Zwischen Pott und Podolski
05.02.2009 | 17:55 Uhr 2009-02-05T17:55:00+0100Essen. 40 Jahre war Hans-Josef Justen Sportchef der WAZ. Freitag Abend verabschiedete sich die Revier-Legende in den Ruhestand.
Sachen hat der Mann erlebt, man fasst es nicht. Als er früher, also vor vielen, vielen Jahren, morgens auf Schalke fuhr, rief der Trainer, er hieß Horvath, Hans-Josef Justen zu: "Zieh` Dich um, spiel mit." Und der Wazmann, immer schon begeisterter Sportsmann, Schwimmer allerdings, zog sich um und spielte tatsächlich mit. Und wie? "Ich war die größte Gurke unter Libuda, Fischer und Rüssmann..."
Dieser Herr Hans-Josef Justen, den sie in der Redaktion alle nur "Hennes" nennen und manche auch "Jupp" - der hat Humor, und zwar den wertvollsten: die Gabe, sich selbst durch den Kakao zu ziehen. Der Vater fuhr 40 Jahre ein. Der Sohn machte das auch, als Ferienjob, auf Stinnes 3 in Gladbeck. Allerdings war der Jungmann handwerklich völlig unbegabt. "Ich behaupte heute noch, dass die Kohlekrise mit mir anfing . . ."
Justen hätte zum 'Stern' gehen können - Er blieb bei der WAZ
"Hennes" ist eine treue Seele. Seine Frau hat er nie gewechselt. Die heißt übrigens Helga oder auch: "die rote Helga", weil sie mal für die Gewerkschaft arbeitete. Eine engagierte Tierschützerin, weshalb bei den Justens daheim an Viechern Mangel nicht herrscht. Hans-Josef Justen hätte zum "Stern" gehen können nach Hamburg, als Sport-Reporter hätte er dreimal soviel verdient wie bei der WAZ. "Erich Brost, mein erster Chefredakteur, hat gesagt: Bleiben Sie hier!" Das hat gereicht. Justen blieb, das sollte man ehrlicherweise gleich mit erzählen, aber auch, weil er seine Schwächen kennt.
Eitel ist jeder anständige Journalist, Selbstbestätigung ist ein wichtiger Antrieb in einem in vielerlei Hinsicht aufreibenden Leben. Außerdem ist der tägliche Redaktionsschluss, das Spiel mit der Todeslinie, der "Deadline", für Justen eine Ersatz-Droge. Der tägliche Kick. Beim "Stern", da hätte er womöglich eine ganze Woche lang für den Papierkorb recherchiert. Oder auch mal sechs Wochen lang. Es mag Menschen geben, die so eine Schmach aushalten. Justen zählt jedenfalls nicht dazu.
Hans-Josef Justen wurde geboren am 26. Oktober 1943 in Gladbeck.
Nach Realschule und Mittlerer Reife schloss er eine Lehre als Bankkaufmann bei der Deutschen Bank ab. Dann Abitur auf dem zweiten Bildungsweg am Ruhrkolleg in Essen. Im Oktober 1966 fing er als Volontär bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung an.
Seit dem 1. April 1970 ist Hans-Josef Justen Ressortleiter Sport. Als Berichterstatter vor Ort war er bei acht Fußball-Weltmeisterschaften seit 1970 in Mexiko und sieben Olympischen Sommerspielen seit München 1972. Außerdem im Einsatz bei Leichtathletik-Europa- und Weltmeisterschaften, Eishockey-Weltmeisterschaften sowie Schwimm-Europameisterschaften.
Als Autor ist er an etlichen Buchveröffentlichungen beteiligt und Herausgeber des Ruhrgebiets-Fußball-Buches "Anpfiff".
Sportjournalisten haben Fertigkeiten, über die andere Kollegen nicht verfügen. Zum Beispiel können sie mit ihrem Text beim Schlusspfiff fertig sein. Das wäre so, als würde man von einem Feuilletonisten erwarten, eine Theaterkritik fertig zu haben, unmittelbar, nachdem der Vorhang gefallen ist. Früher, als Vieles wirklich noch anders war, musste der Sportmann schon mal Zweidrittel seines Textes in der Halbzeit liefern. Schnell muss er also sein, und wenn das Klischee vom rasenden Reporter auf irgendwen zutrifft, dann auf Sportreporter wie Justen. Und sicher im Urteil. Menschenkenntnis hilft. Erfahrung auch. "Ich habe viele Sportler als Weltmeister losfahren und als Kreismeister zurückkommen sehen." Wie Jürgen Hingsen, der ein Großer war, nur: Dailey Thompson war halt im entscheidenden Moment immer schneller. Nirgendwo lassen sich so schöne Geschichten schreiben von Fluch und Segen, von Glück und Tragik wie im Sport.
Eine Banklehre hat er gemacht. Darum war es so abwegig nun auch wieder nicht, als Schalke anfragte, ob er nicht dort ins Management kommen wollte. Weil Hans-Josef Justen hat, was wenige haben: Klugheit in eigener Sache, winkte er ab: "Zu gefährlich".
Gladbeck ist Zuhause - Mit dem Hund in den Wittringer Wald
Der "Hennes" ging dann nie weg. Schuld war auch Gladbeck. Früher Scheideweg, ("immer wenn der Satz vom Scheideweg fiel, an dem Leute stehen, hab` ich Angst gekriegt. Die stehen dann wieder alle vor meiner Tür . . ."). Heute Tunnelstraße 78d. Von dort aus fährt er los in den Wittringer Wald, den Hund im Gepäck. Dem Temperament seines derzeitigen verdankt er die gerissene Achillessehne.
