Das aktuelle Wetter NRW 13°C
Montagsökonom

Zu wenig Geld für arme Studenten

25.07.2010 | 13:56 Uhr
Zu wenig Geld für arme Studenten

Essen.An dieser Stelle kommentieren Professoren aus der Region jeden Montag aktuelle wirtschaftliche Themen. Prof. Dr. Gerhard Bosch von der Uni Duisburg-Essen bemängelt die Benachteiligung ärmerer Studenten.

Prof. Dr. Gerhard Bosch ist Geschäftsführender Direktor des Instituts Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen.

Die unzureichende Förderung von Talenten aus allen Schichten der Bevölkerung untergräbt auf Dauer die Innovationskraft der Wirtschaft und vermindert Wirtschaftswachstum. Mit dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (Bafög) von 1971 sollte daher Jugendlichen auch aus einkommensschwächeren Familien ein Studium ermöglicht werden. Dieses Ziel wurde nur teilweise erreicht, da die Fördersätze des Bafög hinter dem wirklichen Bedarf zurückblieben.

Weit mehr als in anderen entwickelten Ländern entscheidet in Deutschland die soziale Herkunft über eine Studienteilnahme. Der unzureichende Ausbau des Bafög ist einer der wesentlichen Gründe für diese Ungleichheit. Nach Zahlen der OECD gibt Deutschland nur 0,22 Prozent des Bruttosozialprodukts für die Studienförderung aus, während es z.B. in Dänemark mit 0,67 Prozent dreimal und in Norwegen mit 0,86 Prozent fast viermal soviel sind.

Je größer die finanziellen Probleme, desto geringer die Studierneigung

Wie wichtig eine gute Finanzierung für die Aufnahme eines Studiums ist, wissen wir aus repräsentativen Befragungen von Abiturienten: Je größer die finanziellen Probleme eingeschätzt werden, desto geringer ist die Studierneigung. Außerdem brechen Studenten mit finanziellen Problemen häufiger ihr Studium ab. Durch Geldmangel gehen den Hochschulen also viele Studenten verloren.

Umso überraschender die Entscheidungen des Bundesrats. Er hat soeben eine Erhöhung der Bafög-Sätze abgeschmettert, gleichzeitig aber ein neues nationales Stipendienprogramm verabschiedet. Danach sollen künftig bis zu 160 000 begabte Studierende einkommensunabhängig mit 300 Euro pro Monat unterstützt werden. Der Bund soll 300 Millionen Euro beitragen, die Wirtschaft den gleichen Betrag zuschießen.

Reiner Mitnahmeeffekt ohne jede Steuerungswirkung

Aus ökonomischer Sicht ist dieses Geld schlecht angelegt. Die begabten Studenten aus gut verdienenden Familien werden ohnehin studieren. Natürlich werden sie die Zusatzförderung gerne annehmen. Das ist aber ein reiner Mitnahmeeffekt ohne jede Steuerungswirkung. Noch schlechter sieht die Bilanz aus, wenn man nach den Erträgen alternativer Verwendungsmöglichkeiten fragt. Mit 300 Millionen Euro könnte man mehr Jugendliche aus einkommensschwächeren Familien zum Studium bewegen und das Risiko von Studienabbrüchen verringern. Nur solche nachweisbaren Zusatzeffekte rechtfertigen den Einsatz öffentlicher Gelder.

Gegen eine zielgerichtete Förderung begabter Studenten ist im Übrigen nichts einzuwenden. Das Bafög hat schon immer besondere Leistungen honoriert. So wurden die jahrgangsbesten Absolventen beispielsweise durch einen Teilerlass ihres Darlehens belohnt. Die Bundesregierung hat jedoch vorgeschlagen, dies zu streichen. Kürzungen bei den Bedürftigen und Geschenke an Nichtbedürftige verfestigen aber soziale Ungleichheit und sind ein Beitrag zur Refeudalisierung unserer Gesellschaft.

Der Wirtschaft ist es unbenommen, Stipendien an gute Studenten zu vergeben. Sie hat daran auch ein ureigenstes Interesse, will sie gute Absolventen an sich binden. Die Personalbeschaffung von Unternehmen sollte aber nicht mit öffentlichen Mitteln subventioniert werden.

Gerhard Bosch

Facebook
 
Videos die Sie interessieren könnten
Kommentare
12.08.2010
20:46
Zu wenig Geld für arme Studenten
von Gartenfreunde | #7

arme Studenten,wo den die Haben mehr Geld als ein Harz 4 empfänger.

Haben mehr vorteile.
Haben Bus Handy billiger.
Dann arm?

