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Zwangseinweisungen in die Psychiatrie nehmen zu

15.02.2009 | 16:22 Uhr
Zwangseinweisungen in die Psychiatrie nehmen zu

Düsseldorf. Die Anfang 2006 angekündigten Maßnahmen von NRW-Sozialminister Laumann (CDU), die Zahl der Zwangseinweisungen in Psycho-Kliniken zu senken, haben nach WAZ-Informationen bisher nicht gefruchtet. Statt weniger Bürger wurden in NRW mehr Personen gegen ihren Willen eingewiesen.

Das geht aus dem der WAZ vorliegenden aktuellen Bericht des Sozialministeriums über die Entwicklung der Zwangseinweisungen von 1999 bis 2007 hervor. Danach wurden 2007 rund 20 380 Menschen wegen psychischer Auffälligkeiten in die Psychiatrie abgeführt - etwa wegen völliger Verwirrung, Selbstmordgefahr oder Gefährdung anderer Leben. 2006 waren 20 349 Menschen betroffen, 1999 nur 16 373 Bürger.

„Die zwangsweise Einweisung stellt einen erheblichen Eingriff in die Freiheitsrechte eines Menschen dar - und darf daher nur Ausnahme sein”, meint Laumann und schlussfolgerte bereits Anfang 2006: „In NRW besteht Handlungsbedarf. Die Kommunen wären gut beraten, ihr Hilfesystem auf Schwachstellen zu untersuchen.” Doch Arbeits- und Planungshilfen des Landes für die Städte sowie Schulungen für Mitarbeiter sozialpsychiatrischer Dienste reichen offenbar bisher nicht aus.

Was die Situation für psychisch Erkrankte noch verschlimmert: Das Risiko einer Zwangseinweisung ist nach dem Ministeriumsbericht unterschiedlich hoch: Während in Bochum und Herne vorbildlich nur 27 Bürger pro hunderttausend Einwohner zwangs-weggesperrt wurden, sind es in Remscheid mit 333, Bonn mit 259, Münster mit 220, Düren mit 207 und Köln mit 206 gleich mehrfach soviele. „Wo es viele psychiatrische Krankenhausbetten gibt, werden auch viele Einweisungen vorgenommen”, schreiben die Gutachter des Ministeriums.

Nach Angaben der FDP-Fraktion steckt darin auch der Verdacht, dass freie Bettenkapazitäten ausgelastet werden sollen und deshalb schnellere Zwangseinweisungen als notwendig erfolgen. FDP-Gesundheitspolitiker Stefan Romberg sieht noch einen anderen Grund: „Oft trauen sich Erkrankte nicht, um Hilfe in großen psychiatrischen Kliniiken zu bitten, aus der unbegründeten Angst, da komme ich nicht mehr heraus.” Je kleiner und niedrigschwelliger das psychiatrische Hilfsangebot, desto eher wenden sich Bürger freiwillig an Psychologen - und müssen nicht zwangsweise vor sich selbst gerettet werden.

Gründe für vermehrte Zwangseinweisungen sind aber auch die Zunahme älterer verwirrter Bürger, die Unsicherheit mangelhaft ausgebildeter Hausärzte über die tatsächliche Gefährdung eines Patienten und lange Wartezeiten über mehrere Monate für einen Termin bei einem Psychotherapeuten, die die Krankheit des Patienten stark verschlimmern.

Kritisiert wird von der FDP auch die Praxis der Kontrollen von Kliniken: Die gesetzlich vorgeschriebenen jährlichen unangemeldeten Kontrollen würden nicht in allen Kommunen wirklich ohne Vorankündigung durchgeführt.

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Peter Szymaniak

Kommentare
23.07.2011
12:02
Zwangseinweisungen in die Psychiatrie nehmen zu
von jgbk | #4

@ k.Luft

Als Teil des Psychiatrischen Systems müssen sie es wohl verteidigen.
Ich bin selbst Diplom-Psychologe. Ich habe noch nie soviel Unsinn wie...
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Zwangseinweisungen in die Psychiatrie nehmen zu
Zwangseinweisungen in die Psychiatrie nehmen zu
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http://www.derwesten.de/waz-info/zwangseinweisungen-in-die-psychiatrie-nehmen-zu-id506009.html
2009-02-15 16:22
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