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Anleger brauchen Grundwissen

23.01.2015 | 00:11 Uhr

Das geplante Kleinanlegerschutzgesetz soll für mehr Transparenz auf dem Kapitalmarkt sorgen und Anleger davor bewahren, zu hohe Risiken einzugehen. Beim WAZ-Leserseminar in Essen gaben zwei Profis ihre Einschätzung über das Gesetz ab: Dirk Elberskirch, Chef der Börse Düsseldorf, und Florian Weber, Vorstandsvorsitzender der Schnigge Wertpapierhandelsbank.

Der Bund hat das Kleinanlegerschutzgesetz entworfen, um Desaster wie das des insolventen Windparkbetreibers Prokon künftig zu verhindern. Tausende Anleger gingen vor einem Jahr mit Produkten des grauen Kapitalmarkts baden. Hätte das Gesetz verhindert, dass wie im Fall Prokon 1,3 Milliarden Euro verbrannt wurden?

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hätte das Prokon-System mit den Genussscheinen gebilligt. „Es wären aber nicht so viele Anleger darauf hereingefallen“, meint Börsenhändler Weber. Die Prokon-Anteilseigner seien aber bei weitem nicht die einzigen Opfer des nicht staatlich regulierten Grauen Kapitalmarkts. Weber: „Der Graue Kapitalmarkt hat den Anlegern jährlich 20 bis 40 Milliarden Euro aus der Tasche gezogen.“

Der Gesetzgeber erweitert die Prospektpflicht für Finanzprodukte. Werden Anlagen so sicherer?

Börsenchef Elberskirch ist skeptisch – aus mehreren Gründen. „Wenige Anleger lesen sich den Prospekt, der meist 300 Seiten dick ist, bis zum Ende durch“, sagt er. „Die Menge der Information ist manchmal eher hinderlich dabei, das Wichtige zu erkennen.“ Auch wenn das Gesetz verschärft werde, brauche der Anleger ein Grundwissen. „Das ist aber nur mäßig ausgeprägt. Deshalb wird auch so viel Geld vernichtet“, sagt Elberskirch.

Können Anleger künftig davon ausgehen, dass nur noch seriöse Finanzprodukte auf dem Markt sind?

Nein. Elberskirch weist darauf hin, dass die BaFin die künftig vorgeschriebenen Prospekte nur formal, aber nicht inhaltlich prüfe. „Die BaFin untersucht nicht, ob das jeweilige Anlagemodell funktionieren kann. Die Billigung durch die BaFin ist kein Qualitätsstempel“, sagt der Düsseldorfer Börsen-Chef. Er warnt vor einer „trügerischen Sicherheit“, in der sich Anleger wiegen, weil sie vermuten, dass durch die Prospektpflicht die Verantwortung von ihnen selbst auf die Aufsichtsbehörde übergehe.

Gibt es wirkliche Verbesserungen?

Anbieter von Finanzprodukten dürfen dafür nicht mehr im öffentlichen Raum werben. Bei den Prokon-Genussscheinen hatte es noch eine heftige Propaganda-Welle gegeben. Die Börsen-Fachleute loben, dass die Produkte transparenter werden und die Anleger bessere Möglichkeiten erhalten, ihr persönliches Risiko selbst zu beurteilen. Elberskirch beobachtet derzeit „heftige Vertriebsaktivitäten, bevor die Regulierung greift“.

Welche Tipps geben die Fachleute?

Potenzielle Anleger sollten Internet-Zugang haben, weil die meisten Informationen ausschließlich online abrufbar sind. „Die Verbraucher müssen mehr Zeit für ihre Anlagen investieren. Dann reduziert sich auch die Fehlerquote“, sagt Elberskirch. Er warnt vor Anbietern mit „aggressiver Werbung“. Das sei immer ein „schlechtes Zeichen“. „Sie müssen sich selbst mit Ihren Anlagen beschäftigen“, appelliert Börsenhändler Weber. Banken verstünden sich zunehmend als Verkäufer und nicht als Berater.

Wann ist Vorsicht geboten?

Die Experten warnen vor Anbietern, die besonders hohe und sichere Renditen versprechen und zeitlichen Druck aufbauen, indem sie ein bestimmtes Angebot zeitlich befristen. Wenn der Kunde das Produkt nicht versteht, sollte er es auch nicht kaufen. Wenn der Anbieter nicht genau zu ermitteln ist oder im Ausland sitzt, sollten die Alarmsirenen schrillen.

Frank Meßing

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2015-01-23 00:11
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