Die Geschichte ihres Lebens, Folge 7 : Die Frau, die über Leichen geht
Anneke Lüders ist eine Bestsellerautorin, die kaum einer kennt. Eine Kriminalschriftstellerin mit vielen Rätseln im Keller. Und ihr eigenes Leben ist sowieso spannender als jeder Krimi
Essen. „Die Ebene lag flach und leer unter einem drohenden Himmel, am Tag, da ich nach Belvedere kam. Die Anlage ist umgeben von einer hohen Mauer. Alte Bäume schützen das Haus und seine Bewohner vor neugierigen Blicken. Unmittelbar hinter ihm erheben sich die Dünen mit den Militär-Übungsplätzen überall. Das Gestotter von Maschinengewehren ist nicht angenehm. Es verunsichert die Patienten, aber Stacheldraht und Warnschilder halten die Touristen fern. Dr. Albers hatte Recht: Hier konnte ich bleiben, ohne aufzufallen.”Spannend?
Anneke Lüders in ihrem Wohzimmer - dem Zimmer einer Bestseller-Autorin. Foto: WAZ, Jakob Studnar
Foto: WAZ
Anneke Lüders ist Krimiautorin unter anderem. Und so beginnt ihr Roman „An den Ufern der Nacht”. Ein kurioser Fall, weil das Buch 1965 als Fortsetzungsroman im „Stern” erschien, in der Folge jedoch keinen deutschen Verleger fand, dafür aber einen englischen Übersetzer. In England und den USA wurde der Roman ein großer Erfolg (unter dem Pseudonym Adrienne Mans), in Frau Lüders Bücherregal findet sich neben einer schwedischen sogar eine finnische Übersetzung. „Eine seltsame Sprache“, sagt sie, „ein Wort ist so lang wie eine halbe Seite.“
Leichen im Keller
Wir befinden uns also im Wohnzimmer einer Bestsellerautorin, die kaum einer kennt. Jedenfalls nicht in Deutschland, in Essen, in Bredeney. Eine Bücherwand, natürlich, dann aber malaiische Götter auf der Fensterbank, wunderbar geschnitzt, über der Sitzecke eine indonesische Landschaft und neben der Tür Makaken - Öl auf Seide. Das lichte Zimmer öffnet sich der Welt. Oder der Vergangenheit? Frau Lüders, muss man dazusagen, ist 90 Jahre alt und läuft seit einem vermurksten Oberschenkelhalsbruch vor fünf Jahren nur noch mit Hilfswagen. Aber sie macht es sich bequem im Sessel und erzählt – auch von ihren Leichen im Keller.
Böse Kollaborateurin
„Ich interessiere mich sehr für das Thema aktive Sterbehilfe“, sagt sie, und das ist ebenso ernst gemeint wie das nächste Geständnis. „Ich bin eine böse Kollaborateurin.“Zumindest ist das die Außensicht. Anneke Lüders ist Holländerin, geboren in der damaligen Kolonie Indonesien, Tochter einer wunderschönen Mutter und eines „Admirals“, den alle nur so nannten, weil er tatsächlich eine zivile Paketdienstflotte befehligte. Aufgewachsen aber ist sie in Den Haag, blau-blütig, vielsprachig, im Internat. Und als sie während des Kriegs bei Texaco arbeitete, da verliebte sie sich in einen deutschen Offizier. Das haben ihr die aristokratischen Verwandten nie verziehen. „Eine „Moffenbraut“ wurde sie geschimpft. „Aber ich war jung, und ich war verliebt. Erst später in Deutschland habe ich das besser verstanden. Als all diese zerlumpten Soldaten aus dem Krieg heimkamen, und hier waren die Mädchen am Arm eines englischen Unteroffiziers.“
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Ihren ersten Mord jedenfalls beging die Lady auf Seite 11. Aber so offensichtlich ist es nicht, dass gleich eine Leiche auftauchen würde. Frau Lüders ist eine Freundin des verrätselten, des verschachtelten Mordens, erst im letzten Satz wird sie den Täter verraten. Davor steht die Flucht aus Holland, der Einzug ihres Vermögens. Obwohl sie glaubhaft machen kann, dass ihr deutscher Mann viele seiner holländischen Arbeiter vor der Deportation gerettet hat. Dass er einmal gar den Zug eingeholt hat, um einen Schwerkranken herauszuholen, den sie fortschaffen wollten. Davor steht auch die Arbeit als Übersetzerin zuerst bei den Kriegsverbre-cherprozessen. Diese ungeheuerlichen Szenen mit den Richtern, die Perücken trugen wie im Film. Die Übersetzungsarbeit für die holländische Fluggesellschaft KLM in Hamburg.
