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Religion

Kirche kostenlos?

13.08.2009 | 19:14 Uhr

Ruhrgebiet. Sakramente ohne Kirchensteuer, Rechte ohne Pflichten? So könnte es bald kommen, sollte ein entsprechendes Urteil des Freiburger Verwaltungsgerichts auch in der nächsten Instanz bestätigt werden.

Das Urteil hätte weitreichende Folgen für die finanzielle Verfassung der Kirchen und für ihre Mitgliederentwicklung. Erstere könnte unsicherer werden, die Austrittswelle könnte jedoch abebben.

Kirchensteuer einer der Hauptgründe für den Austritt

„Bei den Gründen für einen Austritt steht die Kirchensteuer sicher an erster Stelle”, sagt Heribert Kleine, Leiter der Abteilung „Gemeinde und Lebensraum” im Bistum Essen. „Immer wenn es auf den Dezember zugeht, wenn das Weihnachtsgeld ansteht oder Veränderungen im Steuerrecht, macht sich das bei den Austritten bemerkbar.”

Eine Abhängigkeit der Austritte von der wirtschaftlichen Situation beobachtet auch die evangelische Kirche im Rheinland. Nachdem die Austritte ein Jahrzehnt kontinuierlich zurückgingen auf rund 13 600 im Jahr 2007, scheint sich der Trend im Krisenjahr 2008 umgekehrt zu haben. Die endgültigen Zahlen liegen noch nicht vor, doch Sprecher Jens Peter Iven sagt: „Ich glaube, dass die Finanzen eine Rolle spielen.”

Es geht um 9 Prozent der Lohn- und Einkommenssteuer

Die Kirchenvertreter sind sich einig: Will man Menschen zurückgewinnen, kommt irgendwann auch die Rede aufs liebe Geld. Es geht um 9 Prozent der Lohn- oder Einkommenssteuer. Wer etwa 3000 Euro brutto verdient, zahlt als Verheirateter 24,86 Euro. „Wir müssen transparent machen, warum wir die Kirchensteuer erheben”, sagt Kleine. „Sie sichert Arbeit, macht sie verlässlich”, erklärt Iven. Man könne verbindlicher planen als etwa in Italien, wo die Menschen selbst entscheiden, welcher Organisation ihre Kultursteuer zu Gute kommen soll.

Tatsächlich ist die Kirche nach eigenen Angaben der zweitgrößte Arbeitgeber im Lande. Etwa zwei Drittel der Kirchensteuer werden für Personal aufgewendet, für Seelsorge, für Jugendarbeit und Altenbetreuung zum Beispiel. Für „öffentliche soziale Zwecke” allerdings, kritisiert der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten, blieben nach kirchlichen Angaben nur höchstens 8 Prozent übrig. „Die Kosten von kirchlichen Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern, Altenheimen werden fast ganz – zwischen 85 und 100 Prozent – aus öffentlichen Mitteln . . . gedeckt.”

Angst vor der internen "Steuerflucht"

Sollte das Verwaltungsgericht Freiburg nun Recht behalten, könnten sich Gläubige künftig von der Kirchensteuer per Erklärung freimachen, ohne ihre Mitgliedschaft zu verlieren. In Teilen der Kirche geht die Angst um vor der internen „Steuerflucht”. Aus der Reaktion des Erzbistums Freiburg auf das Urteil geht dies hervor. Der Essener Bistumssprecher Ulrich Lota wiegelt allerdings ab: „Nein”, solche Folgen sähe er nicht. Die Kirche habe seit langem klar gemacht: Wer den Austritt erklärt, der will gar nicht mehr in der Kirche sein. Also: Exkommunikation in diesen Fällen. Man will intern die Steuer zur Pflicht machen. 

Stabilität wird hoch geschätzt im Ruhrbistum, das durch Strukturwandel und Bevölkerungsschwund ohnehin gebeutelt ist. Im laufenden Jahr werden die Einnahmen wohl noch einmal um 15 Prozent unter denen des Vorjahrs liegen, rechnet Lota vor, und das bei einem Schuldenberg von 40 Millionen Euro. Auch die Austritte liegen bisher auf dem Niveau von 2008. 4267 Menschen hatten da der Ruhrgebiets-Kirche den Rücken gekehrt.

