Sanierungsstau : Schimmelnde Schulen
Ruhrgebiet. Deutschlands Schulen wurden so lange vernachlässigt, dass sich jetzt ein Sanierungsstau von 78,5 Milliarden Euro aufgebaut hat. Es bröckelt, es zieht und regnet rein. Notfalls packen Eltern mit an.
Über vieles in dieser Halle könnte man vielleicht hinwegsehen. Über den schäbigen Nadelfilz am Boden, die Pappwände, die niedrige Decke, die jeden Ballsport unmöglich macht. Man könnte sich sagen: Ein Provisorium. Die Dürerschule soll doch eine neue Turnhalle bekommen. Aber dieser Geruch! Feucht. Modrig.
Feuchtigkeit in den Wänden
Als Schulleiterin Angela Effing-Sagel hier kürzlich unterrichtete, verließ die kleine Sarah ohne ein Wort den Raum. „Sarah hat Asthma, sie braucht ihr Spray!” erklärten eilig die Mitschüler. Und wenig später kam Sarah zurück, als wenn nichts gewesen wäre. In diese Turnhalle, die einmal ein Teppichlager war und nun so schimmelt, dass es stinkt.
Ein extremer Fall, die Dürer-Schule im Essener Vorort Borbeck, das mag sein. Doch Deutschlands Schulen, vor allem die in den Großstädten, gammeln bereits seit Jahren vor sich hin. Da bröckelt der Putz, erblinden Fenster, da lässt die Feuchtigkeit die Wände aufblühen, und wenn das Wasser von oben gar nicht mehr aufzuhalten ist, werden notfalls Eimer aufgestellt. 78,5 Milliarden Euro sind nötig, um die Schulen im Land bis 2020 zu sanieren, sie in „angemessener Qualität” zu erhalten, so die jüngste Untersuchung des Deutschen Institutes für Urbanistik in Berlin.
Der Investitionsstau
Kein Wunder. Seit Anfang der 90er Jahre fuhren die klammen Kommunen ihre Investitionen um 36 Prozent herunter. Das hinterlässt Spuren, auch wenn die Städte in den letzten Jahren wieder stärker in ihre Infrastruktur investieren. Längst schon haben sich Eltern daran gewöhnt, regelmäßig selbst aktiv zu werden. Sie putzen, streichen, nähen Gardinen und begrünen Schulhöfe, um es ihrem Nachwuchs etwas netter zu machen. Längst gehört es zum guten Ton, den Freitagnachmittag, das Wochenende für solche Aktionen zu opfern. Denn bei den halbjährlichen Elternabenden im Klassenzimmer des Sprösslings packt viele das Grauen.
So richtig satt haben es auch die Schüler und Eltern des Karl-Ziegler-Gymnasiums in Mülheim. Um zu demonstrieren, „dass uns bald die Decke auf den Kopf fällt” und das im wahrsten Sinne des Wortes, erschienen sie kurz vor den Sommerferien mit Bau- und Fahrradhelmen geschützt zum Unterricht. Zu lange schon ist die Heizung der Schule defekt, sind die Fenster undicht und deshalb festgeschraubt, verschandeln Löcher und Risse die Decken. „Die Schüler leben in einer Bruchbude!”, sagt Lutz Braukmann, der Schulpflegschaftsvorsitzende.
Eltern machen Druck
Der Druck der Eltern und der öffentlichkeitswirksame Auftritt der Gymnasiasten zeitigte Erfolg. Bereits am ersten Schultag nach den Ferien präsentierten CDU- und SPD-Fraktion ein gemeinsames Konzept zur Sanierung. Für 40 Millionen Euro sollen das Gymnasium und zwei weitere Mülheimer Schulen renoviert werden, allerdings mit Hilfe privater Partner, die noch zu finden wären. Am 11. September geht das Konzept in den Rat.
Dass viele Städte ganz erhebliche Probleme haben, ihre Schulen wieder in Form zu bringen, das weiß auch Angela Faber, Bildungsreferentin des Deutschen Städtetages: „Die Mittel, die die Kommunen für den Bau, die Erhaltung und die Ausstattung ihrer Schulen vom Land erhalten, die sogenannte Schul- und Bildungspauschale, reicht in vielen Fällen überhaupt nicht aus. Zumal die Städte nun gehalten sind, so schnell wie möglich den offenen Ganztag einzuführen. Heißt: Sie müssen Mensen einrichten, so viele und so schnell es geht. Das Geld jedoch kann nur einmal ausgegeben werden”, sagt Angela Faber.
