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Sanierungsstau

Schimmelnde Schulen

06.09.2008 | 09:41 Uhr
Schimmelnde Schulen

Ruhrgebiet. Deutschlands Schulen wurden so lange vernachlässigt, dass sich jetzt ein Sanierungsstau von 78,5 Milliarden Euro aufgebaut hat. Es bröckelt, es zieht und regnet rein. Notfalls packen Eltern mit an.

Über vieles in dieser Halle könnte man vielleicht hinwegsehen. Über den schäbigen Nadelfilz am Boden, die Pappwände, die niedrige Decke, die jeden Ballsport unmöglich macht. Man könnte sich sagen: Ein Provisorium. Die Dürerschule soll doch eine neue Turnhalle bekommen. Aber dieser Geruch! Feucht. Modrig.

Feuchtigkeit in den Wänden

Als Schulleiterin Angela Effing-Sagel hier kürzlich unterrichtete, verließ die kleine Sarah ohne ein Wort den Raum. „Sarah hat Asthma, sie braucht ihr Spray!” erklärten eilig die Mitschüler. Und wenig später kam Sarah zurück, als wenn nichts gewesen wäre. In diese Turnhalle, die einmal ein Teppichlager war und nun so schimmelt, dass es stinkt.

Ein extremer Fall, die Dürer-Schule im Essener Vorort Borbeck, das mag sein. Doch Deutschlands Schulen, vor allem die in den Großstädten, gammeln bereits seit Jahren vor sich hin. Da bröckelt der Putz, erblinden Fenster, da lässt die Feuchtigkeit die Wände aufblühen, und wenn das Wasser von oben gar nicht mehr aufzuhalten ist, werden notfalls Eimer aufgestellt. 78,5 Milliarden Euro sind nötig, um die Schulen im Land bis 2020 zu sanieren, sie in „angemessener Qualität” zu erhalten, so die jüngste Untersuchung des Deutschen Institutes für Urbanistik in Berlin.

Der Investitionsstau

Kein Wunder. Seit Anfang der 90er Jahre fuhren die klammen Kommunen ihre Investitionen um 36 Prozent herunter. Das hinterlässt Spuren, auch wenn die Städte in den letzten Jahren wieder stärker in ihre Infrastruktur investieren. Längst schon haben sich Eltern daran gewöhnt, regelmäßig selbst aktiv zu werden. Sie putzen, streichen, nähen Gardinen und begrünen Schulhöfe, um es ihrem Nachwuchs etwas netter zu machen. Längst gehört es zum guten Ton, den Freitagnachmittag, das Wochenende für solche Aktionen zu opfern. Denn bei den halbjährlichen Elternabenden im Klassenzimmer des Sprösslings packt viele das Grauen.

So richtig satt haben es auch die Schüler und Eltern des Karl-Ziegler-Gymnasiums in Mülheim. Um zu demonstrieren, „dass uns bald die Decke auf den Kopf fällt” und das im wahrsten Sinne des Wortes, erschienen sie kurz vor den Sommerferien mit Bau- und Fahrradhelmen geschützt zum Unterricht. Zu lange schon ist die Heizung der Schule defekt, sind die Fenster undicht und deshalb festgeschraubt, verschandeln Löcher und Risse die Decken. „Die Schüler leben in einer Bruchbude!”, sagt Lutz Braukmann, der Schulpflegschaftsvorsitzende.

Eltern machen Druck

Der Druck der Eltern und der öffentlichkeitswirksame Auftritt der Gymnasiasten zeitigte Erfolg. Bereits am ersten Schultag nach den Ferien präsentierten CDU- und SPD-Fraktion ein gemeinsames Konzept zur Sanierung. Für 40 Millionen Euro sollen das Gymnasium und zwei weitere Mülheimer Schulen renoviert werden, allerdings mit Hilfe privater Partner, die noch zu finden wären. Am 11. September geht das Konzept in den Rat.

Dass viele Städte ganz erhebliche Probleme haben, ihre Schulen wieder in Form zu bringen, das weiß auch Angela Faber, Bildungsreferentin des Deutschen Städtetages: „Die Mittel, die die Kommunen für den Bau, die Erhaltung und die Ausstattung ihrer Schulen vom Land erhalten, die sogenannte Schul- und Bildungspauschale, reicht in vielen Fällen überhaupt nicht aus. Zumal die Städte nun gehalten sind, so schnell wie möglich den offenen Ganztag einzuführen. Heißt: Sie müssen Mensen einrichten, so viele und so schnell es geht. Das Geld jedoch kann nur einmal ausgegeben werden”, sagt Angela Faber.

Und das sogenannte Turbo-Abitur, die Hochschulreife nach acht statt bisher neun Jahren, tut ein Übriges, weil die jüngsten Gymnasiasten ihr Pensum bis tief in den Nachmittag hinein absolvieren müssen. Auch da machen die Eltern Druck, weil sie ihre gerade mal zehn-, elfjährigen Kinder ungern zwischen der sechsten und siebten Stunde in den Fluren geparkt sehen mögen, mit dem Butterbrot in der Hand statt einem warmen Mittagessen auf dem Teller. Angela Faber: „Die Städte kriegen das nicht hin. Sie brauchen einfach mehr finanzielle Hilfe vom Land!”

