Ärger um Initiative Tierwohl: Viele Landwirte gehen leer aus

Landwirt Josef Mertens aus Attendorn nimmt teil an der Initiative Tierwohl.
Landwirt Josef Mertens aus Attendorn nimmt teil an der Initiative Tierwohl.
Foto: Matthias Graben
Was wir bereits wissen
Handelsriesen wie Aldi, Rewe und Edeka zahlen mehr fürs Fleisch, wenn der Bauer die Haltung verbessert. Doch die Hälfte der Landwirte geht leer aus.

Attendorn.. Ob sie jetzt glücklicher sind? Wer weiß. Aber die 700 Schweine im Stall von Josef Mertens in Attendorn haben seit ein paar Tagen mehr Platz, stehen sich beim Fressen nicht mehr im Weg und vertreiben sich die Zeit mit dem Knabbern an einer Holzlatte – was sie davon abhält, ihre Artgenossen anzuknabbern.

Ihr Besitzer beteiligt sich an der Initiative Tierwohl. Die funktioniert so: Der Lebensmitteleinzelhandel zahlt für jedes Kilo verkauftes Schweinefleisch vier Cent extra in einen Topf, aus dem Landwirte für mehr Tierwohl im Stall belohnt werden. Die Kriterien haben Wissenschaftler festgelegt; sie müssen deutlich über die gesetzlichen Regelungen hinausgehen und werden regelmäßig überprüft. Es geht um mehr Platz, Beschäftigungsmaterial und Auslauf im Freien.

Seit Anfang des Jahres fließt das Geld, bis Ende April mussten sich die Landwirte bewerben, im Sommer starten Aldi, Lidl und Co. eine Werbekampagne und im Herbst soll es auch ein Gütesiegel geben.

Frust der Glücklosen

Mertens’ Schweine haben Glück gehabt, weil Mertens Glück gehabt hat. Denn er wurde ausgelost. 4653 Landwirte aus allen Teilen Deutschlands haben sich für die Initiative registrieren lassen, mit insgesamt 25,5 Millionen Tieren. Doch nur 2142 Betriebe mit exakt 12 030 514 Schweinen erhielten per Los die Zusage – 46 Prozent. Für mehr ist kein Geld da. Gut 85 Millionen Euro gibt der Handel im ersten Jahr – mehr nicht.

Der Bauernverband und die Initiative Tierwohl werten den Zuspruch als riesigen Erfolg. „Diese Resonanz beweist, dass unsere Landwirte bereit sind, sich für das Wohl der Tiere einzusetzen“, sagt Geschäftsführer Alexander Hinrichs. Aber: Mehr als 2000 Landwirte schauen jetzt in die Röhre, weil sich ihre Investitionen zunächst nicht auszahlen. „Ich wäre ziemlich sauer, wenn ich nicht zum Zuge gekommen wäre“, sagt Josef Mertens. Der 62-Jährige hat Geld und viel Zeit in das Projekt gesteckt – allein das Antragsformular umfasste neun Seiten. Und er kennt Kollegen, die die Zahl der Tiere in ihren Ställen reduziert haben, um die Platzkriterien erfüllen zu können. Die haben nun ein Problem.

„Was glauben Sie, was gerade an meinem Telefon los ist“, sagt Johannes Röhring, CDU-Bundestagsabgeordneter. Die Glücklosen brauchen ein Ventil – und das heißt Röhring. Der Politiker aus dem Münsterland ist Präsident des Westfälisch-Lippischen Bauernverbandes und war am Konzept der Initiative Tierwohl maßgeblich beteiligt. „Ich kann den Frust der Leute verstehen“, sagt Röhring. Im Prinzip sei der Erfolg der Initiative aber ein wohltuender Kontrapunkt in der Dauerdiskussion um die mutmaßlich grausame Massentierhaltung. Und der Handel beweise jetzt, dass er bereit sei, für mehr Tierwohl in die Tasche zu greifen.

„Aber jetzt brauchen wir mehr Geld im System“, fordert Röhring. In diesem Punkt ist er sich mit Mertens und Hinrichs einig. Während aber der Landwirt und sein Präsident fordern, der Einzelhandel müsse die vier Cent pro Kilo aufstocken, hält Hinrichs das für unrealistisch: „Wir haben die Verträge bis ins Jahr 2017 abgeschlossen; das können wir jetzt nicht einfach ändern.“ Mertens widerspricht: Ein paar Cent mehr würden den Bauern helfen, den Braten für den Verbraucher aber nicht fett machen. Denn: „In dieser Höhe schwanken ja schon die Schweinepreise innerhalb einer Woche.“

85 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels beteiligen sich bisher an der Initiative, alle Großen wie Aldi, Lidl, Edeka, Rewe und Tengelmann sind dabei. Hinrichs will sich nun dafür einsetzen, auch die restlichen 15 Prozent ins Boot zu holen, das sind vor allem regionale Anbieter. Aber auch wenn die mitmachen, wird das Geld am Ende nicht für alle reichen.

6,70 Euro mehr pro Schwein bekommt Mertens, wenn seine Tierwohl-Maßnahmen die in Kürze anstehende Prüfung bestehen. Nicht viel, aber es hilft. Denn im vergangenen Jahr hat der Landwirt Miese gemacht. Am Ende hat der Verbraucher die Macht: Sollte den Kunden das Tierwohl-Fleisch schmecken, legt der Handel vielleicht doch ein paar Cent drauf.