Und das sogenannte Turbo-Abitur, die Hochschulreife nach acht statt bisher neun Jahren, tut ein Übriges, weil die jüngsten Gymnasiasten ihr Pensum bis tief in den Nachmittag hinein absolvieren müssen. Auch da machen die Eltern Druck, weil sie ihre gerade mal zehn-, elfjährigen Kinder ungern zwischen der sechsten und siebten Stunde in den Fluren geparkt sehen mögen, mit dem Butterbrot in der Hand statt einem warmen Mittagessen auf dem Teller. Angela Faber: „Die Städte kriegen das nicht hin. Sie brauchen einfach mehr finanzielle Hilfe vom Land!”
Wie geschockt sie war, als die kleine Sarah mit dem Asthma-Spray aus dem Sportunterricht verschwand, mag Angela Effing-Sagel, die Schulleiterin der Essener Dürer-Schule nicht vergessen. Erst nach diesen Sommerferien hatte sie die Schule, einen dickbäuchigen backsteinernen Bau von 1885, als Leiterin übernommen. Sie tat es gerne. Obwohl die Arbeit an einem sozialen Brennpunkt wie diesem, mit 70 Prozent ausländischen Schülern, beileibe keine leichte Aufgabe ist.
Eine neue Turnhalle
Noch vor wenigen Monaten sah es so aus, als ob die Schule wegen der sinkenden Schülerzahlen ganz schließen müsste. Doch dann begehrten die Eltern auf, sammelten Unterschriften, besuchten die Ratssitzung. Wohl auch weil die Dürer-Schule die einzige nicht-konfessionelle Schule des Vorortes ist.
Nun wird der Bau für 600 000 Euro renoviert, erhält er eine neue Dachkonstruktion, weil die alte so morsch ist, dass die Fassade abzubrechen droht. Und eine neue Turnhalle wurde ihnen versprochen. Ob die jedoch den Sprung schafft, von der Prioritätenliste der städtischen Verwaltung in die Wirklichkeit, lässt sich bislang noch nicht absehen. Allem Schimmel zum Trotz.
Denn Essen ist klamm, steht unter Haushaltssicherung. Und obwohl man auch in diesem Jahr 32 Millionen für Sanierungsarbeiten in den 179 Schulen ausgibt, und eben so viel in den nächsten beiden Jahren, „gibt es noch sehr heftig viel zu tun”, sagt Karlheinz Schnare vom städtischen Amt für Immobilienwirtschaft.
Am Mülheimer Karl-Ziegler-Gymnasium zittert man derweil dem 11. September entgegen, an dem der Stadtrat über die Sanierung der Schule entscheiden will. Elternvertreter Lutz Braukmann: „Dass da bloß nichts mehr schiefgeht!”








19 Kommentare
Aber Hauptsache, in Thüringen gibt es elektronische Wandtafeln !
Ja, so gehn wir mit unserer Zukunft um. Der Zustand der Schulen spiegelt den Stellenwert der Bildung in unserem Lande wider.
Greift da nicht das Arbeitsschutzgesetz? Den Lehrern und Eltern kann man nur empfehlen sich an die entsprechenden Stellen in Düsseldorf zu wenden.
Wo sind die Verantwortlichen der Vergangenheit? So geht es, wenn es nur noch um Geld und Profit geht. Das Thema Bildung und Kinder wird nur vorangeschoben, aber es passiert nichts. Auf dem Rücken der Kinder und Eltern werden die parteipolitischen Sichtweisen ausgetragen. Leider. Wen sollen unsere Kinder eigentlich demnächst wählen??? Wen können die Kinder zur Rechenschaft ziehen?
Was passiert eigentlich mit einer Pommesbude, wenn die so aussieht und nach einer Aufforderung nicht nachbessert?
Genau genommen müsste das zuständige Gesundheitsamt die Schule dicht machen.
Aber wer ist der Schuldige? Natürlich immer der Andere!
Und was sagt die die Schulministerin aus NRW dazu???
NICKES, sie lächlet nur
ABER DAS IST DAS EINZIGSTE, WAS SIE GUT KANN....
Als ich die Schlagzeile sah und und den Artikel überflogen hatte, wollte ich mit der Schulter zucken. “So war das doch schon vor fünf Jahren oder vor zehn oder vor X Jahren”, habe ich gedacht. Öffentliche Gebäude sind nie ordentlich abgeschrieben worden, dann wären nämlich Rücklagen gebildet worden und die Sorgen wären kleiner. Maschinen, Einrichtung und Gebäude müssen doch in jeder stinknormalen Firma abgeschrieben werden. Haben die Kommunen aber nicht gemacht.