Wie geschockt sie war, als die kleine Sarah mit dem Asthma-Spray aus dem Sportunterricht verschwand, mag Angela Effing-Sagel, die Schulleiterin der Essener Dürer-Schule nicht vergessen. Erst nach diesen Sommerferien hatte sie die Schule, einen dickbäuchigen backsteinernen Bau von 1885, als Leiterin übernommen. Sie tat es gerne. Obwohl die Arbeit an einem sozialen Brennpunkt wie diesem, mit 70 Prozent ausländischen Schülern, beileibe keine leichte Aufgabe ist.

Eine neue Turnhalle

Noch vor wenigen Monaten sah es so aus, als ob die Schule wegen der sinkenden Schülerzahlen ganz schließen müsste. Doch dann begehrten die Eltern auf, sammelten Unterschriften, besuchten die Ratssitzung. Wohl auch weil die Dürer-Schule die einzige nicht-konfessionelle Schule des Vorortes ist.

Nun wird der Bau für 600 000 Euro renoviert, erhält er eine neue Dachkonstruktion, weil die alte so morsch ist, dass die Fassade abzubrechen droht. Und eine neue Turnhalle wurde ihnen versprochen. Ob die jedoch den Sprung schafft, von der Prioritätenliste der städtischen Verwaltung in die Wirklichkeit, lässt sich bislang noch nicht absehen. Allem Schimmel zum Trotz.

Denn Essen ist klamm, steht unter Haushaltssicherung. Und obwohl man auch in diesem Jahr 32 Millionen für Sanierungsarbeiten in den 179 Schulen ausgibt, und eben so viel in den nächsten beiden Jahren, „gibt es noch sehr heftig viel zu tun”, sagt Karlheinz Schnare vom städtischen Amt für Immobilienwirtschaft.

Am Mülheimer Karl-Ziegler-Gymnasium zittert man derweil dem 11. September entgegen, an dem der Stadtrat über die Sanierung der Schule entscheiden will. Elternvertreter Lutz Braukmann: „Dass da bloß nichts mehr schiefgeht!”

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Hayke Lanwert

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Kommentare
07.09.2008
20:12
Schimmelnde Schulen
von experte | #20

Fragt vielleicht auch mal einer nach den Lehrern, die in solchen schimmelverseuchten (Sport)Anstalten arbeiten müssen? Das ist übrigen bei den maroden Bauten nur eins von vielen Problemen.In keiner Firma wären solche Zustände möglich.
Eingaben an den Dienstherrn werden regelmäßig mit einem Schulterzucken beantwortet

06.09.2008
14:16
Schimmelnde Schulen
von Oberöko | #19

Strafanzeige erstatten! Bei jedem Schäferhund, der so gehalten würde, käme der Tierschutz und der Staatsanwalt. Bei Kindern spielt es offensichtlich keine Rolle. Sind Tiere eigentlich wichtiger?????

06.09.2008
13:49
Schimmelnde Schulen
von landsberg13 | #18

Bringt endlich das Elefantenklo zum Schrotthandel. Vom Erlös ließen sich viele Töpfe Farbe für heruntergekommene Schulen erwerben. so hätte dieses Kunstwerk endlich einen sinnvollen Nutzen.

06.09.2008
11:20
Schimmelnde Schulen
von sprichdichaus | #17

32 Millionen € für 179 Schulen. Hier ist schon Flickschusterei von vorn herein angesagt. 32 Millionen € sind zwar bestimmt nicht wenig Geld für eine Stadt wie Essen . Doch wer ja zur Kulturhauptstadt sagt der sollte auch ja zu neuen Schulen sagen und sich auf seine Pflichten besinnen.

06.09.2008
10:40
Schimmelnde Schulen
von Corona | #16

Jede(r) kennt Geldverschwendung in seiner/ihrer Kommune. Es wird Zeit, daß wir Eltern uns zusammenschließen und für bessere und angemessene Lernorte für unsere Kinder streiten.
Zukunft ist nicht kostenlos zu bekommen.
Wir können nicht auf den demografischen Wandel warten, der Schulen unnötig macht.
Gute Bildung für unsere Kinder, jetzt!!!

06.09.2008
09:49
Blockierter Kommentar.
von miriamlessmann | #15

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

06.09.2008
08:03
Schimmelnde Schulen
von Müller | #14

Auch meine Kind geht in eine stark renovierungsbedürftige Schule im schönen Dinslaken. Lieber wird ein Stadthaus gebaut und viel viel Geld für komische Skulpturen ausgegeben

05.09.2008
23:48
Schimmelnde Schulen
von brechtholz | #13

Rat an alle jungen Menschen: 3 Jahre keine Kinder in die Welt setzen. Konsequent. Dann wissen auch unsere Politikernieten, dass es so nicht weitergehen kann.

05.09.2008
23:02
Schimmelnde Schulen
von computerprinzessin | #12

Seit 19 Jahren wird der Osten des Landes mit großzügiger Unterstützung der westichen Städte aufs Feinste saniert, auch die Schulen und Universitäten sind besser ausgerüstet als die hiesigen. Nun wird es endlich Zeit, daß die inzwischen entschuldeten Oststädte den unsrigen mal unter die Arme greifen!

05.09.2008
22:55
Schimmelnde Schulen
von Monika Landgraf | #11

Nur gut,dass Eltern in so vielen Kommunen aktiv sind.Sonst würde gar nichts geschehen.
Nicht vergessen,dem Ministerium auch aus den Städten Dampf machen.
Siehe Ganztag im Sek.I und Sek.II Bereich.
Das Geld reicht hinter und vorn nicht aus!!!!

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