Streit um Afghanistan-Einsatz
22.09.2008 | 16:17 Uhr 2008-09-22T16:17:00+0200Bleiben oder gehen? Die Franzosen haben diese Frage längst für sich entschieden. Fast zwei Drittel (62 Prozent) wünschen laut jüngsten Umfragen den raschen Rückzug ihrer Truppen aus Afghanistan.
Ein solches Meinungsbild ist bemerkenswert in einem Land, das militärische Einsätze der Trikolore-Truppe im Ausland - vom Balkan über den Süd-Libanon bis Afrika - bislang mehrheitlich unterstützte. Ein Rückzug kommt für Präsident Nicolas Sarkozy indes nicht in Frage.
Frankreichs internationale Glaubwürdigkeit steht für den amtierenden EU-Ratspräsidenten, der sein Land künftig überdies wieder voll in die Nato-Kommandostrukturen eingebunden sehen will, auf dem Spiel. Rücksicht auf die Stimmungslage im eigenen Land muss Sarkozy aber inzwischen nehmen.
Vor Beginn einer Afghanistan-Sondersitzung des Parlaments am gestrigen Montag versicherte er der Opposition schriftlich, dass das Ziel der Nato-Strategie darin bestehe, den afghanischen Sicherheitskräften, `wo es die Situation erlaubt", die Verantwortung für die Sicherheit im Land zu übertragen. `Wir wollen nicht ewig in Afghanistan bleiben", versicherte Sarkozy. Der sozialistischen Opposition indes war das zu unscharf.
Und zusätzlich angeheizt wurde die heftige Debatte gestern durch die Veröffentlichung eines internen Nato-Berichts, der gravierende Ausrüstungsmängel auf Seiten der Franzosen mit dafür verantwortlich macht, dass Mitte August zehn Trikolore-Soldaten bei Gefechten mit Taliban-Aufständischen ums Leben kamen. Einen solchen, seit längerem grassierenden Vorwurf hatte Verteidigungsminister Herve Morin bislang immer bestritten. Dass Frankreichs Parlamentarier und Senatoren gestern erstmals in der jüngeren Geschichte über die Verlängerung eines Auslandseinsatz ihrer Armee abstimmen mussten, brachte vor allem die Sozialisten in eine Zwickmühle. Sie hätten die Debatte am liebsten vermieden, um die Uneinigkeit in den eigenen Reihen zu kaschieren.
Doch seit Sarkozy vor der Sommerpause eine Verfassungsreform gegen die Stimmen der Sozialisten durchboxte, die auch ein Stück weit seine Allmacht als Chef der Armee beschneidet, muss das Parlament längere Auslandseinsätze fortan billigen - für Sozialistenchef Francois Hollande war das gestern eine Gratwanderung. Auf ein `Nein, aber..." hatten sich die zerstrittenen Sozialisten nach langem internem Ringen verständigt. Mehrheitlich lehnten sie im Parlament die Verlängerung des Einsatzes ab, weil die gegenwärtige Strategie `in die Sackgasse führt". Sie verlangten im Umkehrschluss aber nicht, die inzwischen rund 3300 französischen Soldaten sofort nach Hause zu holen, deren erste Kontingente der sozialistische Premier Lionel Jospin, gemeinsam mit Präsident Chirac, zur Jahreswende 2001/2002 in Marsch gesetzt hatte.
Statt dessen forderten sie eine bessere Informationspolitik der Regierung, eine Debatte über eine neue Strategie Frankreichs und der Nato sowie eine bessere Ausrüstung der kämpfenden Truppe. Sarkozy wiederum muss künftig, trotz der abgesegneten Verlängerung des Afghanistan-Mandats dank der Stimmen seiner konservativen Mehrheit, vorsichtiger agieren. Die Zeiten, in denen er eigenmächtig, ohne jede parlamentarische Beteiligung und öffentliche Debatte, weitere Soldaten als Verstärkung an den Hindukusch entsenden konnte, sind in Frankreich endgültig vorbei.

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