Diplomatie : US-Generalkonsul geht von Düsseldorf nach Kabul

Düsseldorf. Matthew G. Boyse, amerikanischer Generalkonsul in Düsseldorf, räumt seinen Schreibtisch und zieht nach Kabul. Was danach kommt, weiß er nicht - und es ist ihm auch egal. "Für mich zählt die aktuelle Aufgabe", sagt er.
Lebensplanung? Dieser Begriff ist Matthew G. Boyse fremd. Grundsätzlich. Der Mann ist bereits froh, wenn er seiner fünfköpfigen Familie eine Drei-Jahres-Garantie bieten kann – mehr Vorausschau sitzt nicht drin. Familie Boyse hat sich daran gewöhnt. Zwangsläufig. Das ist der Preis des diplomatischen Dienstes. Seit knapp drei Jahren arbeitet Matthew Boyse als amerikanischer Generalkonsul in Düsseldorf.
Zuvor, genauer: seit 1986, hat der 51-Jährige die Interessen seines Heimatlandes in London, Dhaka, Moskau, Warschau, Berlin, Neu-Delhi und Washington vertreten. Schnelles Eingewöhnen, schnelle Abschiede – das ist seine Welt. In wenigen Tagen wird er auch die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt wieder verlassen. Sein neues Ziel: Kabul. Ein Jahr lang wird er in der afghanischen Metropole residieren. Und danach? Matthew Boyse weiß es nicht. Es ist ihm auch egal. „In unserem Beruf ist es schwierig, langfristige Pläne zu machen, deswegen zählt für mich die aktuelle Aufgabe. Der ständige Wechsel ist nicht einfach, aber er hat seine Vorteile: Man bekommt viele Impulse von außen, man bleibt frisch.”
Diese Form der erzwungenen Selbstlosigkeit ist eine der Grundvoraussetzungen, um in der Welt der Diplomatie bestehen zu können. Eine weitere Bedingung: die Bereitschaft, jeder Regierung bedingungslos zu folgen, die eigene Meinung vollkommen zu ignorieren. Man könnte auch sagen: opportunistisch zu sein. Bei Matthew Boyse hört sich diese besondere Variante der Hörigkeit folgendermaßen an: „Wie in Deutschland arbeiten wir für den, der die meisten Stimmen bekommt. Das bedeutet, dass es vorkommen kann, an einem Tag eine Politik zu vertreten und am nächsten eine andere. Man darf nicht ideologisch sein, sondern sorgfältig, nüchtern und pragmatisch.”
Diesen Anspruch hat er längst verinnerlicht. Matthew Boyse hat sich intensiv mit dem Kaschmir-Konflikt beschäftigt, ebenso mit Arbeits- und Sozialfragen, der Energiepolitik und der zivilen Luftfahrt. Er ist, wie man so sagt, breit aufgestellt. Sein besonderes Interesse, seine Leidenschaft aber gilt Osteuropa, den Ereignissen vor und nach der Wende. Die Periode, als aus Diktaturen Demokratien wurden. „Eine faszinierende Zeit”, betont er – die leider im Sog der Aktualität immer mehr in Vergessenheit gerate. An einer Wand seines Arbeitszimmers hinter dem Düsseldorfer Hauptbahnhof hängen sieben Auszeichnungen – darunter ein spezielles Lob für seine Bereitschaft, die schwierige polnische Sprache zu erlernen. Darüber hinaus spricht er perfekt Deutsch und Russisch.
Auf einem Stuhl liegt eine Erinnerung an den letzten amerikanischen Wahlkampf – ein Obama-Schild. Auch er spürt die große Sympathie der Deutschen für den neuen US-Präsidenten Barack Obama. Wie es sich für einen diplomatischen „Gastarbeiter” gehört, lobt Matthew Boyse seine „zweite Heimat”. Aber es klingt ehrlich, wenn er von den „ungeheuer stimulierenden Regionen und Menschen” und den „vielen attraktiven kulturellen Veranstaltungen” schwärmt. Im Sommer hat er seine Familie um sich, die den Großteil des Jahres im US-Bundesstaat Connecticut lebt. Zwei seiner Kinder sind auf einem Internat, der 19-jährige Sohn studiert bereits. Mit der gebotenen diplomatischen Zurückhaltung berichtet Boyse, dass die Deutschen eine besondere Form der kritischen Sympathie gegenüber den USA pflegten. „Ich habe oft erlebt, dass man in Deutschland lieber auf strittige Details unserer Politik oder Gesellschaft fokussiert ist und dabei das ganze Verhältnis – was so positiv für unsere beiden Länder ist – aus den Augen verliert.” „Dazu”, fügt er hinzu, „passierte es mir regelmäßig, dass Menschen Meinungen vertreten haben, ohne wirklich Ahnung über wichtige Einzelheiten zu haben.”
Dieser Einstellung begegnet Matthew Boyse dennoch mit großer Gelassenheit. Weil er sich daran gewöhnt habe, sagt er, „dass Amerika oft für Dinge verantwortlich gemacht wird, selbst wenn die Sachverhalte oder Ursachen viel komplizierter sind”.
















