Interview zum...
IW-Chef Hüther: "Die Knautschzone hat gehalten"
31.12.2009 | 12:35 Uhr 2009-12-31T12:35:00+0100
Köln. Michal Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, äußert sich im Interview mit der WAZ-Mediengruppe trotz Krise verblüffend zuversichtlich für das kommende Jahr - allerdings müssten die deutschen Unternehmen nun aufs Gaspedal treten, nicht auf die Bremse.
Der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther (47), gehört zu den führenden Ökonomen, die entschieden marktwirtschaftliche Positionen vertreten. Seit fünf Jahren steht er an der Spitze des arbeitgebernahen Instituts. Trotz der Wirtschaftskrise zeigt sich der Top-Ökonom verblüffend zuversichtlich für das Jahr 2010. Und er fordert einen Tapetenwechsel für die deutsche Wirtschaft. Er selbst hat vor wenigen Wochen ein neues Büro bezogen. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) befindet sich nun in einem modernen Quartier am Kölner Konrad-Adenauer-Ufer, direkt am Rhein.
Wenn die Wirtschaft ein Patient wäre und Sie der Arzt, welche Medizin würden Sie verschreiben?
Hüther: Nach dem Schock gab es die Gefahr einer lang anhaltenden Depression. Da waren Anti-Depressiva notwendig. Dann ging es darum, den Kreislauf zu stabilisieren. In dieser Phase befinden wir uns immer noch, wenn ich etwa an den Bankensektor denke. Bald ist eine Fitnesskur angesagt, damit der Standort wieder seine geschwächten Muskeln aufbaut. Ich empfehle dem Patienten, künftig Exzesse zu vermeiden und sich nicht auf die falschen Partys zu begeben.
Erwarten Sie Rückschläge bei der Genesung?
Das nächste halbe Jahr ist kritisch, geht es gut, wird die Wirtschaft über den Berg sein. Aber damit sind nicht alle Probleme gelöst. Die Arbeitslosigkeit wird steigen, aber das reißt uns nicht in den Abgrund.
Kann es nach der Krise weitergehen wie bisher?
Nein, wir stehen vor gewaltigen Aufgaben. Die Antworten der Bundesregierung sind eher enttäuschend. Das sogenannte Wachstumsbeschleunigungsgesetz, immerhin das Startprogramm der neuen Koalition, ist leider zu 80 Prozent verfehlt.
Was ist das Arbeitsprogramm für 2010?
Je mehr die Krise ausläuft, desto stärker rücken Standortentscheidungen in den Vordergrund. Nach Jahren schwacher Investitionstätigkeit wird es darum gehen, den Unternehmen Anreize für Beschäftigung in Deutschland zu geben – etwa durch ein einfaches, innovationsorientiertes Steuersystem und einen weiterhin flexiblen Arbeitsmarkt mit hoch qualitativem Angebot. Auch die langfristige Wachstumsvorsorge durch Bildungs-, Klima- und Ressourcenpolitik wird wichtiger.
Hat der Schock der Wirtschaftskrise eigentlich Ihr Vertrauen in die Wirtschaftsordnung erschüttert?
Die Grundfesten sind nicht erschüttert, sogar im Gegenteil mit Blick auf Ordnungsfragen der Marktwirtschaft eher gestärkt. Zweifel an der Robustheit des bisherigen Finanzsystems sind allerdings gerechtfertigt. Auch mich haben Dimension und Zeitpunkt des Zusammenbruchs überrascht. Wer hätte gedacht, dass aus der fatalen Verkettung von Bankbilanzen diese gesamtwirtschaftliche Schockwirkung resultieren würde?
Wie lautet Ihre Überschrift für 2009?
Der Test auf die Robustheit unserer offenen Wirtschaftsordnung war erfolgreich.
Ganz schön optimistisch.
Eher realistisch. Wir sind doch vergleichsweise glimpflich davongekommen. Um erneut mit einem Bild zu sprechen: Ein S-Klasse-Wagen ist mit ziemlichem Tempo gegen eine Betonwand gefahren. Aber die Knautschzone hat gehalten, und wir fahren wieder.