Die Heinzelmännchen
Als Frau Lüders nach Essen kam, war sie schon in ihren Vierzigern. KLM hatte entlassen, die neue Arbeit in der Westeuropazentrale von Coca-Cola, nun, sie hat unterschrieben nie etwas schlechtes zu sagen über den Konzern. Also begann sie Bücher zu übersetzen, etwa „Das kleine Buch der Heinzelmännchen“ aus dem holländischen Original ins Deutsche. „Das war so berühmt, dass die Leute in New York als Heinzelmännchen verkleidet rumgelaufen sind.“Und dann die Krimis. Es gibt sehr strenge Regeln. „Irgendwann im Text muss der Leser Gelegenheit haben, den Täter zu enttarnen. Aber der Hinweis muss gut versteckt sein.“ Die deutschen Krimis im Fernsehen, pah!, die schlimmsten sind die Vorabendserien, durchschaut Frau Lüders sofort. Aber die Engländer können gut morden. Und so schätzt Frau Lüders vor allem englische und amerikanische Krimis, Elizabeth George vor allem. Mit mörderischer Lust und fachlichem Interesse.
Mörderische Lust
Und über wie viele Leichen ist sie nun gegangen? Sie rechnet mit den Fingern. Vergiftet, erschossen im Wald, vergiftet, erschossen, unterlassene Hilfeleistung. Eigentlich ist sie eine recht konventionelle Mörderin, das Rätsel steht im Mittelpunkt.„Schriftstellern ist wie eine Art Halbtrance. Erst wenn alles nieder-geschrieben ist, fängt die eigentliche Arbeit an. Das Korrigieren, das Umschreiben, das Kürzen.“ Was musste sie sich damals nicht von ihrem Mann anhören, dass sie so viele Abende darauf verschwendete. „Du wirst keine zwei Paar Socken von dem Honorar kaufen können.“Es ging der Familie damals miserabel, ihr Mann war beinahe Invalide. Das Buch aber wurde „sehr lange ein Erfolg, beinahe ein Evergreen“ sagt Frau Lüders. Es sprangen zwei neue Autos dabei raus für den Mann und für den Sohn, man konnte leben und beiseite legen. Zwei weitere Veröffentlichungen folgten (und viele Kurzgeschichten) „Aber es ist mir kein zweites Mal so gelungen, glaube ich.“Und wenn sie nun ihre eigene Geschichte aufschreiben müsste? Da ist die Erfahrung, mit der Mutter den Vater in Batavia (Djakarta) zurückzulassen, dann stattlich, aber abgeschieden im Wald zu wohnen, schließlich von der Mutter im Internat abgeladen zu werden. Die drei Auslandsjahre zum Ende der Schulzeit, die sie von den Freundinnen entfremdet haben. Das ist vielleicht auch die Antwort, warum sie Karl geheiratet hat. Das hatte sie in einem seltsamen Moment ein alter Freund aus Hamburg gefragt: Warum hast Du Karl geheiratet? Vielleicht weil sie anders war. „Ich war immer einsam“, sagt Frau Lüders ohne Wehmut.