Ein Ruhri ist er. Einer wie aus dem Lehrbuch beinahe. "Kein Bayer, kein Hamburger, käme auf die Idee, sich für seine Heimat zu entschuldigen. Wir schon. Ich habe das nie verstanden." Und weshalb nicht? "Deutschland hat doch jahrzehntelang von der Energie gelebt, die hier produziert worden ist." Sagt er also den patriotischen Satz: "Ich bin stolz, ein Ruhri zu sein?" Die Antwort kommt prompt: "Ja sicher", und schiebt nach: "Mein Vater hat 40 Jahre Untertage gearbeitet."
Und gerade weil er Ruhr-Patriot ist, hat ihn schon gewurmt, dass Bochum, auch noch in letzter Minute, die Loveparade absagte. Wie bitte - ein 65-jähriger Bodenständiger macht sich stark für dieses lärmige, bohemienhafte, zeigefreudige, antibürgerliche wie antiproletarische Massen-Spektakel? "Weil es dieser Metropole hier sehr geholfen hätte. Aber hingegangen wäre ich natürlich nicht..."
Mit Bayern München in Eriwan
Hans-Josef Justen ist so konservativ, wie die Ruhr-Sozialdemokraten (früher?) immer waren. Gottschalks Hundekot-Wette zeugt für ihn von Kulturverfall, ebenso wie das Dschungelcamp oder die Millionen-Gehälter der angeblichen Fußball-Stars, die sich nicht gehören, weil diese Kerle, ständig hat Justen es in seinen unendlich vielen Kommentaren und Kolumnen geschrieben, zu wenig leisten für zuviel Geld. Ehrliche, harte Arbeit, gutes Geld, anständig bleiben. Nicht drumrumreden, klare Ansagen. Tun, was zu tun ist. Anpacken. So ist der Ruhrmann Justen.
Und, wie gesagt, Sachen hat der Mann erlebt, man fasst es nicht. Bayern München spielte in Eriwan, diesem bewährten Kalauer-Ort am sibirischen Weltende. Von dort einen Text in die Heimredaktion durchzutelefonieren - Glückssache. Hans-Josef Justen kam nach vielen Versuchen schließlich durch. Und hatte am Deutschland-Ende der Leitung einen Menschen namens Wesemann. Doch der sagte immer nur denselben Satz zum frustrierten Sport-Reporter: "Ich höre nichts." Und Justen rief mit wachsenden Verzweiflung und anschwellender Stimme: "Herr Wesemann, Herr Wesemann, hören Sie mich?!"
Am nächsten Morgen beim Frühstück dann Dettmar Cramer, der Bayern-Trainer: Er habe ja prinzipiell nichts dagegen, wenn Journalisten der Mannschaft möglichst nahe sein wollten. Aber wenn dann einer eine geschlagene halbe Stunde lang brülle nach irgendeinem Herrn Wesemann, dann gehe das doch entschieden zu weit. "Und überhaupt: Wer ist denn nun dieser Herr Wesemann? . . ."

18:46
Hallo HaJu,
dies schreibt Dir ein alter Messdiener-Kumpel, der mit Dir auf dem Ascheberg gekickt hat. Ich gebe zu, dass ich oftmals neidvoll auf Deine Karriere geschaut habe, wenn ich Dich im TV z. B. neben Helmut Schön sitzen sah. Allerdings, die so hochgelobten Kommentare fand ich manchmal etwas zu üppig, zu geschraubt, zu dick aufgetragen. Aber alles muss ja nicht jedem gefallen. Deine Ruhri-Bodenständigkeit jedenfalls ist Dir hoch anzurechnen, da bin ich ganz auf Deiner Seite.
Nichts für ungut.
13:31
Hallo Herr Justen!
Wenn ein Kommentar in der WAZ von Ihnen im Sportteil zu lesen war, las ich den als erstes am Frühstücktisch. Alles, was die verschiedenen Begleitpersonen zu Ihrem Abschied in der WAZ vom Samstag gesagt und geschrieben haben, kann ich nur unterstreichen. Ich werde Ihre Kommentierungen sehr vermissen.
Danke haju und Glückauf
12:57
Hallo Herr Justen!
Men erste Interesse am Frühstückdtisch war die WAZ, wenn ein Mommentar von eine Kommentar von Ihnen im Sportteil zu lesen war. Alles, was die verschiedenen Begleitpersonen gesagt haben, kann ich nur unterstreichen. Ich werde Ihre Kommentierungen sehr vermissen.
Danke haju un Glückauf
Ihr Hans Glasik
10:51
Frage an Radio Eriwan: Ist es vorstellbar, dass ein WAZ-Chefredakteur die armenische Hauptstadt Jerewan (Eriwan) im Kaukasus ans sibirische Weltende verlegt? Antwort: Im Prinzip nein, Aber gibt es eine andere Möglichkeit, sich für den Heinrich-Lübke-Award zu bewerben?
22:26
Das werde ich auch vermissen
11:47
Wie oft ist das passiert:
Montags früh die Zeitung raufgeholt, Sportteil aufgeschlagen und erst mal Justens Kommentar zum Sportwochenende gelesen! Glanzstücke des Sportes!
Das werde ich vermissen!
Glückauf für den Ruhestand!