02.08.2010
00:15
Blockierter Kommentar.
von dumm wie ein linker | #6

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

31.07.2010
16:54
Zu wenig Geld für arme Studenten
von Meierdrei | #5

Herr Prof. Dr. Bosch,
zu Ihrem Bericht als Montagsökonom einige Anmerkungen. (Der vorhergehende Beitrag von Prof. Engartner wurde ja leider gelöscht).
In den angelsächsichen Ländern z.B. bezahlen die Studierenden ihr Studium mit sehr hohen finanziellen Selbstleistungen, das ist auch im asiatischen Bereich nicht unüblich.
Mit der dort praktizierten, gezielten Förderung Hochbegabter die Natur- und Ingenieurwissenschaften studieren und mit Stipendien aus Unternehmen zum Erfolg ihrer Wirtschaft beitragen, existiert ein gutes Modell.
Wenn man bei uns aus PC den Gerechtigkeitskomplex strappaziert, dann ist das in der Relation zu den Länder die ihre Intelligenz fördern, kein Vorteil.

Allein die Tatsache, dass Millionen fleißige, kluge Studierende sich mit sehr wenig Wohnraum und verfügbarem Geld, durch ein Studium kämpfen, ohne dass eine Harz- und Helferlobby das im Geringsten tangiert, liegt nicht da ganz offensichtlich eine Schieflage vor?
Die Studierenden liegen doch mehrheitlich nicht auf der faulen Haut, kriegen keine 45-Quadratmeterwohnung warm, plus 350€ für`s Dasein auf die Hand.
Also ich bin für jede Form der finanziellen Unterstützung fleißiger Studierender und der Mitnahme-Effekt liegt quantitav und qualitativ ganz wo anders.

29.07.2010
02:01
Zu wenig Geld für arme Studenten
von JOGIBAER | #4

#3....
Neuwahlen und Einführung von Volksabstimmungen...Ich bin DAFÜR!!!!

28.07.2010
15:02
Zu wenig Geld für arme Studenten
von Die Miri | #3

Hallo zusammen,

unglaublich was die Politik mal wieder zu der Bafög Erhöhung sagt. Keine Erhöhung des Bafögs und keine Abschaffung der Studiengebühren!!! Man könnte ja einen Studienkredit aufnehmen und sein Leben nach dem Studium mit Schulden beginnen. Ganz toll. Das Verstößt doch gegen das Grundgesetz!!! Ich arbeite safür, dass ich studieren kann, denn das Bafög würde nicht reichen. Unglaublich. Wie viel besser würde es mir gehen, wenn ich endlich keine Gebühren mehr bezahlen müsste. Meine Eltern können mich nicht unterstützen und ich könnte auf jedenfall besser und intensiver studieren, wenn ich mehr Unterstützung bekommen würde. Die Studenten werden vernachlässigt. Wenn man als jugendlicher unvernünftigerweise ein Kind gezeugt hat bekommt man mehr Hilfen vom Staat als ein vernünftiger Student. Neuwahlen!!!

27.07.2010
07:43
Zu wenig Geld für arme Studenten
von theRebel | #2

Es ist schon erstaunlich, das Massnahmen des Staates derart angeprangert werden. Liegt das Problem nicht weiterhin bei den Eltern, den möglichen Studenten und der Wirtschaft? Wer hat die Verantwortung für die Jugendlichen, die Eltern. Warum können die nicht die entsprechende Startaufstellung geben? Wenn es dann knapp wird, kann Bafög beantragt werden, hat auch früher schon geklappt. Und die Wirtschaft kann auch ihren Teil dazu beitragen, indem die Stipendien vergeben werden. Warum klappt das alles heute nicht in Deutschland, was früher o.K. war und in anderen Ländern auch funktioniert? Vielleicht die Einstellung falsch, Mitnahmeeffekte und Gleichmacherei, Nichanerkennung von unterschiedlichen Entwicklungsmöglichkeiten bei Schulabgängern?

25.07.2010
19:51
Zu wenig Geld für arme Studenten
von Dr. Harald Wozniewski | #1

Zur Refeudalisierung unserer Gesellschaft:
www.meudalismus.dr-wo.de

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/3281026/create

Umfrage
Das Aus für die Drogeriekette Schlecker ist besiegelt. Werden Sie Schlecker vermissen?

Das Aus für die Drogeriekette Schlecker ist besiegelt. Werden Sie Schlecker vermissen?

 
Aktuelle Fotos und Videos
Bottrop - Movie Park in Luftbildern
Bildgalerie
Fotostrecke
Essen aus der Luft
Bildgalerie
Fotostrecke
Aus dem Ressort
Hilfsbedarf steigt akut
WAZ-Info
In immer mehr Familien wird Hilfe benötigt, um den alltäglichen Anforderungen gerecht zu werden. Für die Allgemeinheit wird das teuer.
Mit King Kong in der Warteschlange
Kino im Bild
Zwei Wochen lang konnte man die „Kinohelden“ des gleichnamigen Jugendwettbewerbs der Kunst- und Musikschule in der Hauptstelle in Velbert-Mitte sehen. Die Ausstellung ging jetzt mit der Prämierung der Gewinner zu Ende.