Debatte kommt so oder so

Es mag überraschen, aber vor diesem Hintergrund sieht die katholische Kirche die Zukunft nicht mehr unbedingt im Kirchensteuersystem. Die Einnahmen werden bei zurückgehenden Mitglieds- und Bevölkerungszahlen sowie einer höheren Belastung durch staatliche Abgaben nicht mehr reichen – egal, ob das Urteil des Freiburger Urteil bestätigt wird oder nicht. Die Debatte komme, sagen viele, so oder so.

Dietmar Seher und Thomas Mader

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Kommentare
23.08.2009
16:49
Kirche kostenlos?
von MWirth | #19

Sehr geehrter Herr Modenbach!

Warum beantworten Sie gestellte Fragen nicht? Haben Sie keine Argumente für eine sachlich fundierte und nachvollziehbare Gegenrede?
Vielleicht war das Nuhrsche Zitat auch ein Selbst-Appell .... wer weiß?

23.08.2009
11:14
Blockierter Kommentar.
von daniel.otto | #18

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

21.08.2009
17:38
Kirche kostenlos?
von pantelitz | #17

@chbeard
An der Ausbildung von Betriebswirten und Ingenieuren ist die gesamte Bevölkerung interessiert. Aber nicht an der Ausbildung von Pfarrern und theo-logischer „Forschung“, die meist diesen Namen nicht verdient. Daher sollten solche Einrichtungen aus Kirchensteuern und Spenden bezahlt werden. Bei den von Ihnen genannten Bereichen wird Weltliches und Religiöses vermischt., Seelsorge ist eh keine weltliche Sozialarbeit. Warum sollte ein Krankenhaus konfessionell sein? Warum scheut man sich nicht, Kindergartenkinder religiös zu indoktrinieren? Warum kontrollieren die Kirchen in Deutschland über den Daumen geschätzt eine Million Arbeitsplätze? Ich bin dafür, die übermäßige Macht der Kirchen, die im übrigen in der Bibel keine vernünftige Basis hat, einzuschränken. Wer religiösen Service möchte, sollte das aus eigener Tasche bezahlen.

16.08.2009
23:08
Kirche kostenlos?
von chbeard | #16

Kirchen genießen steuerliche Vorteile - das ist aber kein Privileg, das nur ihnen zukommt: Gemeinnützige Vereine und Verheiratete genießen ebenso steuerliche Vorteile.

Der größte Teil der Kirchensteuer wird für das kirchliche Personal aufgewendet, das fast immer im sozialen Bereich tätig ist: Jugendarbeit, Altenarbeit, Seelsroge, Menschen in den Krisen und Festen ihres Lebens begleiten. Ist das sozialer Bereich? Oder ist das alles Missionsarbeit?

Der Staat trägt die Kosten für die theologischen Fakultäten. Die Ausbildung von Betriebswirten wird auch vom Staat finanziert. Genauso diejenige von Ingenieuren, die später in der freien Wirtschaft arbeiten. Wo ist das Problem?

Klar könnte er. Aber der säkulare liberale Staat darf die Aufgaben der Kirchen, der Parteien, der Gewerkschaften und anderer Verbände in der Gesellschaft nicht übernehmen. Sonst wäre er ein totaler Staat.

14.08.2009
21:29
Kirche kostenlos?
von pantelitz | #15

@Pater Siegfried Modenbach SAC

Trifft es zu, dass der größte Teil der Kirchensteuern für das kirchliche Personal und die Missionsarbeit verwendet werden, so dass für den sozialen Bereich nur etwa 20 Prozent übrig bleiben?

Trifft es zu, dass der Staat u.a. die Kosten für die theologischen Fakultäten, die meisten Bischofsgehälter, die Ausbildung und Gehälter der Religionslehrer und für die Militärseelsorge übernimmt? Insgesamt einige Milliarden Euro jährlich?

Trifft es zu, dass der Staat gegenüber den Kirchen jedes Jahr auf mehrere Milliarden Euro an eigentlich fälligen Steuern verzichtet?

