realität seien auseinandergelaufen. Ein Einbruch, die Erkrankung eines Mitarbeiters, gescheiterte Marketingmaßnahmen, miese Einnahmen. „Wenn man so weit hinter den Zielen zurück bleibt, holt man das nicht mehr auf“, sagt die Unternehmerin. Der zweite Grund für das Scheitern: 2005 entschied der Franchisegeber, auf neue Geräte umzustellen.

Alle Konten gesperrt

„Damals war mein Ziel, bis 2013 alle Schulden, die im ersten halben Jahr entstanden sind, los zu sein.“ Es hätte vielleicht geklappt. Nach dem schweren Anfang lief das Geschäft. Conrad konnte die Effektivität steigern und gute Margen erzielen. Doch Pannen bei der Lieferung der neuen Geräte und Fehler in der Buchhaltung durchkreuzten ihre Pläne. Am Ende wurden alle ihre Konten gesperrt.

Nach sieben Jahren war Daniela Conrad pleite. „Aber was heißt das genau? Begriffe wie Vollstreckungsbescheid, Titel oder Insolvenzverschleppung sagen einem ja nichts.“ Zu den finanziellen Nöten gesellte sich die Unsicherheit. Wie soll es weiter gehen? Ein günstigerer Handyvertrag – keine Chance als Schuldner. Umzug in eine kleinere Wohnung – nicht finanzierbar.

„Sie kommen da nicht mehr raus, man hängt fest wie in einem Spinnennetz“, beschreibt Daniela Conrad ihre damalige Situation. „Es ist schon hart, wenn man seiner Tochter, die gerade Abi macht, beichten muss, dass nicht nur Haus und Lebensversicherung, sondern auch das ganze Erbe weg ist.“

Schuldneratlas Über die Schuldnerberatung zu den Anonymen Insolvenzlern

Jammern will Daniela Conrad nicht. Irgendwie ging es weiter. Die Franchise-Zentrale half, einen Käufer für das Geschäft zu finden. Der symbolische Wert, den sie dafür bekam, wurde sofort gepfändet. „Mein Glück war, dass mir ein Franchise-Kollege sofort einen Job angeboten hat.“ Über die Schuldnerberatung hat Daniela Conrad schließlich die Anonymen Insolvenzler kennengelernt.

Die Gesprächskreise der Anonymen Insovenzler wurden 2007 in Köln ins Leben gerufen. Heute gibt es sie in ganz Deutschland, unter anderem in Hamburg, Berlin und Düsseldorf. In Dortmund ist ein weiterer Treff geplant. Sie bieten Unternehmern und Verbrauchern Informationen, Erfahrungsaustausch und Hilfe zur Selbsthilfe bei einem Neustart aus der Insolvenz.

Anfangs skeptisch, raffte Daniela Conrad sich schließlich auf und geht zu einem der Selbsthilfe-Treffen. Die Gespräche helfen ihr. „Man kann seine Probleme mal woanders abladen und so auch seine Familie schützen“, erklärt sie. Bei den Treffen geht es darum, emotional aufgefangen zu werden und Netzwerke zu knüpfen. „Ein Effekt ist auch, dass man den Rat anderer Betroffener stärker akzeptiert als von Freunden, die nicht betroffen sind“, erklärt Daniela Conrad.

Dass sie mit ihren Erfahrungen nicht allein ist, musste Daniela Conrad erst lernen. Dabei sprechen Statistiken über Insolvenzen für sich. Zwar ist die Zahl der Firmeninsolvenzen seit 2009 rückläufig, doch für das kommende Jahr rechnen Experten mit einem Anstieg.

Schulden-Atlas Zahl der Firmen- und Verbraucherinsolvenzen rückläufig

Laut einer aktuellen Studie der Wirtschaftsauskunftei Bürgel mussten 2014 deutschlandweit 24.549 Unternehmen Insolvenz anmelden. Das entspricht einem Rückgang um 8,2 Prozent zum Vorjahr. Nordrhein-Westfalen bleibt mit 111 Firmeninsolvenzen pro 10.000 Unternehmen Insolvenzspitzenreiter im Bundesländervergleich. Der Durchschnitt liegt bei 70 Insolvenzen pro 10.000 Unternehmen. Für 2015 sei laut Bürgel deutschlandweit ein Anstieg der Firmenpleiten von 1,5 bis 2,0 Prozent möglich. Diese Prognose stützt sich auf die Annahme einer Schwächung des inländischen Konsums und weiteren geopolitischen Risiken. Auch die Zahl der Verbraucherinsolvenzen sinkt seit 2010. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform zählte 86.900 im Jahr 2014. Im Vorjahr waren es noch 91.360, also rund fünf Prozent mehr.

Seit vier Jahren geht Daniela Conrad nun zu den Anonymen Insolvenzlern. Manchmal leitet sie sogar selbst einen Gesprächskreis. Sie hat gesehen, wie Menschen geweint haben, wie Menschen nach der absoluten Niederlage neu durchgestartet sind, aber auch, wie andere resigniert aufgegeben haben. „Wir dürfen nicht vergessen“, mahnt sie, „das ist unser Mittelstand. Das sind Leute, die was riskiert haben – und es ist schief gegangen. Lassen wir sie fallen, geht der Gesellschaft eine Menge Kapazität verloren.“

Daniela Conrad hat es viel Energie gekostet, nach dem tiefen Fall wieder aufzustehen. Sie macht weiter, dank und mit den Anonymen Insolvenzlern. „Sonderlich glücklich bin ich nicht“, gibt sie zu. Immer sei sie selbst ihr Chef gewesen. Sich unterzuordnen, wenn sie Dinge ganz anders machen würde, falle ihr schwer.

Einen Gedanken verdränge sie bis heute, so gut es geht: „Für mich steht Altersarmut an.“ Ein Horrorszenario. „Ich habe alles in den Teich gesetzt, jetzt könnte ich nur noch reich heiraten.“

*) Name geändert