Netzwelt : Kaum noch Leben im zweiten Leben

Essen. Die virtuelle Welt galt einmal als DAS Ding im Internet. Mittlerweile ist die Luft allerdings weitgehend raus: Große Firmen haben sich aus Second Life zurückgezogen. Nun sollen - was sonst - Erotik-Angebote neuen Schwung in den digitalen Alltag bringen .
Eine Welt war nicht genug. Vor zwei Jahren boomten sogenannte „alternative Realitäten” im Internet – allen voran „Second Life”. Mittlerweile allerdings heißt es immer öfter: Kein Leben mehr im zweiten Leben. „Der Hype ist vorbei”, bestätigt nicht nur Kommunikationsdesigner und Second-Life-Experte Alvar Freude. Mit Erotik soll er neu entfacht werden.
Was gab es nicht alles in der virtuellen Welt. Adidas bot Turnschuhe an, Mercedes Probefahrten. Und auch die gute alte Post eröffnete eine Dependance. Weil sie da sein wollten, wo angeblich die Kunden waren. Keine echten Menschen natürlich, sondern ihre Avatare - grafische Verkörperungen echter Personen in der virtuellen Welt.
Ernüchterung macht sich breit
Doch schnell machte sich Ernüchterung breit. Nicht nur, weil das System technisch instabil war. Vor allem auch, weil viele Bereiche der riesigen Online-Welt den Besiedlungsgrad der Wüste Gobi aufwiesen. Denn im Schnitt waren von den Millionen registrierter User stets nur ein paar zehntausend gleichzeitig online. Das hat sich bis heute nicht geändert.
Deshalb haben sich die meisten großen Unternehmen mittlerweile wieder aus „Second Life” zurückgezogen. Von Niederlage oder Fehleinschätzung will dennoch keiner sprechen. „Wir haben alle Ziele erreicht”, beteuert etwa Achim Gahr, Sprecher der Post, die längst alle Schalter im Online-Universum geschlossen hat. Das sagen alle. Hinter vorgehaltener Hand sagen sie aber auch: „Es war einfach nichts los.” Jedenfalls nicht genug, um Geld zu verdienen. Auch für private Nutzer war der oft geträumte Traum vom Reichtum schnell ausgeträumt. Nach einem Jahr hatten gerade einmal knapp 60 000 der damals 13,3 Millionen Nutzer weltweit überhaupt Geld in „Second Life“ verdient – rund die Häfte davon weniger als zehn Dollar. „Viele Hoffnungen haben sich nicht erfüllt”, weiß Alvar Freude. Andreas Mertens, Geschäftsführer der Firma SL Talk glaubt auch zu wissen, warum. „Viele sind einfach blind bei Second Life eingestiegen. Die hatten kein Konzept.”
SL Talk hat welche. Speziell für Firmen, die sich doch noch entscheiden, in das Zweite Leben einzusteigen. „In vielen Fällen kann sich das lohnen”, sagt Mertens und nennt als Beispiel Avatar-Konferenzen für Außendienstmitarbeiter. „Die haben eine ganz andere Qualität als Video- oder Telefonkonferenzen.”
Für den Otto-Nomal-Avatar aber spielen sie keine Rolle. „Viele private Nutzer”, hat Freude festgestellt, „nutzen Second Life mittlerweile nur als 3-D-Chat mit erweiterten Gestaltungsmöglichkeiten.” Geld geben sie dabei kaum aus in der virtuellen Welt. Das könnte sich bald wieder ändern. Denn vor einigen Tagen hat Linden Lab angekündigt, einen neuen Kontinent in der virtuellen Welt zu schaffen. Zu ihm werden nur Erwachsene nach einer Altersverifikation Zutritt haben. Weil es dort künftig härtere Inhalte geben soll. „Eindeutig sexuelle Aktivitäten, fotorealistische Nacktheit” zum Beispiel. Alles geht , aber nichts muss. Denn was genau auf der Erwachseneninsel passiert, hängt auch hier von den Nutzern der 3-D-Welt ab.
Neuer Kontinent
Linden Lab verkauft die Sex-Insel als Reaktion auf Beschwerden von prüderen Nutzern. „Es wurde klar, dass einige Bewohner an bestimmten Erwachsenenaktivitäten in Second Life interessiert sind, während andere daran nicht teilhaben wollen”, heißt es offiziell. Viele Experten sehen allerdings andere Beweggründe. Sie vermuten, dass Second Life auf diese Weise professionelle Erotikanbieter und neue Kunden anlocken will. An deren Umsätzen würde auch Linden Lab verdienen.
