Dann wird das Schwimmbad eben abgerisssen und die Gemeinde ist wieder eine Sorge los oder sie halst diese Sorgen irgend einem privaten Trägerverein von engagierten Schwimmsportliebhabern auf.
Bei den Schule geht das nicht so einfach.
Meine 5 Cent: Die Schulen werden in Teilbereichen privaten Unternehmen überlassen. Die jetzt durch Erlass verordnete Schulspeisung kann doch durch MCDoof übernommen werden.
Der Zustand der Schulen ist das Spiegelbild unseres Staates.Hauptsache unseren Politikern geht es gut und sie jagen von einem Empfang zum anderen, machen schön Wetter und lassen es sich gut gehen. Wann gehen wir Bürger endlich auf die Strasse und zeigen den bornierten und hohlköpfigen Dummschwätzern in Berlin mal wo der Hammer hängt.
Es sagt viel über eine Gesellschaft aus, wenn man sich anschaut, wieviel ihr ihre Kinder wert sind!
Aufbau Ost
Aufbau Afghanistan
Finanzierung der EU
Bei so grosse Aufgaben sind unsere Kinder
doch nur ein Klotz am Bein.
Ich frag mal dumm?
Können wir die Kinder nicht abschaffen,
dann bräuchten wir keine Schulen mehr
und schon ist das Problem gelöst.
Vom Osten lernen, means winning!
„Eltern [sind] aran gewöhnt, regelmäßig selbst aktiv zu werden. Sie putzen, streichen, nähen Gardinen ..."
Aber 40 Jahre lang siegten und jubelten die Guten;
verhöhnten, den guten Teil Deutschlands!
Nur gut,dass Eltern in so vielen Kommunen aktiv sind.Sonst würde gar nichts geschehen.
Nicht vergessen,dem Ministerium auch aus den Städten Dampf machen.
Siehe Ganztag im Sek.I und Sek.II Bereich.
Das Geld reicht hinter und vorn nicht aus!!!!
Seit 19 Jahren wird der Osten des Landes mit großzügiger Unterstützung der westichen Städte aufs Feinste saniert, auch die Schulen und Universitäten sind besser ausgerüstet als die hiesigen. Nun wird es endlich Zeit, daß die inzwischen entschuldeten Oststädte den unsrigen mal unter die Arme greifen!
Rat an alle jungen Menschen: 3 Jahre keine Kinder in die Welt setzen. Konsequent. Dann wissen auch unsere Politikernieten, dass es so nicht weitergehen kann.
Auch meine Kind geht in eine stark renovierungsbedürftige Schule im schönen Dinslaken. Lieber wird ein Stadthaus gebaut und viel viel Geld für komische Skulpturen ausgegeben
Jede(r) kennt "Geldverschwendung" in seiner/ihrer Kommune. Es wird Zeit, daß wir Eltern uns zusammenschließen und für bessere und angemessene Lernorte für unsere Kinder streiten.
Zukunft ist nicht kostenlos zu bekommen.
Wir können nicht auf den demografischen Wandel warten, der Schulen unnötig macht.
Gute Bildung für unsere Kinder, jetzt!!!
32 Millionen € für 179 Schulen. Hier ist schon Flickschusterei von vorn herein angesagt. 32 Millionen € sind zwar bestimmt nicht wenig Geld für eine Stadt wie Essen . Doch wer ja zur Kulturhauptstadt sagt der sollte auch ja zu neuen Schulen sagen und sich auf seine Pflichten besinnen.
Bringt endlich das "Elefantenklo" zum Schrotthandel. Vom Erlös ließen sich viele Töpfe Farbe für heruntergekommene Schulen erwerben. so hätte dieses" Kunstwerk" endlich einen sinnvollen Nutzen.
Strafanzeige erstatten! Bei jedem Schäferhund, der so gehalten würde, käme der Tierschutz und der Staatsanwalt. Bei Kindern spielt es offensichtlich keine Rolle. Sind Tiere eigentlich wichtiger?????
Fragt vielleicht auch mal einer nach den Lehrern, die in solchen schimmelverseuchten (Sport)Anstalten arbeiten müssen? Das ist übrigen bei den maroden Bauten nur eins von vielen Problemen.In keiner Firma wären solche Zustände möglich.
Eingaben an den Dienstherrn werden regelmäßig mit einem Schulterzucken beantwortet