Winterdienst im Juli
05.07.2009 | 18:57 Uhr 2009-07-05T18:57:00+0200Die Feuerwehren sind sich nach dem "schwarzen Freitag" einig: „Das war schlimmer als der Jahrhundertsturm Kyrill”
Das Ruhrgebiet ist grün, sicher, aber so ist das eigentlich nicht gemeint: Am Wochenende sind im Essener Stadtteil Katernberg komplette Straßenzüge und Bürgersteige mit Blättern übersät; Wassermassen und Hagelkörner, so groß wie Taubeneier, haben sie von den Bäumen gerissen. „So viel Panik hatte ich in meinem Leben noch nicht”, sagt die 68-jährige Waltraud Klüser. Sie fegt an diesem Sonntagnachmittag den Weg vor ihrem Mietshaus frei und stopft die Blätter in einen Plastiksack, so wie es hier alle machen. „Die Hageleier donnerten ans Fenster, ein Wunder, dass die das ausgehalten haben.” Und dann fiel auch noch der Strom aus, „bis halb vier morgens saßen wir im Dunkeln”. Noch immer sind Schneereste vor den Garagentoren zu sehen, ein bizarrer Anblick bei 27 Grad.
Ruhrgebiet, im Juli, Hagel-Massen auf Katernberg, Winterdienst bleibt stecken, draußen alles weiß – das hier ist das Spektakulärste, was noch zu sehen ist vom Tropensturm. Am Tag danach hat das Ruhrgebiet sich geputzt, getrocknet und geföhnt und frischen, feuchten Sperrmüll nach draußen gestellt. Folge des Durchzugs von „kleinräumigen Gewitter- und Schauerzellen, in Linien organisiert”, wie der Meteomedia-Wettermann Jürgen Weiß das beschreibt. Klingt nicht nach Gewitterfront, klingt nach Gewitterpartisanen: „Es fielen auf engem Raum sehr viel Regen und Hagel, auf mehr Fläche verteilt, wäre es gar nicht so viel.”
Ein Unwetter mit klarer Kante. Großschadenslage punktuell: Es stürzte sich mit aller Macht auf Duisburg, Mülheim, Essen, Gelsenkirchen, Herne, Bochum, Recklinghausen, so ungefähr die Reihenfolge. Wo jeweils die Welt unterging, wo die ersten Menschen fast anfingen, Archen zu bauen, wo die Feuerwehren am Sonntag die Bilanz ziehen, das sei „schlimmer als der Jahrhundertsturm Kyrill gewesen”; während wenige Kilometer weiter ein unglaublich unspektakulärer Julitag seinen lahmen Verlauf nahm.
„Der Regen ist ruhig heruntergekommen”, sagt ein entspannter Feuerwehrmann in Bottrop. Auch in Velbert oder Hattingen war fast nichts, man eilte Nachbarwehren zu Hilfe. Oder, sorry, in Wetter: Da vertrieb sich die Feuerwehr den Tag mit einem falschen Alarm, tatsächlich hatten Leute im Flur gegrillt; und abends musste sie noch zwei verirrte Enten retten. Wie, Weltuntergang?
Zehn Kilometer entfernt. Nacht fiel über sturmumtoste Städte. Der Satz des Abends: „So etwas habe ich noch nie erlebt!” Knapp gefolgt von „Ach du Scheiße”, etwa vor der braunen Brühe im Bahnhof Mülheim. Am Wochenende wird Bilanz gezogen, darin steht neben all den abgesoffenen Kellern, Garagen, Autos, den gestürzten Bäumen, gesperrten Autobahnen und Gleisen: In Mülheim schlug der Blitz ein ins Aquarius, das Wassermuseum, wirklich witzig, es bleibt jetzt zu bis Dienstag; in Recklinghausen spricht die Feuerwehr nach 530 Einsätzen von einem „Schwarzen Freitag”; in Herne klagen Bauern, ihre Ernte sei dahin. Vielen Geschäftsleuten ergeht es wie Andreas Kuhlhoff in einem Gelsenkirchener Bekleidungshaus: Wasser drang ins Erdgeschoss, in Schächte, immer weiter, hoch muss die Ware, hoch, nur hoch: „Wir haben bis drei Uhr gemacht und um sechs wieder angefangen”, sagt Kuhlhoff erschöpft.
Sanitärtechniker raten am Sonntag dazu, Haushalte abwassertechnisch aufzurüsten; indes, bei allem Sturm, hört man da auch eine sanitärtechnische Nachtigall trapsen. Und, kommt das bald wieder? „Wenn man immer an einem Ort bleibt, erlebt man sowas vielleicht einmal in zehn Jahren”, sagt Wettermann Weiß: „Aber in NRW insgesamt haben Sie das jedes Jahr mehrfach.” 1979 habe er erlebt, wie „Legden absoff – seitdem nie wieder”. Freilich ist Statistik kein gutes Ruhekissen, wenn es um Wetter geht: Jahrhunderthochwasser hatten wir in den letzten Jahren schon drei.
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