Unternehmen Weihnachtsgans
06.12.2009 | 11:04 Uhr 2009-12-06T11:04:00+0100
Heiligenhaus. Den Geflügelmästern bringt das Saisongeschäft im Schnitt 34 Euro pro Bratvogel. Und sechs Monate lang viel Arbeit. Noch ist das Geschnatter groß hinter dem Stall des Landwirtpaars Meuersmorp. Bis Weihnachten wird sich der Lärmpegel in Heiligenhaus merklich gesenkt haben.
Insgesamt ist es nach der Vogelgrippe um die Gänsezucht in Deutschland ruhiger geworden. Karin Meuersmorp aber hat keinen Zweifel daran, dass sie ihre Gänse an den Koch bzw. die Hausfrau bringt. Das hat bislang immer geklappt, in den mehr als 20 Jahren im Geschäft mit der Weihnachtsgans. Werbung hat die Landwirtin dafür nicht nötig. „Die laufen für sich selbst Reklame”, sagt Karin Meuersmorp über ihre Vögel. An der Losenburger Straße in Heiligenhaus bevölkern sie jedes Jahr ab Ende Mai die Wiese, die in den schmuddeligen Spätherbstwochen einen grau-braunen Schlammfarbton angenommen hat.
300 Küken kaufen Karin und Friedrich Meuersmorp jedes Jahr im Mai bei einem Züchter aus Westfalen. Damit beginnt die Arbeit: Um 7.30 Uhr dürfen die Gänse raus auf die Wiese. Dann wird der Stall gesäubert, mit Stroh eingestreut, die Tröge mit Futter gefüllt. Das Ganze nachmittags nochmal und abends – in der dunklen Jahreszeit gegen 18 Uhr – geht es für das Federvieh wieder zurück in den Stall. Was nicht immer einfach ist. „Gänse sind mondsüchtig”, erklärt Karin Meuersmorp. „Bei Vollmond muss man mit drei Mann hinterher.”
Es sind weniger geworden, die sich diese Arbeit machen. Laut einer Statistik der Landwirtschaftskammer gab es in NRW zwischen 2003 und 2007 einen Rückgang von 1830 Haltern auf 1249 (- 31,7 Prozent) und von 122 112 Tieren auf 94 125 (- 22,9 Prozent). „Ich vermute ganz stark, dass es mit der Geflügelpest zusammenhängt”, sagt Uwe Spangenberg, Sprecher der NRW-Landwirtschaftskammer. Die Stallpflicht, Ende 2005 wegen der Vogelgrippe verhängt und erst Mitte 2006 gelockert, hat ihren Teil dazu beigetragen. „Viele haben kein Gebäude, wo sie die Gänse lange drin lassen können”, erklärt Spangenberg.
Die Halter, die trotz der Geflügelpest bei den Gänsen geblieben sind, haben es nicht bereut. Im Gegenteil: „Die Nachfrage hat eigentlich angezogen”, sagt Peter Eßer. Er hält in seinem Großbetrieb im niederrheinischen Rommerskirchen 3500 Schlacht- und 800 Legegänse. Der „Gänsepeter”, wie er sich selbst nennt, hat festgestellt, dass die Kunden in Zeiten der Geflügelpest bewusster eingekauft haben. Also eher frische Gänse direkt vom Erzeuger statt tiefgefrorene aus Osteuropa. „Grundsätzlich sind wir gestärkt aus der Krise hervorgegangen.”
Qualitativ seien die deutschen Gänse hochwertiger als die aus Polen und Ungarn, sagt Peter Eßer. Die Gründe: keine Schnellmast, kein Transport, dafür ordnungsgemäße Schlachtung und Lagerung. Quantitativ braucht der deutsche Markt die Gänse aus Osteuropa. Nach einer Analyse von „Marktinfo Eier und Geflügel” werden in Deutschland nur 4000 Tonnen Gänsefleisch produziert, aber 27 000 Tonnen verbraucht. Importland Nummer eins ist Polen (14 500 Tonnen), darauf folgt Ungarn (6400 Tonnen).
Für Karin Meuersmorp und ihren Mann geht kurz vor Weihnachten die Schufterei mit den Gänsen erst richtig los. „Drei Tage sind wir beschäftigt mit Schlachten, Rupfen, Ausnehmen, Verpacken, Kühlen und Verkaufen.” Gänse sind ein Saisongeschäft, das Sankt Martin beginnt und Heiligabend endet.
Beim Geflügelhändler Eickenscheidt in Waltrop kostet ein Kilo Wiesen-Gans zwölf Euro, egal welcher Herkunft. Für das Kilo nehmen die Meuersmorps zehn Euro. Etwa vier Kilogramm bringt eine Gans durchschnittlich auf die Waage. Sechs Euro kostet ein Küken. Da bleiben unter dem Strich 34 Euro pro Gans. Daneben verkauft Karin Meuersmorp in Heiligenhaus Getreide und Erdbeeren. „Ich kann die Landwirte verstehen, die keine Gänse mehr anbieten”, sagt die 58-Jährige.

0mitdiskutieren