Der Publizist Meinhard Miegel fordert eine Abkehr vom Wachstums-Dogma. Hat er Recht?
Mich irritiert an einer solchen Diskussion, dass sie den Eindruck erweckt, es sei sinnvoll, ein geringeres Wachstum als Ziel auszugeben. Ordnungspolitisch ist Wachstum Ausdruck der Tatsache, dass in einer Gesellschaft der Freien jeder jeden Tag etwas anders – und zwar meistens besser – machen kann als bisher. Wachstum ist so verstanden im freiheitlichen Ordnungskonzept unvermeidbar.
Welche Wachstumsquote brauchen wir?
Zunächst ist nicht die Zahl, sondern das Ziel entscheidend. Nämlich, dass alle in der Gesellschaft vorhandenen Beschäftigungswünsche befriedigt werden. Unter den gegebenen Umständen brauchen wir über mehrere Jahre etwa zweieinhalb Prozent Wachstum, um dieses Ziel zu erreichen. Bei einem weiter flexibilisierten Arbeitsmarkt wäre diese Beschäftigungsschwelle durchaus geringer.
Ist Vollbeschäftigung denkbar?
Wir könnten das erreichen, wenn wir es richtig angehen. Dazu gehört eine Bildungsstrategie für Geringqualifizierte. Wir müssen auch die Chancen von Zuwanderern verbessern. Wir packen ausländische Bildungsabschlüsse mit viel zu spitzen Fingern an. So animieren wir Migranten geradezu, Taxifahrer zu werden. Wir haben Jahrzehnte der Verlogenheit auf allen politischen Seiten hinter uns, die uns teuer zu stehen gekommen sind. Die Bundesregierung will hier – wie mit einem Integrationsvertrag – wichtige Schritte gehen, das ist sehr zu begrüßen.

15:17
Schön, dass die Knautschzone gehalten hat. Nur woraus besteht sie eigentlich? Antwort: Aus den Arbeitnehmern.
17:51
Richtig ist: Das Startprogramm der neuen Koalition, ist leider zu 80 Prozent verfehlt, wenn man mindestens hinzufügt.
Ansonsten: Ein schwaches Bild mit schwachen und falschen Aussagen, für einen Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft....!
16:15
So, das nur mal als Denkanregung fürs neue Jahr. Ansonsten auch von mir einen guten Rutsch.
16:11
@Fallari
Ja, sind wir denn jetzt alle daccord? ;-) Das Allmende-Prinzip spielt ja auch in der Software-Entwicklung eine gewisse Rolle (Open Source).
Ich fürchte nur, der Herr Hüther ist sich zu vornehm dafür, mal was dazu zu schreiben. Der direliert lieber in seinen neo-klassischen Theoriegebäuden.
Ich finde es aber viel spannender, die Leute mit ihren eigenen Mitteln zu widerlegen. Beginnend halt bei der völlig schwachsinnigen Definition des Bruttoinnlandprodukts.
Man könnte z.B. mal den Fall des iPhone-Programmierers genauer betrachten, der ein Jahr lang eine ähäm-App entwickelt, dann sein Programm mit 100000 anderen Apps der Konkurrenz aussetzt und dann mittels Social-Community-Prinzip mit einer Chance von 1/10000 unter die ersten 10 in der Hitliste gelistet wird, wo er dann vielleicht ein paar 10000 Euro verdient, also nicht einmal ein vernünftiges Jahresgehalt, weil nur auf den ersten 10 Plätzen wesentliche Downloadzahlen erzielt werden, aber Apple genau deshalb das große Geschäft macht, weil es mit allen 100.000 Apps verdient (on the long tail).
Das ist doch Turbo-Kapitalismus extrem! Konkurrenzprinzip total. Apple macht den Reibach, aber 90.000 freie Programmierer nagen nach 1 Jahr Selbstausbeutung am Hungertuch.
Solche Arbeitsverhältnisse hätte ich gerne mal mit dem Begriff Wirtschaftswachstum in Beziehung gesetzt unter Einbezug aller Folgekosten inkl. bettelnder Programmierer (auch nicht im BIP enthalten, was die einnehmen).
