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Freizeit : Wanderer sind keine Vögel mehr

Rhein-Ruhr, 11.10.2009, Martin Tochtrop

Essen. Wandern ist eine entstaubte Sportart. Wer seine Stiefel im Revier schnürt, läuft genussvoll und erlebnisreich – vorzugsweise im Herbst.

Wer seinen Horizont erweitern will, muss in die Ferne schweifen. Eigentlich. Doch die wahren und weiten Horizonte stehen für Uli Auffermann an den Hügeln der Ruhr, in den parkähnlichen Ebenen des Münsterlandes. Der Bochumer kennt die alpine Bergwelt wie seine Westentasche. Aber die prickelnde Kombination aus Natur und Industriekultur, wie wir sie im Ruhrgebiet finden, ist für den Wander-Weisen einzigartig. Das Schloss Strünkede und der Gysenbergpark faszinieren ihn kaum weniger als der Stubaier Gletscher. Die fauchenden Dampfloks im Dahlhausener Eisenbahnmuseum elektrisieren ihn ebenso wie die wilden Dolomiten. Und vom Berner Oberland, wo er schon als Kind an zerfurchten Felswänden kletterte, kehrt er gerne an den Baldeneysee zurück. Pünktlich zur schönsten Wanderzeit – dem Herbst – erscheint Auffermanns Ruhrgebiets-Wanderführer „Wandern an Flüssen und Seen.”

Das Revier hat viel zu bieten

Natürlich, jede Jahreszeit hat ihre Reize. Ein klarer Wintertag am zugefrorenen Dortmund-Ems-Kanal, ein frischer Frühlingsmorgen in den Lippeauen oder ein Sommertag am Halterner Stausee sind auch nicht zu verachten. Vor allem wenn man das alles erwandern kann. Aber gerade jetzt, wenn sich die Wälder und Alleen bunt färben, wenn die Flora sich zum Abschied noch einmal aufhübscht, bevor sie sich für die dunkle Jahreszeit abschminkt, lohnt es sich, die Wanderstiefel zu schnüren.

Jeder hat seine Lieblingsstrecke, doch es gibt Neues zu entdecken. Auch, weil sich viel geändert hat in den letzten Jahren im Ruhrgebiet. Die Metamorphose hat alte Industrieanlagen erfasst, aus denen Museen wurden oder manchmal auch Biergärten. Beides braucht jeder Wanderer, wenn ihn Hunger und nicht nur Wissensdurst überkommen.

Auf 35 Genuss-Touren durchs Ruhrgebiet

„Wie eine Perlenkette”, liegen Ausflugslokale inzwischen an den Wanderrouten, beschreibt es Uli Auffermann. Auf seinen 35 Genuss-Touren muss man weder hungern noch dürsten. Der Weg ist zwar das Ziel. Aber nicht ausschließlich: Eine Wandertour ohne Gaststätte ist wie das Matterhorn ohne Gipfelkreuz.

Uli Auffermann verkörpert den Bergsteiger und Flachlandtiroler gleichermaßen. Weil Wandern im Trend liegt, ganz egal ob in eisigen Höhen oder auf dem platten Land, kann der 49-Jährige von seinem Hobby leben, schreibt Bücher über die Faszination des Kletterns und Wanderns. Wenn sogar der „Playboy” über die zunehmende Wanderbegeisterung der Spezies Mann berichtet, dann könnte, dann muss von Rucksack und Teleskopstöcken für manchen Zeitgenossen eine geradezu erotische Wirkung ausgehen.

Etwas erleben und gleichzeitig lernen

Das Bild vom natur- und gottverbundenen Wanderer, der vorzugsweise in Kniebundhosen und mit einem Liedchen auf den Lippen durch die Landschaft marschiert, hat sich gewandelt. Wer in jungen Jahren auf den Spuren von „Wanderpräsident” Karl Carstens wandelte, galt nicht nur als Wander-, sondern auch als ein etwas schräger Vogel. „Der Muff ist längst raus”, sagt Auffermann.

Wandern hat heute viel mit Outdoor, Hiking und Trecking zu tun, und das verstehen doch wohl nur junge Leute. „Sie wollen heute beim Wandern etwas erleben und lernen. Das ist im Ruhrgebiet geradezu ideal”, erläutert Auffermann.

Und oft genug sogar fast exotisch, man denke nur an architektonisch so eigenwillig gestaltete Bauwerke wie den märchenhaften Harkortturm hoch über dem Ruhrtal in Wetter oder den Bismarckturm auf dem Hordtberg in Velbert-Langenberg.

Der Reiz der Flüsse

Wer an Flüssen im Revier wandern will, ist an der Ruhr am besten aufgehoben. Das spiegelt sich in Auffermanns aktuellem Wanderführer wieder, wo die meisten Strecken sich entlang der Wiege des Bergbaus schmiegen. Je nach Lust und Kondition nur eine gute Stunde oder bis fast sechs, geht's an und oberhalb der Lebensader entlang. Von Blankenstein nach Herbede, rund um Heisingen oder von Geisecke nach Hennen. Jeweils viermal führt Auffermann aber auch an den Rhein – nach Kaiserswerth oder Xanten zum Beispiel – und an die Lippe – nach Lünen oder Dorsten.

Regelrechte Geheimtipps gibt es im Ruhrgebiet kaum, aber eine Lieblingstour gehört auch bei Uli Affermann dazu: von der Bochum-Stiepeler Dorfkirche über geht's die Ruhrhöhen und zurück. Wanderer, kommst du nach Stiepel, so gilt auch hier: Einkehrmöglichkeiten sind reichlich vorhanden.

Nahezu meditative Blicke in die Ferne

Vom Bergwandern und Klettern wieder heruntergekommen – zumindest zwischenzeitlich – blickt Auffermann nicht mehr von der Eiger-Nordwand auf Grindelwald, sondern von der Burg Blankenstein auf die Vororte Bochums. „Wer an der Felswand klebt, hat keine Aussichten”, weiß der Naturfreak. Die weiten Horizonte direkt vor der heimatlichen Haustür begeistern ihn in wachsendem Maße. Die Blicke in die Ferne, sie seien fast „meditativ.”

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