Arbeiterwohlfahrt : Armut bedroht die Gesellschaft
Düsseldorf. Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) registriert eine Zunahme von Verwahrlosung, Zerfall von Familien, Wut und Gewalt. Folgen der sich ausbreitenden Armut seien das – und Folgen einer gescheiterten Politik.
Die Armut hat nach Ansicht der Arbeiterwohlfahrt in einzelnen Stadtteilen von NRW ein so großes Ausmaß angenommen, dass unsere Demokratie und Gesellschaftsordnung gefährdet sind. 2,1 Millionen Menschen seien in NRW arm; jedes vierte Kind ist von Armut betroffen.
"Die Leute prügeln sich um einen vorderen Platz in der Schlange"
„In Zeiten wirtschaftlichen Wachstums gelang es in NRW nicht, die Armutsquote nennenswert zu senken”, wirft AWO-Landeschef Gunder Heimlich anlässlich der AWO-Fachtagung „Armut bedroht unsere Gesellschaft” der Politik vor. Die Regierungen kümmerten sich zu wenig um die Ursachen von Armut. „Die Politik verabschiedet sich zudem von sozialstaatlichen Ansprüchen für arme Menschen und verlässt sich auf ein wachsendes Almosenwesen.” Mittlerweile existierten 800 örtliche Tafeln für arme Menschen – „moderne Suppenküchen”.
Die gesellschaftszerstörerische Wirkung von Armut erlebt Thomas Rüth vom AWO-Jugendhilfe-Werk täglich in einzelnen Siedlungen von Essen-Katernberg. „Die Schlangen vor unserer Suppenküche werden immer länger”, erzählt Rüth. „Wir erleben zunehmend, dass sich Leute um einen vorderen Platz in der Schlange prügeln; in den Schulen fallen Kinder wie hungrige Wölfe über das Frühstück her – und kommen selbst im Winter ohne Socken in den Unterricht.” Verwahrlosung, Zerfall der Familie, Wut und Gewalt seien zwangsläufig Folgen von Armut.
Regionale Ungleichheit
Armut sei regional äußerst ungleich verteilt: In verschiedenen Bezirken Essens lebten 65 Prozent der Bewohner in Armut. Rüth wirft der Politik vor, sich im Ruhrgebiet mehr um den reichen Süden als um den armen Norden zu kümmern: „Bei uns sind Kindergärten und Schulen deutlich verwahrloster als im Süden – das ist skandalös, man raubt den Kindern ihre Chancen.”
PEN-Präsident Prof. Johano Strasser hält die neoliberalen Auswüchse der vergangenen Jahre für eine Ursache für die Zunahme von Armut, da diese den Sozialstaat durchlöchert hätten: Der Niedriglohnsektor sei nun so groß wie in den USA, das Rentenniveau so niedrig wie fast nirgendwo in Europa. Ohne eine gerechtere Verteilung des erarbeiteten Volksvermögens sinke die Zustimmung zur Demokratie immer weiter – und gefährde die Basis unserer Gesellschaft.
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