Wäre es da nicht denkbar, dass bei einer tatsächlichen Trennung von Kirche und Staat Letzterer den jetzigen finanziellen Teil der Kirchen übernehmen könnte?

14.08.2009
20:26
Kirche kostenlos?
von MWirth | #14

Sehr geehrter Herr Modenbach,
.... wenn man keine Ahnung hat ....

Warum trägt die öffentliche Hand - in Bochum 85% - der Betriebskosten eines konfessionellen Kindergartens und hat dafür kein Mitspracherecht?
Warum wird gerade in Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft auffallend stark gemobbt? (Ich habe einige Jahre eine Mobbing-Selbsthilfegruppe unterstützt).
Warum müssen Bischöfe so viel wie Ministerialdirigenten verdienen, d. h. über 10.000 Euro zuzüglich geldwerter Vorteile (wie Dienstwagen mit Fahrer, preiswerter Wohnraum etc. ..).
Warum wird die Priesterausbildung aus der öffentlichen Hand bezahlt?
Warum gab es Millionenzuschüsse für den Weltjugendtag in Köln (Stadt Köln, Land NRW und EU)?
....

Wer mehr über die finanziellen Gebaren der Kirchen wissen möchte, möge das folgende Buch lesen: Carsten Frerk (Finanzen und Vermögen der Kirchen in Deutschland)
Die dortigen Fakten werfen ein ganz anderes Licht auf die Wohltätergemeinschaft Kirche.
Herr Modenbach, hören Sie endlich auf mit der Kirche als Institution von Gut-Menschen - die Kirchen sind knallharte Wirtschaftsunternehmen, die nur solange mildtätig sind, wie sie es finanzieren können!
Geld gegen Seelentrost - das ist der Deal der Kirchen!
Wie lange wird den Menschen noch Sand in die Augen gestreut?

Nachtrag:
Die Einsparung der Kirchensteuer hat mich damals nicht zum Austritt veranlasst sondern vielmehr die Erkenntnis, das Religion ein Eingriff in meine Sicht von Freiheit darstellt. Ich diene keinem Herrn mit einem Absolutheitsanspruch - siehe das 1. Gebot!

14.08.2009
17:35
Kirche kostenlos?
von Pater Siegfried Modenbach SAC | #13

Überall dort, wo sich die Kirche zurückziehen wird aus Aufgaben, die sie nur bewältigen kann aufgrund der Kirchensteuermittel, die ihr dafür zur Verfügung stehen, wird der Staat von heute auf morgen einspringen müssen, z. B. im Sozial- und Pflegebereich, Kindergärten, Altenheime, Krankenhäuser etc. pp. Und der Staat wird das dann natürlich alles viel kostengünstiger und besser machen! Das wird sich bestimmt für alle lohnen, die diese 8, bzw. 9% der Lohnsteuer eingespart haben! - Dazu sage ich nur: Oh Mann, wie naiv seid Ihr eigentlich!? Und manchen hier, die irgendwelche Kommentare vom Stapel lassen, möchte ich immer wieder gern mit Dieter Nuhr sagen: Wenn du keine Ahnung hast, einfach mal Fresse halten!

14.08.2009
17:05
Kirche kostenlos?
von hettep | #12

Ich glaube an Gott aber die Kirche brauch ich nicht!

14.08.2009
11:22
Kirche kostenlos?
von moby | #11

Es gibt Gemeinden, in denen die Pfarrer alles auf Laienhelfer delegieren: Laien teilen die Kommunion aus, Laien predigen, Laien leiten die Beerdigung. Meine Mutter ist seit über 70 Jahren in der katholischen Kirche und denkt jetzt (!) über Austritt nach, weil sie eine Betreuung von geltungssüchtigen Möchtegern-Cristen nicht mehr will. Wenn ich dann lese die Kirche muss ja auch finanziert werden frage ich mich, für was?

14.08.2009
10:40
Kirche kostenlos?
von Argus | #10

Die Menschen brauchen doch offensichtlich zum Koksen und Komasaufen jeden Cent. Auch bei Beerdigungen ihrer Lieben denken sie nur ans Erben, nicht an einen würdigen Abschied.

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