Gut, Apple macht Umsatz und steigert das BIP. Apple beschäftigt 35.000 Mitarbeiter und hält die in Lohn und Brot, die auch die Volkswirtschaft am laufen halten. Dafür beutet es aber 90.000 freie Programmierer aus, die sich am Ende des Jahres gar kein iPhone mehr leisten können, falls sie sich nicht überausbeuten und mehr als 40 Stunden die Woche arbeiten. Natürlich sehen viele von denen das als Freizeit-Hobby, aber ist es das? Und wie geht das dann in die BIP-Statistik ein.
Das ist Konkurrenz-Prinzip auf die Spitze getrieben. Sklavenarbeit ist humaner, da kriegt man wenigsten noch Essen und Trinken und eine Schlafmatte. Gut, es gibt ja heute die Tafeln. Da kann sich der Programmierer dann eine warme Mahlzeit holen. Und schlafen kann er im Obdachlosen-Asyl.
Herr Hüther kann ja dann mal den Beitrag von Apple zum BIP unter dieser Perspektive (Folgekosten) ausrechnen. Alles darunter wäre Wichtigtuerei.
15:39
@EonWerbung
Die Erdatmosphäre ist eine frei zugängliche, d.h. kostenlos nutzbare, natürliche Ressource. Das Konkurrenz-Prinzip ist hier aufgrund der uneingeschränkten Nutzbarkeit außer Kraft gesetzt. Die Pseudo-Wissenschaftler aus der VWL sprechen in diesem Zusammenhang schon seit längerem vom sog. Allmende-Problem.
15:37
@ DerSupaTypAusDerEonWerbung #25;
d’accord !!!
15:33
@ Falla #23
Eigentlich ganz einfach:
Die Soziale Marktwirtschaft hat eine ethische Grundlage, ein Bündnis zwischen dem Ordoliberalismus der Freiburger Schule Walter Euckens und der katholischen Soziallehre und der evangelischen Sozialethik. Alle drei Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft sind heute nicht mehr gegeben.
weiter hier:
http://www.op-online.de/nachrichten/politik/geissler-hadert-schwarz-gelb-mm-458249.html
15:30
Hartz IV wartet. Seht zu, dass es bis dahin abgeschafft wurde! Aktion gegen Hartz IV: 04.01.2010, Oberhausen, Arbeitsamt, Mülheimer Str. ab 08:00 Uhr.
15:28
@20 Es macht keinen Sinn über alte Begriffe zu streiten. Man muss sich mit dem zufrieden geben, was die Leute heute darunter verstehen. Der Begriff Ordo-Liberalismus ist ausreichend, um die Urheberschaft des Begriffs Soziale Marktwirtschaft zu klären. Ob wir tatsächlich eine solche haben, ist übrigens umstritten. Richtig ist, dass wir bei dem, was wir umgangssprachlich unter Neoliberalismus verstehen, eigentlich von Post-Liberalismus sprechen müssten, also einem Liberalismus, der beginnt, sich selbst als überholt zu betrachten. Z.B. unterstützt die FDP-nahe Friedrich-Nauman-Stiftung heute Militär-Regime in Honduras, was mit liberalen Freiheitsidealen nicht mehr erklärbar ist. Auch orientiert sich die praktische Politik der FDP heute im Ergebnis immer an den Interessen von Monopolen und Interessengruppen, weil sie von dort ihre Spenden bekommt, auch wenn der Brüderle mal über Zerschlagung von Kartellen schwadroniert. Letzteres dient nur der Aufrechterhaltung eines dünnen liberalen Mäntelchen. Umgangssprachlich wurde halt der Begriff Post-Liberalismus nicht ganz korrekt durch den Begriff Neo-Liberalismus ersetzt. Was solls. Daraus lässt sich keine Qualität der heute so bezeichneten Neo-Liberalen ableiten.
15:22
@#22 DieLinke
Erklären Sie mir bitte Ihre Möchtegern-These. Der kann ich noch nicht ganz folgen.